Freiburg im Daumenkino

Meike Riebau

Reinhard Schmidt ist Erfinder des Daumenkino-Projekts "24h Freiburg". Der 21-Jährige filmt und fotografiert Freiburgs prominente und unbekannte Seiten. 16 Stunden Film und 2500 Fotos hat er schon zusammengetragen. Ende Januar soll seine Freiburg-Hommage fertig sein. Hier kommt ein Vorgeschmack.



Ein Markttag auf dem Münsterplatz, vom Aufbau der Stände um 6 Uhr morgens bis zur Ankunft der Stadtreinigung um 16 Uhr, der Verkehrsfluss an der Johanneskirche, gefilmt durch die Reflektion eines Verkehsspiegels, oder das wechselnde Aufleuchten und Verlöschen von Lichtern in den Fenstern zweier Hochhäuser in Weingarten im Laufe eines Abends: Die Motive und Bilder, die der 21-Jährige fürs Daumenkino eingefangen hat, könnten unterschiedlicher nicht sein.


Liebe zum Detail und eine gewisse Hartnäckigkeit sind es, die den Grafikdesignstudenten Reinhard Schmidt (fudder-Profil) seit über einem Jahr antreiben. „Auf die Idee bin ich gekommen, als ich eines Tages ein Comic-Daumenkino angeschaut habe, und mir dabei dachte, dass die Möglichkeiten dieses Mediums bei Weitem noch nicht ausgereizt sind." Auch der Film Koyaanisqatsi, ein Film, der nur aus aneinander montierten Bildsequenzen besteht, hat den Hobbyfotografen und -filmer inspiriert.



„Viele Dinge nehmen wir als statisch wahr, wie etwa den Verkehrsspiegel oder eine Baustelle mit Kränen – in einem Daumenkino kann man durch die Verknappung zeigen, wie viel lebendige Bewegung eigentlich in diesen Szenen steckt“, erklärt er.

Seit Januar 2008 streift er mit DV-Kamera und Fotokamera durch die Stadt, auf der Suche nach Szenen, die sich für seinen Hosentaschen-Film eignen. "Freiburg hat auf der einen Seite so viele alte Gebäude und historische Monumente und auf der anderen eine sehr urbane Ästhetik, beides wollte ich in meinem Buch darstellen.“



Daumenkinos sind so etwas wie Zwitter zwischen Buch und Film. Die Illusion der Bewegung wird, genau wie bei ihren großen Brüdern auf der Leinwand, durch den so genannten Phi-Effekt erzeugt. Dieser Verschleifungseffekt rührt von der Trägheit unseres Auges, welches die vorbeihuschenden Bilder zu der Illusion nahtloser Bewegung verbindet.

Die Kunst und der Reiz von Daumenkinos liegt in der Verknappung: Ganze Geschichten werden in weniger als 100 Bildern erzählt. Eine Eigenschaft, die sich auch die Werbeindustrie seit einiger Zeit zunutze macht. Während Multiplex-Kinos unter Besucherschwund leiden, finden die Filme in Hosentaschenformat seit Jahren immer mehr Anklang, mittlerweile gibt es sogar Daumenkinofestivals.



Reinhard Schmidts Werk soll 300 Seiten umfassen, pro Bildsequenz sollen aber lediglich 40 Seiten verwendet werden. „Ich will möglichst viele verschiedene Orte darstellen“, langfristig soll sein Werk nämlich auch verkauft werden – auch wenn der 21-Jährige dafür immer noch auf der Suche nach Sponsoren oder Verlagen ist. „Bis jetzt fanden zwar alle meine Idee gut und es haben auch schon Läden zugesagt, die das Werk verkaufen würden, aber das allein reicht leider nicht“, sagt er.

Im Augenblick befindet er sich aber noch in der Auswahlphase – aus seinem immensen Materialberg muss er die geeigneten Szenen auswählen und dabei immer darauf achten, dass sich am Ende eine harmonische Bewegung ergibt; eine Herausforderung, gerade bei Szenen wie dem Münstermarktgeschehen mit ihren vielen Menschen und Details. Aber Reinhard ist zuversichtlich, bis Ende Januar fertig zu werden mit seinem Liebhaberprojekt.



Wer eine Idee für weitere Freiburg-Szenen hat oder sich gar an der Publikation des Werks beteiligen möchte, kann sich an das Fudder-Profil (Benutzername "Airoe")  von Reinhard Schmidt wenden.

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