Freiburger Bootcamp: Hier wird auch aus Dir ein harter Hund - oder eine harte Hündin

Philipp Schulte

6 Uhr morgens, Sonnenaufgang: Im Eschholzpark trainieren ein paar Verrückte mit Hanteln und Strickleitern. Sie stählen ihre Muskeln in Freiburgs einzigem Bootcamp, der Frischluft-Alternative zum Fitnessstudio. Unser Autor hat sich aus dem Bett gequält:



Der Schweiß rinnt mir über die Stirn, meine Oberschenkel brennen. Ich sitze in der Luft, ziehe mit den Händen an Gummibändern – vor, zurück, vor, zurück. Rockige Musik dröhnt aus den Boxen. Meine Arme schmerzen, der Wind fegt mir ins Gesicht. „Kommt schon, haltet durch“, ruft Trainerin Yvonne Sedlaczek. Es ist mein erstes Probetraining im  Outdoor Fitness-Bootcamp in Freiburg. Und das begann früh. Sehr früh.

Dienstagmorgen, 6.45 Uhr, Eschholzpark in Freiburg. Hinter den Bergen kündigt sich der Morgen an. Zwei Plastikleitern liegen auf dem Kiesweg,  Seile und Isomatten im taunassen Gras. Yvonne Sedlaczek, dunkelblonde Haare, 1,60 Meter groß, begrüßt mich mit freundlichem Lächeln und per Handschlag. Fängt eigentlich nett an, mein allererstes Fitness-Bootcamp.

Die gibt es in den USA, Australien und Neuseeland schon länger. Dabei sportelt man in der Gruppe unter der Anleitung eines  Fitnesstrainers im Freien – selbst wenn es schneit. Der Begriff kommt aus der Grundausbildung für Soldaten beim US-Militär. Sofort erinnere ich mich an meine Bundeswehr-Zeit: Wie mich Unteroffiziere anbrüllten, während ich mit Gasmaske Liegestütze machte und die  Landeshauptstädte Deutschlands aufzählte. Wird es hier gleich auch so zugehen? 

Sieben Stationen, zwei Runden intensives Intervalltraining

„Nein“, sagt Sedlaczek. „Ich schreie nicht, sondern feuere Euch an.“ Ihr Bootcamp habe nichts Militärisches. Doch ein paar Gemeinsamkeiten zur Bundeswehr gibt es: etwa in aller Herrgottsfrühe zum Sport antreten. Draußen. Im Dunkeln. Bei Kälte. Damals hatte ich Kameraden, die mit mir litten – genau wie heute auch. Sabine, Michaela, Birgit und Daniel trudeln ein. „So, es geht los“, ruft Sedlaczek und startet mit Lockerungsübungen. Danach ist Schluss mit lustig: Knie beugen, der Hintern sitzt in der Luft, Stretchband um die Beine.

„Brust raus, Arme nach hinten!“ Nach zehn Sekunden kribbeln meine Oberschenkel, der Schmerz wandert von den Füßen hinauf. Wär’ ich doch  besser im Bett geblieben.

Weiter geht’s mit Zirkeltraining: sieben Stationen, zwei Runden. „Dabei verbrennt ihr die meisten Kalorien“, sagt Sedlaczek. Eine Teilnehmerin habe während eines Bootcamps – 16 Einheiten in acht Wochen – sieben Kilo abgenommen. Kann das nachhaltig sein? Sedlaczek betont, dass eine gute Ernährung den Trainingseffekt abrunde: zwei Liter am Tag trinken, drei Mahlzeiten, jede mit einer Proteinquelle, die abendliche  kohlenhydratarm; Gemüse dreimal und Obst zweimal am Tag, wenig Alkohol und ausreichend ungesättigte Fettsäuren.

Daniel Bichsel und ich bilden ein Team, beginnen mit Liegestütze. Unsere Hände liegen auf dem Asphalt. „Die Arme näher an den Körper und den ganzen Körper strecken“, fordert Sedlaczek. Sie orientiert sich an Fitnesstrainern wie Mark Verstegen. Der US-Amerikaner drillte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft für die WM 2006 und machte Gummitwist-Übungen für Profisportler salonfähig.

Eine Minute lang müssen wir die Liegestütze durchhalten. Schnell japse ich nach Luft, nach 30 Sekunden kann ich nicht mehr. „Sie guckt nicht“, raune ich Daniel zu, gönne mir eine Pause. Er, der  sportlich gebaute Hobbytaucher, zieht es durch. Japs! Nächste Übung. Sit-ups. Jetzt halte ich aber durch. Schwieriger ist Station drei: Beckenheben. Ich liege auf der Isomatte, strecke meinen Rumpf nach oben. „Und halten. Kopf hinten auflegen“, fordert Sedlaczek. Ich schaue in den blauen Himmel wie schön! „Jetzt die Hanteln auf den Bauch legen und festhalten!“ Nicht mehr schön.

Neben uns pilgern nun die ersten in die Gewerbeschule und beobachten uns, an anderen Tagen, das erzählt Yvonne Sedlaczek, gucken auch oft Tiere vorbei. „Dann watscheln Entenpaare zwischen den Isomatten umher, Eichhörnchen gucken aus großen Augen und Hunde schnüffeln an den verschwitzten Sportlern“, sagt sie. Es ist nun mal ein Outdoor-Bootcamp.

Drei mal die Woche Sport sei optimal, sagt die Trainerin

Nächste Station: Aufstehen und Knie beugen, erneut sitze ich in der Luft, schwinge zwei Seile, mache  wellenförmige Bewegungen. Meine Arme zucken, ich greife  mit den Händen fest zu. „Five, four, three, two, one“, dröhnt eine tiefe Stimme aus den Musikboxen. Ich lasse los. Auf der Koordinationsleiter fühle ich mich als Fußballer eher zuhause. Doch Sedlaczek verlangt mehr als mein Fußballtrainer. „Die Beine so hoch wie möglich reißen und nicht auf die Sprossen treten“, sagt sie – und ich  kippe fast nach hinten um. In einer Minute muss ich da dreimal durch. Ich hechle nach Luft, der Schmerz schießt in meine Oberschenkel.

Zusätzlich zum Bootcamp empfiehlt Sedlaczek, joggen zu gehen. Dreimal die Woche Sport machen sei optimal. Menschen, die im Büro arbeiten, sollten sich ausreichend bewegen. Die 33-Jährige empfiehlt Kräftigungs-, Dehn- und Stabilisationsübungen besonders im Rumpfbereich – für eine bessere Haltung. Die Schultern zu mobilisieren sei dazu extrem wichtig. „Zugübungen mit dem Gummiband bringen sie nach hinten und die Brust nach vorne“, sagt Sedlaczek und ich meine ihren prüfenden  Blick auf meinem runden Studenten-Rücken zu spüren.

Nach dem Dehnen ist es geschafft. Mein Körper dampft vor Schweiß, das T-Shirt ist klatschnass. Ich spüre jeden Muskel, die Schritte sind schwer. Ich trinke Wasser und genieße die Sonne. Sport in der Natur. Besser geht’ nicht.  

Info

Bootcamps gibt es seit vier Jahren in vielen deutschen Großstädten. In Freiburg gibt es nur den Anbieter Original Bootcamp, er startete im Frühling 2015.  Eine Gruppe ist auf zwölf Personen begrenzt. Ein Kurs mit 16 Einheiten kostet 175 Euro, kostenloses Probetraining ist jederzeit möglich.

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Foto-Galerie: Oliver Huber

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