Fotoprojekt 'Sientate': Ein Sessel auf Weltreise

Miriam Jaeneke

30 Grad, Schlossberg. Ein perfekter Touristentag. Ein perfekter Tag für Stefan Sirtl und Julia Müller, um mit einer Fotoaktion für ihre Ausstellung im Jos Fritz Café zu werben. Das zeigt Personenporträts, entstanden auf der ersten Station ihrer Weltumrundung in Mittelamerika. Immer mit dabei: ein roter Sessel vom Sperrmüll.



Noch wirkt er einsam, wie er so mitten im Schotter des Kanonenplatzes steht, hoch über Freiburg, den fotogenen Münsterturm im Rücken. Einsam und irgendwie fremd. "Ein Stück Wohnzimmer auf einem Platz, wo sonst nur harte Bänke stehen", kommentiert Stefan Sirtl (29). Obwohl, korrekterweise müsste es heißen: sie. Denn der rote, weltgereiste Sperrmüllsessel hat nicht nur eine Geschichte, er hat auch einen Namen: 'La Silla', Spanisch für 'der Stuhl'.


"'El sillón' heißt eigentlich 'der Sessel', das wussten wir aber nicht, und da hatten wir ihn schon 'La Silla' getauft", sagt Stefan. Und Julia Müller (30) ergänzt: "Das hört sich auch besser an. Außerdem ist er weiblich. Mit zwei Männern würde ich gar nicht reisen." Sie lacht.

Die Idee, mit Sessel zu reisen, entwickelte sich nach und nach. Zunächst stellten sie ihn auf die Heidelberger Alte Brücke: "Ich wollte ein Foto mit Langzeitbelichtung machen, so dass die Leute in Schwaden vorbeiziehen, und sie sitzt im Sessel und liest unbeeindruckt Zeitung", sagt Stefan. Die Leute wollten aber nicht vorbeiziehen, sondern selbst ein Foto im Sessel. Als Stefan und Julia eine gemeinsame Reise planten, war ihnen Backpacking zu langweilig - ein Projekt mit rotem Faden musste her: La Silla.

La Silla wurde präpariert, landete in der "Heidelberger Polsterei". Danach war ihr schmutzig-oranger Bezug knallrot, ihre Polsterung nicht mehr aus Stroh und aus ihrem Bauch ragten keine Sprungfedern mehr. Derart aufgemöbelt durfte sie als Sperrgepäck mit in den Flieger nach Panama – nur, um ihn wiederum in erbarmungswürdigem Zustand zu verlassen. Ein Schreiner "im letzten Kaff" war Stefans und Julias erste Anlaufstelle in Panama, und er wurde zum Motiv für das erste Porträtfoto.

Präpariert ist La Silla aber noch auf andere Weise: Durch eine Holzkonstruktion vor den hinteren Füßen lässt sich eine Achse ziehen, an der links und rechts zwei Räder befestigt werden. So sind die drei durch Mittelamerika gereist, und so haben sie heute die Steigung des Schlossbergs überwunden. Kein Wunder, dass Stefan der Schweiß auf der Stirn steht.



Schweißtreibend ist auch das Wetter: Dieser Nachmittag könnte sommerlicher nicht sein und lockt Schwaden von Touristen, von jungen Leuten auf den Berg. Stefan und Julia richten einen schwarzen Spendenhut mit einigen Münzen her; Paskal, der später selbstkomponierte Chansons zu Gehör bringen wird, sitzt auf der Mauer und zupft unhörbar auf seiner Gitarre. Eine Gruppe Internatsschüler fällt in den Bilderwald ein: An der zentralen Linde des Platzes schwingen in der lauen Brise 23 Fotoplatten.



Es sind die Porträts, die auf der sechswöchigen Reise von Panama nach Mexiko entstanden sind und die auch in der Ausstellung des Jos Fritz Cafés zu sehen sein werden. Julia erklärt: "Wir haben Menschen vor ihrem Hintergrund, bei ihrer Arbeit oder vor ihrem Haus fotografiert, also mit etwas, das mit ihnen zu tun hat. Dieser Sessel, dieser Mensch und das, was den Menschen noch zum Teil ausmacht."



Da ist der stolze Mann mit seinem Pferd vor der Bananenplantage. Oder der Lkw-Fahrer, der sich in La Silla vor seinem Truck winzig ausnimmt. Und da ist Marta. Mit dem Sessel thront die Flaschensammlerin inmitten des riesigen Plastikflaschenbergs einer Mülldeponie.

Stefan und Julia erinnern sich: "Marta haben wir auf dem Marktplatz von Granada in Nicaragua getroffen. Sie hat uns zwei Tage mitgenommen und wir haben morgens mit ihr ihre Plastikflaschensäcke zur Müllhalde gebracht. Dort wartet 'el chino', der Chinese, und kauft den Sammlern ihre Flaschen ab: 1,50 Dollar für einen riesigen Sack mit mindestens 100 Flaschen. Die werden dann verschifft, zur Klamottenherstellung in die USA. Die Flaschensammler sind größtenteils obdachlos. Marta selbst hatte eine Wohnung weit außerhalb, aber wenn sie arbeitet, dann schläft sie auch auf der Straße, was dort sehr gefährlich ist für eine Frau."

Gefährlich für eine Frau? "Es ist total relaxt hier", sagt unter der Linde auf dem Schlossberg eine junge Touristin in ihr Handy: Hier oben scheint so etwas weit weg. Hier, wo Stefan und Julia, um auf ihr Projekt und die Ausstellung aufmerksam zu machen, Gruppen, Paare und Einzelpersonen auf ihrem roten Sessel ablichten, immer mit derselben Kameraeinstellung, stets mit dem Freiburger Münster im Hintergrund.

Auch Tereza Svoboda aus Tschechien lässt sich fotografieren. "Mir gefällt die Idee total. Es ist interessant, auf dem Sessel zu sitzen, weil man daran denkt, wie viele Menschen vom anderen Ende der Welt das schon gemacht haben. Es verbindet die Menschen." Das ist durchaus ein gewollter Effekt, wie Stefan erklärt. "Wir wollen die Vielfalt und Einzigartigkeit des Menschen darstellen, zeigen, wie unterschiedlich Menschen sind, aber auch, wie gleich: Auch am anderen Ende der Welt findet man Leute, die im selben Sessel sitzen."



Die zwei Dutzend Porträts von Leuten, die im Verlauf der Reise im selben Sessel saßen, machen das eigentliche Projekt 'Sientate' aus – 'setz dich' auf spanisch. Und dieses Projekt kommt an, auch bei Rita Engelhard aus Freiburg: "Die Bilder sind sehr ausdrucksstark, die Gesichter sagen sehr viel aus. Solche Aufnahmen machen Sie nicht schnell als Schnappschuss, da müssen Sie sich erst ein Vertrauen aufbauen. Das Bild mit der Frau und dem Jungen auf dem vielen Plastikmüll zum Beispiel ist eine hervorragende Aufnahme, man sieht richtig den sozialen Hintergrund."

Dabei haben Stefan und Julia während ihrer Reise auch versucht, wohlhabende Menschen vors Stativ zu locken. "Wir haben die Bilder nicht danach ausgesucht, ob das Motiv wirken könnte aufgrund von Armut. Wir wollen einfach jeden darstellen, ob jung oder alt, arm oder reich", sagt Stefan. "Aber", setzt Julia hinzu, "die Reichen leben halt einfach hinter dicken Zäunen und Mauern" – während sie und Stefan auf den Straßen unterwegs waren.



Das unterscheidet ihr Fotoprojekt auch von dem des deutschen Fotografen Horst Wackerbarth mit seiner roten Couch. "Er reist mit einem großen Lkw und einem ganzen Team von Leuten an und muss sein Sofa auch nicht selber tragen. Er macht das schon seit 30 Jahren, aber das hat uns erst später jemand erzählt – da war unser Flug schon gebucht. Er ist ziemlich berühmt mit seinem Projekt und hat auch schon Gorbatschow auf seiner roten Couch fotografiert", erzählt Stefan.

Gorbatschow
fotografieren er und Julia an diesem Tag auf dem Kanonenplatz nicht. Wohl aber junge und alte und sicher auch Ärmere und Reichere. Und den Waliser Dai Stevens mit seiner griechischen Frau Dora Duka aus Brighton. "In einem Sessel zu sitzen ohne Fernsehen geht kaum", sagt er, sein Schmunzeln gut verbergend. "Wir sind keine Fernsehen-Leute. Aber mit einem Buch wäre es besser", beeilt sich seine Frau hinzuzufügen.

Dieser Promoaktion gingen andere voraus, etwa am Konstanzer Bodenseestrand oder am Strand von Mexiko in einem alten VW Käfer mit abgeflextem Dach. Die Spenden, die dabei zusammenkommen, sind eher Nebensache, sagt Stefan: "Wir wollen keinen Gewinn daraus ziehen, das ist alles nur Spaß an der Kunst und am Menschen."



Irgendwann in ferner Zukunft soll der Sessel auf dem Gras, dem Sand, dem Teer aller Kontinente gestanden haben. "Derselbe Sessel?", fragt eine Frau ungläubig. "Ja, der muss es schon sein", antwortet Julia. Noch hat La Silla nicht die ganze Welt bereist. Aber sie hat bereits Reisenden aus der ganzen Welt einen Augenblick an ihrer roten Schulter gewährt, auch an diesem Nachmittag auf dem Schlossplatz.

Mehr dazu:

Was: Vernissage mit Konzerten von Paskal, FOKS und Beats, Things & Flowers
Wann: Samstag, 5. Mai 2012, 19.30 Uhr
Wo: Jos Fritz Café
Eintritt: frei