Freiburg im Nationalsozialismus: 6 Gründe, warum Du Dir diese Ausstellung ansehen solltest

Elena Stenzel

Seit November läuft im Augustinermuseum die Sonderausstellung "Nationalsozialismus in Freiburg". Sie zeigt die Biographien von 30 Freiburgern - von Menschen und Monstern - während des Dritten Reichs. 6 Gründe, warum Du Dir diese Ausstellung ansehen solltest.

Freiburg war nicht immer so grün wie heute. Es war sogar mal sehr, sehr braun. Das Augustinermuseum zeigt aktuell die Sonderausstellung "Nationalsozialismus in Freiburg". Anhand von 30 Biographien wird das Leben unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Freiburg nachgezeichnet. Dabei präsentiert die Ausstellung alle Seiten: Täter, die dem Führerkult verfielen, Mitläufer, die Aufstiegschancen witterten, Opfer, die terrorisiert und ermordet wurden.


Fudder hat die Ausstellung besucht und für euch 6 Gründe zusammengefasst, warum die Ausstellung einen Besuch Wert ist.

1) Fragen über Fragen:

Die Ausstellung beginnt mit Fragen. Wer ist fremd? Wer ist verantwortlich? Wie konnte das passieren? Who judges? Warum ist ein Menschenleben mehr wert als ein anderes? Das sind Fragen, die sich jeder mal gestellt hat. Diese so einmal vorgeführt zu bekommen, ist schon ein eindrücklicher Start in die Thematik. Das Erschreckende: Die Themen Ausgrenzung, Verfolgung und Unterdrückung sind heute noch genauso aktuell.
  • Wir finden: Der Einstieg ist gelungen und lässt uns über die Vergangenheit und das Jetzt nachdenken.

2) Stefan Meiers Aktentasche

Stefan Meier war von 1924 bis 1933 Reichstagsabgeordneter der SPD. Als Sozialdemokrat und Parlamentarier war er der örtlichen NSDAP ein Dorn im Auge. 1933 war er einer der mutigen 94, die gegen das Ermächtigungsgesetz stimmten, das Hitler erlaubte, Gesetze ohne die Zustimmung des Reichstags zu erlassen. Kurzzeitig kam er deshalb ins KZ Ankenbuck. 1941 wurde er von einer Nachbarin, vermutlich absichtlich, in ein Gespräch über die Russlandfeldzüge verwickelt, in dem er Hitler als "größenwahnsinnigen Dschingis Khan" bezeichnete und Zweifel an den angeblichen militärischen Erfolgen äußerte. Die Nachbarin denunzierte ihn und er wurde wegen "Wehrkraftzersetzung" zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach der Haft wurde er ins KZ Mauthausen deportiert, wo er an den Folgen der Lagerhaft starb. Die ausgestellte Aktentasche ist das Original, in dem Stefan Meier parlamentarische Unterlagen transportierte. Heute erinnert die Stefan-Meier-Straße an einen mutige Mann, der sich das Denken nicht verbieten ließ.
  • Wir finden: Seine Courage, die Wahrheit zu sagen, zu einem Zeitpunkt zu dem sich niemand mehr traute, den Mund aufzumachen, ist Grund genug die Ausstellung zu besuchen.

3) Die SA-Uniform von Karl Kuchenmüller

Die SA war die Sturm-Abteilung des NS-Regimes. Eine Art Schlägertrupp, deren Hauptaufgabe darin Bestand, durch Straßenterror Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Hakenkreuzbinde der Uniform von Karl Kuchenmüller sticht in Signalrot hervor, sie ist beschmiert – es sieht aus wie Blut. Der Dolch trägt den Schriftzug "Alles für Deutschland". Die Uniform verdeutlicht die Kaltblütigkeit und Grausamkeit der SA. Führender Kopf der Freiburger SA war übrigens nicht Kuchenmüller, sondern SA-Obergruppenführer Hanns Ludin. Nach Anfangsschwierigkeiten mit der NSDAP und sogar einer Inhaftierung wurde er 1931 mit der Führung des SA-"Gausturms" Baden betraut. 1940 wurde er sogar in den diplomatischen Dienst für die Slowakei berufen. Akten bezeugen, dass Ludin über die Deportation slowakischer Juden in Kenntnis gesetzt wurde und somit die Mitverantwortung an der Ermordung von mindestens 60.000 slowakischen Juden trägt. 1947 wurde Ludin in Bratislava zu Tode verurteilt und gehängt.
  • Wir finden: Man muss sich auch mit dem Grauen beschäftigen, um zu wissen, was richtig und was falsch ist. Außerdem kommt die Ausstellung nahezu ohne Schockbilder aus. Sie ist eindrücklich, erdrückt den Besucher aber nie oder bringt ihn über die Grenzen des für ihn ertragbaren.

4) Fotos

Über und über ist die Kaiser-Joseph-Straße, damals Adolf-Hitler-Straße, mit rot-schwarz-weißen Hakenkreuzfahnen behängt, die versammelten Menschen strecken den rechten Arm zum Hitlergruß: Es sind Massen. Beim Anblick wird einem fast schlecht – so viele Freiburger und Südbadener waren also glühende Hitler-Verehrer? Die zum Teil colorierten Originalaufnahmen zeigen in einer Direktheit, wie fest der Breisgau im Griff des NS war. Nicht ohne Grund hat die Ausstellung das Foto eines Trachtenträgers beim Kreisparteitag der NSDAP auf dem Münsterplatz als Titelfoto gewählt. Es ist plakativ und ausdrucksstark.

Als Betrachter der Bilder ist man zwiegespalten: Zum Einen kann man den genauen Ort in Freiburg bestimmen, zum Anderen hat die Stadt auf den Bildern nichts mit dem sonnigen, weltoffenen Freiburg von heute gemeinsam. Ein anderes eindrückliches Foto zeigt das kriegszerstörte Freiburg nach dem Luftangriff vom 27. November 1944. Es ist eine Luftbildaufnahme der Freiburger Altstadt und entstand im Sommer 1945 nach dem Einmarsch französischer Truppen. Am Abend des 27. November war die Stadt von britischen Fliegern bombardiert worden. Beim gerade einmal 20-minütigen Bombardement starben 2797 Menschen, etwa 9600 wurden verletzt. Auf dem Foto hat kaum ein Haus noch ein Dach, inmitten von Schutt und Asche ragt das Münster heraus. Zeitzeugen berichten, dass der Erhalt des Münsters für viele ein Zeichen der Hoffnung war.

Die Fotos machen deutlich: Hier geht es um Deine Heimat. Hier werden nicht irgendwelche Geschichten aus der Vergangenheit hervorgekramt. Sondern es geht ganz konkret um Deine Heimatregion und die Menschen, die hier lebten und wirkten. Vielleicht erkennst Du ein Gesicht oder einen Namen wieder oder du erinnerst dich, wie Deine Oma von der Nacht im Luftschutzbunker erzählte.
  • Wir finden: "Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft!" (Wihelm von Humboldt). Das gilt besonders, wenn es um die Geschichte der eigenen Heimat geht. Denn: Wir sind die letzte Zeitzeugen-Generation, wer, wenn nicht wir, kann unserer Nachwelt davon erzählen?

5) Berta Ottenstein

Berta Ottenstein steht hier, weil Geschichten wie die ihre viel zu wenig erzählt wurden. Berta Ottenstein habilitierte sich 1931 als erste Frau Deutschlands an der Uni Freiburg für Dermatologie. Eine große akademische Karriere stand ihr bevor – zumindest sah es so aus, bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten – ihre vielversprechende Karriere ereilte ein jähes Ende. Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurde sie 1933 zuerst vom Dienst beurlaubt, kurz darauf komplett entlassen. Sie emigrierte in die USA und überlebte somit die Verfolgung durch die Nazis. Ihre berufliche Karriere lag jedoch am Boden.

Im Ausland fasste sie nie Fuß, fiel zweimal durch das amerikanische Staatsexamen und musste sich als Putzkraft über Wasser halten. Während hochrangige SS-Mitglieder auch nach Kriegsende und Entnazifizierung weiterhin gute Posten in Freiburg inne hatten und Ansehen genossen, war Berta Ottensteins Karriere von den Nationalsozialisten völlig zerstört worden. 1956 starb sie kurz vor ihrer Rückkehr nach Deutschland und kurz, nachdem sie einen Wiedergutmachungsbescheid vom Land Baden-Württemberg erhalten hatte.
  • Wir finden: Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit verdient mehr Aufmerksamkeit.

6) Gertrud Luckner

Erst 1931 zog die gebürtige Britin nach Freiburg. Als Adoptivkind deutscher Eltern pflegte sie stets Kontakte ins Ausland und nutze diese, um Juden die Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen. Ab 1941 wurde sie durch den Erzbischof Gröber mit einem "außerordentlichen Seelsorgeauftrag" versehen, um Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und jüdischen Familien zu helfen. In der Reichspogromnacht 1938 radelte sie zum Beispiel durch ganz Freiburg, um Juden zu warnen. 1943 wurde sie verhaftet und ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück interniert.

Sie überlebte und kehrte zum Deutschen Caritasverband zurück, wo sie die "Verfolgtenfürsorge" einrichtete und bis Ende der 60er leitete. Sie wurde als erste deutsche Katholikin nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel eingeladen. Als "Heldin des jüdischen Volkes" widmete der jüdische Nationalfond ihr einen Gertrud-Luckner-Hain. 1966 kam die höchste Ehrung: In Yad Vashem, der bedeutendsten Holocaust-Gedenkstätte, wurde sie als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet, eine der höchsten Ehrungen des Staates Israel für Nichtjuden. 1995 starb sie in einem Altenheim in Freiburg.
  • Wir finden: Gertrud Luckners Zivilcourage und Selbstlosigkeit machen uns stolz. Sie ist ein Vorbild für uns alle.


Disclosure: Die Auflistung ist exemplarisch herausgegriffen und stellt keine Rangfolge oder Ähnliches dar, sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das Augustinermuseum stellt viele weitere Schicksale aus, die genauso bewundernswert oder abschreckend waren, wie die oben genannten.

Was: Sonderausstellung "Nationalsozialismus in Freiburg"

Wann: bis 7. Oktober 2017

Wo: Augustinermuseum, Augustinerplatz 1-3

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr

Eintritt: 7 Euro, Ermäßigt 5 Euro, unter 18 freier Eintritt