Freiburg und der Kolonialismus: Was heute in der Kolonialforschung passiert

Katharina Federl

Die Rolle Freiburgs im deutschen Kolonialismus wird seit einigen Jahren in der Region immer öfter diskutiert. Trotzdem ist sie bis heute noch weitgehend unerforscht. Das versuchen zwei Forscher aus Freiburg zu ändern.

Der deutsche Kolonialismus: Ein Thema, mit dem sich heutzutage kein Freiburger mehr zu beschäftigen braucht? Das sehen der Kolonialforscher Dr. Heiko Wegmann und der Historiker und Leiter des Uniarchivs Prof. Dr. Dieter Speck anders. Ersterer forscht seit 2005 mit seinem Projekt freiburg-postkolonial.debegeistert an der Freiburger Kolonialgeschichte, der andere untersucht unter anderem Zeugnisse, die auf eine koloniale Vergangenheit hinweisen, auf naturwissenschaftlicher Basis. Sie forschen an derselben Sache, aber teilen nicht immer dieselbe Meinung.


Was die beiden gemeinsam haben? "Den Willen, über Ungewisses in der Vergangenheit aufzuklären", so formuliert es Speck.
Die deutschen Kolonien wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts erworben und sollten vor allem zur Sicherung der deutschen Wirtschaft und dem Handel dienen. Schon nach dem ersten Weltkrieg mussten sie gemäß dem Versailler Vertrag wieder abgetreten werden. Welche Rolle hat Freiburg und haben Freiburger in dieser Zeit gespielt?

Insgesamt wurden 22 Schädel aus Freiburg an ehemalige deutsche Kolonien zurückgegeben

Spätestens als 2011 die ersten Herero-Schädel aus Freiburg an Delegierte aus 14 verschiedenen ethnischen Gruppen in Namibia zurückgegeben wurden, dürfte jedem klar geworden sein: Auch Freiburg hat in Bezug auf kolonialistische Aktivitäten wortwörtlich Leichen im Keller. Wie und weshalb die Schädel nach Deutschland gelangten, lässt sich heute schwer sagen. Wegmann ist sich der Herkunft sicher. Für Speck hingegen bleibt stets eine Restunsicherheit.

Acht Jahre später, im April 2019, wurden weitere acht Schädel aus der Alexander-Ecker-Sammlung des Freiburger Universitätsarchivs an eine Delegation aus Australien übergeben. Die Sammlung ist im Uniseum zu sehen. Insgesamt 22 Schädel, die aus Freiburg an ehemalige Kolonien zurückgegeben wurden.

"In den letzten Jahren ist in Bezug auf die Kolonialforschung in Freiburg viel passiert." Heiko Wegmann

Wenige Tage danach wurde im Informationszentrum 3. Welt (iz3w) anonym ein Paket abgestellt, das an Heiko Wegmann adressiert war. Der Inhalt: Zwei Schädel mit zugehörigen Unterkiefern, die anhand der Beschriftungen darauf schließen lassen, dass sie von der pazifischen Insel Nauru stammen. Das Uniarchiv bestätigte, dass die Schädel ebenfalls aus der Ecker-Sammlung stammen und dort schon 2001 fehlten. Bis Januar 2020 läuft die Beantragung eines Forschungsprojekts, das prüfen soll, ob die Angaben an den Schädeln stimmen können.

Was Wegmann wichtig ist: Sich noch tiefer mit dem Thema auseinanderzusetzen, damit Zusammenhänge geklärt und neue Schlüsse gezogen werden können. Je mehr Aufmerksamkeit das Thema bekommt, desto mehr Gegenstände werden gefunden. "Man kann ja noch gar nicht sagen, wie viel Freiburg im Vergleich zu anderen deutschen Städten mit Kolonialismus zu tun hatte. Eine lokale koloniale Geschichtsforschung wurde noch gar nicht systematisch geleistet." Was man weiß: Max Knecht (1847-1954) spielte in der Freiburger Kolonialgeschichte scheinbar eine zentrale Rolle.

"In den letzten Jahren ist in Bezug auf die Kolonialforschung in Freiburg viel passiert", bestätigt Wegmann. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Freiburg eine erste Studie zur Rolle der Stadt im deutschen Kolonialismus. Das steigende Interesse am Kolonialismus sei auch an der öffentlichen Resonanz zu erkennen: Ein größeres Grundwissen ist über das Thema vorhanden, kritischere Fragen werden gestellt. "Das Thema verfestigt und verstetigt sich. Früher war der Kolonialismus ein Randthema, heute ist er in vielen Bereichen wichtig", erklärt der Leiter des Projekts freiburg-postkolonial.de.

Die deutsche Kolonialismus-Vergangenheit wird oft verdrängt

Doch wieso setzt man sich erst seit den 2000ern intensiv mit dem Thema auseinander, wenn Freiburg eine scheinbar ausgeprägte koloniale Vergangenheit hat? Erstens sei die deutsche Kolonialzeit im Vergleich zu anderen Ländern sehr kurz gewesen, sagt Wegmann. Die direkt daran anschließende NS-Zeit überschattete in der deutschen Geschichte scheinbar alles, was vor ihr passiert sei. Zweitens hätten deutsche Behörden immer verhindert, dass das Kolonialismus-Thema in der Öffentlichkeit aufkommt, sagt Wegmann. "Man hatte keine Sensibilität dafür", erklärt Dieter Speck. Als dritten Punkt formuliert Wegmann den Gedanken, der bei vielen noch fest verankert ist: "Der Kolonialismus wurde ja früh beendet, deshalb ist er für die heutige Zeit auch nicht mehr wichtig."

"Manche Sammlungen wurden ohne schriftliche Dokumentation immer wieder vervollständigt." Dieter Speck
Dass die koloniale Forschung keine leichte Aufgabe und mit viel Aufwand verbunden ist, zeigt Dieter Speck auf. Insgesamt gibt es über 1500 Objekte im Uniarchiv. Nur eine sehr kleine Schnittmenge im Archiv stammt aus der kolonialen Vergangenheit. "Und selbst bei den Objekten, von denen wir vermuten, dass sie aus ehemaligen deutschen Kolonien kommen, können wir uns nie ganz sicher sein", erklärt der Leiter des Uniarchivs. Das liegt unter anderem daran, dass die Sammlungen durch zwei Weltkriege schwer beschädigt oder ganz zerstört wurden. "Manche Sammlungen wurden ohne schriftliche Dokumentation immer wieder vervollständigt. Deshalb kann man sich oft nicht auf die Beschriftungen und Jahreszahlen verlassen", gibt Speck zu.

In den nächsten Jahren wird es verschiedene Ausstellungen zum Kolonialismus in Freiburg geben

Diejenigen Schädel, die über Drittmittelprojekte untersucht wurden und sehr wahrscheinlich koloniale Zeugnisse sind, werden zurückgegeben. Das ist der Fall, wenn die vorhandenen Schriften mit den anderen Untersuchungskriterien übereinstimmen.

"Die koloniale Forschung ist wie ein riesiges Mosaik Stück für Stück zusammenzusetzen", beschreibt Wegmann. Sie kann sehr frustrierend sein, da manche Archivalien seit Jahrzehnten im Privatbesitz sind und man deswegen nicht an sie herankommt. Andererseits sei es aber auch spannend, immer wieder neue unerwartete Erkenntnisse zu gewinnen: "Mein Wissen über den Kolonialismus erweitert sich ständig, da gibt es oft Aha-Effekte", erzählt Wegmann.

Für die nächsten Jahre ist einiges geplant: Dieter Speck will die Unisammlung genaustens dokumentieren, sodass mehr und mehr Funde zurückgegeben werden können. "Ich finde es wichtig, die gesamte Sammlungsgeschichte offenzulegen", betont der Historiker. Ende 2021 soll es im Augustinermuseum außerdem eine Ausstellung zum Kolonialismus in Freiburg geben und auch das Museum Natur und Mensch will sich 2020 anlässlich seines 125-jährigen Jubiläums mit der kolonialen Forschung der letzten Jahre beschäftigen.
Werke zum Kolonialismus in Freiburg

Vom Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika zur Kolonialbewegung in Freiburg, Heiko Wegmann. Rombach-Verlag, Freiburg, 2019.

Freiburg und der Kolonialismus. Vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus.Band 42 des Stadtarchivs, Freiburg, 2018.


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