Freiburg und der Kolonialismus

Philipp Aubreville

Seit 2005 arbeitet der Freiburger Journalist Heiko Wegmann auf seiner Website freiburg-postkolonial.de einen fast vergessenen Aspekt der Freiburger Stadtgeschichte auf: Die Beteiligung von Freiburger Bürgern und Institutionen am deutschen Kolonialismus. Ein Thema, das in Freiburg heute niemanden mehr zu interessieren braucht? "Im Uni-Archiv lagern noch heute Herero-Schädel, die sich der Freiburger Rasseforscher Eugen Fischer besorgt hat. Wie soll man das Namibiern erklären?"



Deutschlands Kolonialherrschaft begann 1884 vergleichsweise spät und erstreckte sich über Teile Afrikas, Ozeaniens und sogar Chinas. Mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg fand sie ein jähes Ende und ist deshalb für viele nicht mehr als eine Fußnote der Geschichte.


Überlagert vom Grauen der NS-Diktatur und relativiert anhand anderer Kolonialmächte wie England oder Frankreich, fristete dieser Aspekt der deutschen Vergangenheit selbst unter Historikern lange eher ein Schattendasein.

Erst als sich 2004 der sogenannte Aufstand der Herero, einem Volk im heutigen Namibia, deren Widerstand gegen die deutsche Kolonialpolitik mit militärischer Gewalt niedergeschlagen wurde, zum hundersten Mal jährte, schaffte es das Thema im großen Stil in die Medien.

Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte sich auch Heiko Wegmann, Redakteur der Freiburger entwicklungspolitischen Zeitschrift „iz3w“, verstärkt mit dem Thema: „Ich habe dabei unter anderem gelernt, dass die verheerende Kriegsführung der sogenannten ‚Schutztruppe’ damals in der deutschen Öffentlichkeit sehr breit wahrgenommen und gerechtfertigt wurde. Dann stand für mich die Frage im Raum, wie das eigentlich konkret in einer Stadt wie Freiburg gewesen ist, die jetzt erst einmal nicht wie Hamburg oder Berlin von kolonialer Infrastruktur geprägt war.“

Schon beim Lesen hundert Jahre alter Ausgaben der „Freiburger Zeitung“ fiel die Art und Weise auf, mit der Kolonialismus seinerzeit in Freiburg angegangen wurde. So kündigte dort der Freiburger Turnverein eine Aufführung unter dem Titel „Unerwartetes aus Afrika. Originalkriegsspiele der Bantuneger mit Keule und Geheule" an, in der es um die Unterwerfung der Herero ging.

Mit der Zeit kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass Freiburg in Bezug auf kolonialistische Aktivitäten alles andere als ein unbeschriebenes Blatt war. Kolonialistische Veranstaltungen an der Universität, eine radikale Blattlinie der „Freiburger Zeitung“ oder die regen Tätigkeiten diverser einschlägiger Vereine – was Heiko und sein aus Kolonialhistorikern, Journalisten und Praktikanten bestehender Unterstützerkreis zu Tage fördern, berührt viele Bereiche: „Man kann sagen, dass Freiburger keinesfalls besser waren als andere. Die Lage fernab der Küste oder liberale Traditionen haben da in Mentalitätsfragen nicht geholfen. Meines Erachtens sollte die Stadtverwaltung die Erforschung ihrer kolonialen Verwicklungen finanzieren – die Stadt war etwa seit 1926 zahlendes Mitglied der Kolonialgesellschaft – ebenso hätte die Uni da einiges aufzuarbeiten.“

Auch nachdem Deutschland seine Kolonien verloren hatte, war dieses Kapitel noch nicht abgeschlossen. In der Weimarer Republik und im Dritten Reich leisteten sogenannte „Kolonialrevisionisten“ Lobbyarbeit, um die Politik zur Rückgewinnung der ehemaligen Kolonien zu drängen. So auch in Freiburg, wie Heiko anhand seines bisher spannendsten „Falls“ zeigt: „Das war sicher der Kolonialoffizier Max Knecht, der Vorsitzender der Kolonialgesellschaft, verschiedener Militärvereinigungen, Präsident der Museumsgesellschaft und Stadtverordneter war. Er hat 1935 die Reichskolonialtagung und eine große Kolonialausstellung nach Freiburg geholt. Das war ein Mega-Event sondergleichen mit tausenden TeilnehmerInnen. Ganz Freiburg stand unter dem Zeichen von Kokospalme und Hakenkreuz. Die Stadt hat das finanziell, logistisch und ideologisch unterstützt und es kamen reichlich Kolonial- und NS-Promis – z.B. acht ehemalige Gouverneure, zwei Reichsstatthalter und die Reichsfrauenführerin – hierher, um nach deutschem Lebensraum in Afrika zu rufen.“

Seit 2005 stellt Heiko derartige Ergebnisse seiner Recherchen auf der Website freiburg-postkolonial.de ins Netz. Die ebenfalls auf der Seite veröffentlichten Hintergrundartikel und Buchrezensionen zogen zunächst eher das einschlägige Fachpublikum an und weniger an Freiburger Lokalgeschichte Interessierte: „Schon nach kurzer Zeit meldete sich jemand aus Australien, der Informationen zu einer Detailfrage haben wollte.“

Inzwischen hat sich die Website, die mit zuletzt 30.000 monatlichen Clicks ihre Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppeln konnte, allerdings auch in Freiburg eine Basis aufgebaut und arbeitet beispielsweise mit dem Adelhausermuseum oder dem Kommunalen Kino zusammen.  

Dennoch attestiert Heiko vielen Freiburgern mangelndes Problembewusstsein: „Häufig schlägt einem blankes Staunen entgegen. ‚Hä, hatte denn Freiburg Kolonien?’ ist so eine typische Frage. Ein Kernproblem ist, dass man Kolonialismus für etwas Exotisches hält, das lange her ist und, wenn überhaupt, nur die jeweiligen Länder angeht.“

Wie anders die Wahrnehmung des Themas in diesen Ländern ist, erlebte Heiko, als er das ehemalige „Deutsch-Südwestafrika“ bereiste: „Bei einem Interview, das ich in Namibia mit einem Herero-Chief gemacht habe, sagte er mir, dass die Deutschen die Kolonialgeschichte und den an ihnen begangenen Völkermord vergessen hätten. Die Herero aber könnten ihn nicht vergessen, weil er alles für sie verändert habe. Im Uni-Archiv lagern noch heute Herero-Schädel, die sich der Freiburger Rasseforscher Eugen Fischer besorgt hat. Wie soll man das Namibiern erklären?

So wird sich Heiko, der das Projekt hauptsächlich ehrenamtlich betreibt, auch weiterhin dem kolonialistischen Kapitel der Freiburger Stadtgeschichte widmen: "Die lokale Aufarbeitung soll helfen bei der Erkenntnis, dass es um eine geteilte Geschichte geht, derer man sich nicht einfach durch Vergessen entledigen kann."



Web: Freiburg Postkolonial

[Disclaimer: fudder-Mitarbeiter Philip war von Juli bis September Praktikant bei freiburg-postkolonial.de.]