Franziska Brantner: Wie es ist, Politikerin und Mutter zu sein

Fabian Fechner

Im Juni 2009 wurde Franziska Brantner in das Europäische Parlament gewählt; im Mai 2010 wurde sie zum ersten Mal Mutter. Wie kriegt man als Politikerin Beruf und Familie zusammen? fudder-Autor Fabian hat sich einige Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg genau darüber mit Franziska Brantner unterhalten. Und natürlich auch nach ihrer Meinung zu aktuellen EU-Problemen gefragt und um eine Prognose des Wahlergebnis gebeten. Ob die richtig war:



Sie kommen ursprünglich aus Lörrach, sind seit 2009 mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer liiert und vertreten die Region Baden und die Pfalz im Europaparlament , das zwischen Brüssel und Straßburg hin und her pendelt. Wo leben sie eigentlich?

Franziska Brantner: Naja, sie haben es ja gerade gesagt (lacht). Ich bewege mich zwischen Brüssel und Straßburg, während ich in Straßburg die Sitzungswoche habe, bin ich in Freiburg und sonst an den Wochenenden in Tübingen. Aber in Heidelberg hab ich auch noch eine Wohnung, das macht dann insgesamt vier.

Und wie bewegen Sie sich zwischen den einzelnen Stationen? Mit dem Helikopter?

Nein, mit dem Zug (lacht).

Ist das die moderne Lebensweise, mit der sich die junge Generation arrangieren muss?

Das ist die Lebensweise einer Europaabgeordneten. Es ist nicht das generelle moderne Leben. Ich find das auch nicht schlimm, ich bin vorher viel viel mehr gereist. Als ich noch für die Vereinten Nationen gearbeitet habe, war ich in der einen Woche in New York, in der nächsten im nahen Osten, dann in Osteuropa, dann wieder in Paris. Ich finde eigentlich vier feste Standorte für mich persönlich schon relativ stabil.

Was mögen sie an ihren Wohnorten?

Brüssel ist eine sehr bunte Stadt, sehr vielfältig, sehr offen. Freiburg ist dagegen sehr schön, aber im Vergleich zu Brüssel sehr beschaulich, Tübingen ist noch beschaulicher.

Hat es eine Rolle gespielt, dass ihr Partner in der selben politischen Partei ist wie sie selbst?

Also ich würde mich jetzt nicht mit einem CDUler liieren. Aber das hat weniger etwas mit Parteipolitik zu tun. Ich würde mich wahrscheinlich einfach mit jemandem, der zur Zeit für Atomkraft ist, für immer und ewig zerstreiten.

Wo lebt ihre Tochter momentan?

Immer da, wo ich bin. Jetzt ist sie gerade bei meiner Mutter, die ist ausnahmsweise mit nach Brüssel gekommen, weil unser Kindermädchen gerade Urlaub hat. Sonst reist die Nanny aber immer mit.

Wird hier im Parlament eine entsprechende Unterstützung bei der Kindesbetreuung angeboten?

Es gibt hier eine Kita im Parlament, aber obwohl die schon sehr flexibel sind, ist es immer recht schwierig mit den Öffnungszeiten. Ab September geht sie dann wieder in die Kita. Generell sind die Betreuungseinrichtungen hier schon sehr gut.

Müssen Sie seit der Geburt auf etwas verzichten, das sie vermissen?

(denkt lange nach) Ich habe während dem Stillen immer auf mein Glas Rotwein verzichten müssen, aber das hab ich ja jetzt wieder (lacht). Da hab ich ab und zu Gedacht „Ah, jetzt ein Glas Rotwein“, aber das ist ja jetzt vorbei.

Sehen Sie sich als Vorbild für andere Frauen, die Kind und Karriere unter einen Hut bringen wollen?

Naja, ich glaube nicht als Vorbild in dem Sinne, dass ich will, dass das alle so machen, sondern eher als Vorbild für diejenigen, die es sich auch in schwierigen Situationen dann vielleicht trotzdem zutrauen. Dass man sich sagt, es ist möglich, auch wenn die Bedingungen nicht ganz so einfach sind.

Was können Sie beispielsweise der Kollegin Familienministerin Christina Schröder für Tipps geben für die Zeit nach der Geburt ihres Kindes?

Locker bleiben! (lacht)

Reden wir über Politik. Im Zuge des 100. Weltfrauentages Anfang des Monats wurde auch in Strasbourg das Thema Frauenquote wieder diskutiert. Wie stehen sie persönlich zu dem Thema?

Ich bin absolut dafür. Ich bin überzeugt, dass die Quote notwendig ist, weil es überhaupt nicht anders erklärbar ist, dass die Frauen die besseren Schulabschlüsse haben, die besseren Studienabschlüsse machen und dann nur drei Prozent von denen in den Vorständen sitzen. Das kann man sich nicht anders erklären, als dass es dort strukturelle Hemmnisse gibt, die man strukturell überwinden muss und die Quote ist ein Weg um das zu erreichen.

Ist ihrer Meinung nach die EU hier in der Pflicht?

Ja, meiner Meinung nach ist das durchaus eine europäische Frage, da die meisten Unternehmen, von denen wir hier sprechen, die großen börsennotierten Unternehmen, die sind ja jetzt nicht nur in Deutschland tätig, sondern die meisten davon sind auch europaweit tätig und daher finde ich das schon sinnvoll, wenn man dann sagt, das ist eine europäische Angelegenheit. Außerdem ist Gleichberechtigung ja auch eines der Kernthemen der EU. Von daher finde ich, dass die zuständigen Kommissare da auch bereits die richtigen Signale gesetzt haben.

Wann wird die Quote kommen?

Das kommt drauf an. Es ist noch etwas unklar, ob den Unternehmen bis nächstes Jahr Zeit gegeben wird, sich selbt zu verpflichten, je nachdem dauert es noch zwei bis vier Jahre. Deuschland hat jetzt die Chance Vorreiter zu sein oder wieder Schlusslicht.



Würden Sie der Aussage zustimmen, dass sich die EU aktuell mit den größten Herausforderungen konfrontiert sieht, die sie seit ihrer Gründung gesehen hat?

Ich glaube das die Wiedervereinigung eine mindestens genauso große Herausforderung war, wie auch die Osterweiterung der EU. Ich glaube jeder hat immer in seiner Zeit sehr große Herausforderungen, da ist es schwierig von den größten zu sprechen.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung der EU in den letzten Jahren, sagen wir seit Nizza und der Osterweiterung 2004?

Ich finde es sehr schade und man sieht ja jetzt auch, dass es falsch war, dass man nicht den Weg gegangen ist hin zu einer wirklichen politischen Union und dass man sich nicht geeignigt hat im sozialen und steuerlichen Bereich voranzugehen. Jetzt hat man so einen Pakt halb beschlossen , aber eigentlich weiß man, dass man das schon in der Vergangenheit hätte machen müssen, wie wir das auch schon immer gefordert haben. Durch diese Entwicklung haben wir nun extrem große Kosten und Schmerzen erleiden müssen.

Was sollte man in Zukunft besser machen?

Man muss nun unter anderem klar die Frage stellen nach den Einnahmen der EU. Ob man sich weiterhin nur noch darauf verlässt, dass die Mitgliedstaaten Beiträge zahlen oder ob man nicht andere Einnahmequellen für die Union eröffnet, wie eine Finanztransaktionssteuer, Ökosteuer, CO2-Steuer. Das sind dann auch Steuern die europaweit Sinn machen, da sie europaweite Transkationen betreffen, aber von denen andererseits der normale Bürger nie was spüren würde.

Viele Menschen fürchten aktuell um ihr Geld. Haben Sie noch Vertrauen in den Euro?

Doch ich glaube schon, dass man sich immer irgendwie durchmogeln wird, aber da man es nicht richtig macht und nicht bereit ist ehrlich auch darüber zu reden, wird es dann immer teurer. Und dadurch wird unsere Generation wahrscheinlich irgendwann keinen großen Politikspielraum mehr haben. Aber ich glaube dass der Euro jetzt kurzfristig nicht wirklich in Gefahr ist, dafür hat man noch genügend Spielraum, aber es stellt sich die Frage wie viel Zeit noch bleibt um sich so durchzuschmuggeln wie bisher.Wir brauchen eine wirkliche Haushaltskonsolidierung und eine stärkere Harmonisierung der Haushalts-, Steur und Sozialpolitik. Die Deutsche Regierung sich von der Europöischen Kommission nicht sagen lassen, dass Steuersenkungen nicht drin sind, das wollen wir nur den Griechen sagen können. So lange so eine Stimmungslage herrscht, wird eine relativ unehrliche Politik gemacht.

Inwiefern haben sich Motivation, Zielsetzung und Daseinsberechtigung der EU in den vergangenen 60 Jahren geändert?

Vor 60 Jahren war die EU ja hauptsächlich ein Friedensprojekt, um die Jahrhunderte fürchterlichere Kriege zu überkommen. Ich glaube, dass das Friedensziel heute immer noch aktuell ist wenn man auf den Balkan schaut oder nach Zentralasien , dort haben wir noch längst keinen Frieden. Was einfach in Zeiten der Globalisierung zusätzlich dazu gekommen ist, ist dass Deutschland nicht länger den relevaten Handlungsrahmen darstellt, sondern eben die EU. Das ist eine neuer Begründungszusammenhang, der es erlaubt in diesem Zeiten überhaupt noch Souveränität erlangen zu können.

Abschlussfrage: Wer gewinnt die Wahl in Baden-Württemberg?

Grün-Rot. In dieser Reihenfolge. (lacht)

[Anmerkung der Redaktion: fudder-Autor Fabian hat das Interview mit Franziska Brantner Mitte des Monats in Brüssel geführt. Wir haben es bewusst erst nach der Wahl veröffentlicht.]

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[Bilder: Archiv]