Freiburg und der RWO: Zu Gast bei Malochern

David Weigend

Das Auswärtsspiel des SC Freiburg bei Rot-Weiß Oberhausen gestern Mittag im Stadion Niederrhein ist ungefähr so erregend gewesen wie ein gutes Tässchen Hagebuttentee. Dennoch hat sich der Besuch gelohnt: Nach Abpfiff stürmten Anhänger beider Mannschaften den Rasen und schlossen Fanfreundschaften. Einmal Pott und zurück - im Zeichen des Hammers.



Vorglühen

Samstagnacht, eine Pinte in Essen-Rüttenscheid. Schon nach dem ersten Stauderpils kommt man ins Gespräch mit den Anwesenden: mit Achim, Wirt und Lokalmatador im „Vier gewinnt“; mit dem Glatzkopf, den alle nur „den Griechen“ nennen und der im Laufe des Abends noch so manchen Kartentrick demonstriert, von dem kaum einer aufgeht; und Michael, den offenherzigen Polizisten nach Schichtende: "Beim letzten Vier gewinnt-Turnier kam ich hier morgens an, im Trainingsanzug, mit sooo ner Standarte..." Das ist hier der gängige Ausdruck für Alkoholfahne.

Sobald man sich als Freiburger outet, sagen sie, na klar, tolle Stadt, da waren sie auch schon, und das Beeindruckendste an Freiburg sei doch das mittelalterliche Foltermuseum. Man fragt sich für einen Moment, ob sie nicht die Sportmedizin unserer Uniklinik meinen. Aber sie sprechen wahrscheinlich doch von der inzwischen geschlossenen Tourifalle am Münsterplatz.



Wir vertreiben uns die Zeit am Knobelbecher und mit Nageln, einem beliebten Kneipensport im Pott. Dazu braucht es nur einen Holzpflock, zwei Spieler und einen Klauenhammer. Gehauen wird nicht mit der dicken Seite („Damenseite“), sondern mit der dünnen. Zugeschlagen wird abwechselnd, wer seinen Nagel zuerst drin hat, gewinnt.

Geil, wie unser Mann aus der Beurbarung den Türsteherjungs von den Banditos zeigt, wo der Hammer hängt. Geil auch, wie unser Mooswald-Doc das Vertrauen eines anwesenden Kfz-Mechanikers gewinnt: „Machst du mir Darm, mach ich dir Auspuff!“

Als wir irgendwann morgens die Pinte verlassen, bekommen wir von einem Backwarenlieferanten Brötchen umsonst, direkt von der LKW-Rampe: „Hier, nehmt den Müll, muss ich sonst eh’ wegschmeissen.“ Den schärfsten Döner vom Pott lassen wir uns trotzdem nicht entgehen, morgens um 5 Uhr, am Essener Hauptbahnhof.



Anfeuern

Willkommen in der Kanalkurve im Stadion Niederrhein. „Zehntausend Freiburger“ sind hier nach eigener Angabe versammelt, in Wirklichkeit sind es ein paar Tausend weniger. Unter ihnen zum Beispiel acht Fans, die im Großraumtaxi (!) aus Wieslet im Kleinen Wiesental angereist sind. Respekt! „Wir sind seit 5 Uhr morgens unterwegs. Da sind schon einige Biere geflossen.“ Einige Biere hat in seinem Leben auch schon der hundertjährige Willi Neumann getrunken, der als Ehrengast vor Anpfiff ans Mikrofon gezerrt wird. Er tippt auf 2:1 für RWO und ganz daneben liegt er damit ja nicht.



Die Imagestrategen von Rot-Weiß Oberhausen, allen voran Präsident Hajo Sommers (siehe Foto unten mit Unterhose, Herr Dufner, überlegen Sie sich das doch mal!), haben es verstanden, dem Traditionsverein den erdigen Anstrich des ehrlichen Malocherclubs zu geben und das aus gutem Grund. 2005 stand RWO kurz vorm Konkurs, inzwischen ist der Verein halbwegs konsolidiert, dennoch tragen die Fans Shirts mit der Aufschrift „Wir haben alles außer Kohle“.



Beim Anpfiff entrollen die RWO-Fans von der Handtuch-Mafia Transparente mit Slogans wie: „Danke für die harte Maloche!“ und „Sieger stehen da auf, wo Verlierer liegenbleiben!“



Im Stadionheft sind die RWO-Spieler unter dem Titel „Kolonne Luginger“ dreckverschmiert abgelichtet, ein Malochergimmick, den auch andere Pottmannschaften inzwischen übernommen haben. Nette Geste: Die RWO-Verantwortlichen legen dem SCF einen Packen Stadionzeitschriften in die Kabine, Headline mit Kirschtortenfoto: „Schwarzwälder vom Feinsten! RWO gratuliert dem SC Freiburg zum verdienten Aufstieg.“



Schön Oldschool kommt auch die Anzeigetafel rüber. Bei der Aufstellung erscheinen die Köpfe der Spieler in einer Grobpixelgrafik, die an die kaum erkennbaren Karatekämpfer aus dem „Double Dragon“-Gedaddel der ersten Gameboy-Generation erinnert.

Wie gesagt, der Kick selbst ist in etwa so interessant, wie wenn man einem Grablicht beim Runterbrennen zuschaut. Dutt lässt einige Spieler aus der zweiten Garde spielen: Butscher sitzt in Zivil im Stadion, Abdessadki hat Rücken und Schuster zieht sein Trikot nach Abdruck ohne Schweißabdruck aus, um es einem erfreuten Fan in die Kanalkurve zu werfen.



Das Tor des Tages durch Terranova in der 80. Minute wird von den RWO-Fans frenetisch gefeiert, aber auch im SC-Block ist die Stimmung gut, man singt: „Hurra, Ihr dürft den Meister sehn!“, „Wir steigen auf – und Karlsruh ab!“, „Nie mehr DSF!“ und die üblichen Standards. Auch die nicht anwesenden Fans werden mit „Diffidati con noi!“ gewürdigt. Dazu gibt es feine Guggemusik aus Oberwolfach.



Après-Kick

Die eigentliche Party beginnt aber erst nach Abpfiff. Der RWO hat nach acht sieglosen Spielen den ersten Sieg eingefahren, obendrein den entscheidenden zum Klassenerhalt. Die Kleeblattfans sind nicht mehr zu halten und stürmen das Spielfeld. Fans umarmen Spieler, und noch besser: Fans umarmen Gästefans. Unter den Augen der wohlfrisierten Stadionordner in Gelb lassen es sich die Anhänger des SCF nicht nehmen, den Zaun zu übersteigen und mit den Malocherkollegen Fanfreundschaften zu besiegeln: Man klatscht sich ab, tauscht Schals, trinkt Freibier, macht Fotos Arm in Arm.



Bald schallt es „Freiburg und der RWO“ durch die Kanalkurve. Beim gemeinsamen „Humba-Tätärää“ werden dem neuen Fan-Freund erste Lektionen vereinsspezifischer Abneigungen beigebracht: „Gebt mir ein Scheiß-VfB!“, und umgekehrt „Gebt mir ein Scheiß RWE!“ Freiburger beglückwünschen RWOler zum Klassenerhalt, Oberhausener gratulieren Freiburgern zum Aufstieg: „Und haut mir die Bayern wech! Die hassen wir nämlich!“ Machen wir, kein Problem. Bis dahin haben wir den Targamadze auch so weit, dass er den Demichelis umhaut.



Dass solche Szenen nicht selbstverständlich sind, hat man am Samstag ein paar Kilometer entfernt in Bochum sehen können. Nachdem der VfL im heimischen Ruhrstadion durch einen 2:0-Erfolg gegen die Frankfurter Eintracht ebenfalls den Klassenerhalt sichern konnte, musste die Polizei nach Abpfiff schon gewaltig aufpassen, dass sich die Fans aufgrund gegenseitiger Provokationen nicht an die Gurgel gingen.



Für die Malocher heißt es jetzt also „Schicht im Schacht“. Während Kevin Schlitte sich beim Gang zum Mannschaftsbus noch wundert „Wo sind die denn alle?“, beklatschen SC- und RWO-Fans den Strip des pilsüberschütteten RWO-Verteidigers Daniel Embers, der ausgelassen auf dem Dach der RWO-Geschäftsstelle tanzt. Wir beißen in Buletten, spülen das Ganze mit lecker Pils runter und rufen: „Maloche lohnt! Freiburg und der RWO!“

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