Fotoausstellung "Fragmente einer Realität": Interview mit Runa Hansen

Nele Harms

Die Freiburger Fotografin hat sich mit dem Thema "Realität" befasst und eine interaktive Kunstausstellung über Freiburger Mädchen geschaffen. Am Donnerstagabend stellt sie sie im Kommunalen Kino aus:



Wie ist das Projekt entstanden?

Runa Hansen: Das Projekt hat angefangen, als die Veranstalter der Filmreihe REALlie auf mich zugekommen sind, weil sie auf der Suche nach Fotografien waren, die ihre Filme im Kommunalen Kino ergänzen. Die Filme sind autobiographisch gehalten, und stehen unter dem weiten Thema Realität. Darum war es der erste Schritt, das ganze etwas spezifischer zu gestalten. Ich habe mich dazu entschieden, einen Monat lang mit verschiedenen Mädchen und Frauen zu arbeiten und gemeinsam mit ihnen Symbole für ihre Lebenswelt zu finden.

Ich war schon immer fasziniert von der Relativität der drei Zustände, in denen wir uns als Mensch bewegen: Wo wir herkommen, wer- und was wir sind, und wo es hingehen soll. Ich habe an mir selbst beobachtet, wie diese Zustände manchmal zu verschmelzen scheinen, und dann wieder zerrissen wirken, und meilenweit voneinander entfernt. Aus diesen Beobachtungen ist eine Neugier gewachsen, mich mit anderen Menschen künstlerisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Was soll auf deinen Bildern genau dargestellt werden?

Ich habe versucht, der Fantasie der Porträtierten so viel Raum wie möglich zu lassen und darum sind die Herangehensweisen und die Direktheit, oder auch Symbolik, sehr unterschiedlich. Manche Bilder stellen Szenen da, die um die Person kreisen, in manchen wird nur ein Gefühl ausgedrückt. Diese Unterschiede haben mich auf die Idee gebracht, der Fantasie des Betrachters auch mehr Raum zu geben, und die Bruchteile der Geschichte weder einander- noch den direkt und schlicht gehaltenen Portraitaufnahmen der Beteiligten zuzuordnen. So werden die Zuschauer auf eine intensivere Weise mit ihren eigenen Assoziationen konfrontiert und es entstehen viele neue Geschichten.

Kannst du auch dich selbst in deinen Bildern wiedererkennen?

Ich habe versucht, mich selbst, meinen künstlerischen Stil und Geschmack, soweit es geht von den Ergebnissen abzukoppeln und auszudrücken, was mir erzählt und vermittelt wurde. Natürlich ist das nicht zu hundert Prozent möglich, da zu so einem Austausch immer zwei Personen gehören und das Ergebnis auch sehr von der Beziehung zwischen mir und dem Model abhängt. Ich erkenne mich nicht in allen Arbeiten wieder, aber das ist nicht nur okay, sondern auch gut und wichtig.

Lösen die Bilder bei dir eine bestimmte Art von Gefühlen aus?

Natürlich lösen die Bilder Gefühle in mir aus. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das am Endergebnis oder dem Schaffensprozess liegt. Der ganze Prozess war ein sehr emotionaler. Es ist eine unbeschreibliche Ehre, wenn sich ein Fremder dir gegenüber auf dieser Ebene öffnet und dir dieses Vertrauen entgegenbringt.

Könntest du dir vorstellen, dich in derselben Situation wie die Person auf dem Bild zu befinden?

Ich bin natürlich nicht in allen Situationen gewesen, die beschrieben wurde, aber ich würde mich als einen emphatischen Menschen beschreiben. Außerdem bekommt das Gespräch, vor allem wenn es nur um Gefühle geht und weniger um Situationen, eine ganz andere Tiefe, wenn man auf eine bildliche Darstellung hinarbeitet.

Was genau hat denn eigentlich deine Fotoausstellung mit der Filmreihe REALlie zu tun?

Wir teilen uns dasselbe Thema: Realität. Es ging vor allem darum, die verschiedenen Herangehensweisen in den fünf Filmen mit einer fotografischen Serie zu ergänzen. Die Filme hatten aber keinen Einfluss auf meine Arbeit - die hat sich vollkommen frei aus dem Thema heraus entwickelt. Außerdem geht es bei beidem vor allem ums Geschichten erzählen. Ich wollte den Beteiligten den Raum geben, ihre Geschichte zu teilen. Ich sehe mich in dem Projekt vor allem als Vermittler - als hätte ich auf meine persönliche Weise mitgeschrieben, was die Künstler zu erzählen haben.

Hältst du Fotografie denn für ein gutes Mittel, die Realität wiederzugeben oder findest du, dass Filme das besser können?

Ich schätze, es kommt ganz auf den Ansatz an, und die Wirkung die erzielt werden soll. Wenn man eine Realität vor allem dokumentarisch festhalten will, eignet sich das Medium Film sicherlich besser, weil es ja vor allem darum geht, viele Informationen zu vermitteln. Außerdem scheinen die Menschen Filmen mehr zu vertrauen. Zum Beispiel vergisst man bei Spielfilmen leicht, dass sich um das Set herum ja noch Kameramann und Lichtassistenten tummeln. Bei einem Foto wiederum scheint der Fotograf durch die Statik des gewählten Bildausschnittes immer präsent.

Das ist einer von mehreren Gründen, warum die Fotografie sich für mich nach dem abstrakteren Medium anfühlt, und darum besser zu meiner Arbeit passt. Es scheint, als habe man mehr Freiheit, die Realität mit anderen Mitteln als der unmittelbaren Realität darzustellen. Zum Beispiel habe ich neben der Fotografie auch zwei Arbeiten gemalt, und es sind viele Photoshop-Montagen unter den Bildern. Ich will keine Reportage- oder Unterhaltungsarbeit leisten, sondern die Leute mit Abstraktionen fordern.

Also ist die Fotografie ein reales Mittel, bei dem der Fotograf entscheiden muss, ob er sein Publikum durch Photoshop und Inszenierungen "täuschen" will oder den realen Moment einfangen will - so wie er ist?

Absolut . Wobei das in der Fotografie schon lange vor Photoshop anfängt, bei der Auswahl der Brennweite, des Ausschnitts, der Beleuchtung und Farbgebung und nicht zuletzt der Wahl des ultimativen Moments. All dies verändert die Wirkung, die diese Realität auf den Betrachter hat und ob man will oder nicht, ist das Foto nicht nur ein Abbild von der fotografierten Realität, sondern auch vom Fotografen, seinem Gedankengut und Prioritäten. Das sehe ich bei Fotografie noch extremer als beim Filmen.

Ich würde aber in diesem Zusammenhang nicht von Täuschen reden. In manchen Fällen beschreibt ein Motiv, welches es in der realen Welt so nicht gibt oder das man in einem bestimmten Zeitrahmen so nicht einfangen könnte, ein bestimmtes Gefühl einfach am besten. Ich habe bei solchen Montagen auch gar nicht den Anspruch, dass es genau aussieht wie fotografiert und den Betrachter hinters Licht führt – genau so wenig, wie ich ihn beim Malen habe. Es ist einfach ein weiteres großartiges künstlerisches Medium.

Wie ist deine Vorliebe für die Fotografie entstanden?

Ich sehe mich eher als Gestalter, und nicht als Fotografin. Ich habe mit dem Malen angefangen, bevor ich reden konnte. Irgendwann bin ich an eine Grenze gestoßen, für deren Überwindung ich nicht genug Geduld hatte - darum habe ich die Kamera als Medium genutzt. Damals war ich schätze ich acht Jahre alt. Letztes Jahr habe ich mehr und mehr angefangen, Bilder zu produzieren, die wie Malereien erscheinen und bin wiederum damit an eine Grenze gestoßen. So habe ich, neben der Fotografie, auch wieder die Malerei für mich entdeckt.

Zur Person



In der Untertstufe lieh sich Runa Hansen die analogen Fotokameras ihres Vaters aus, als sie elf war, kaufte sie sich ihre erste eigene digitale Spiegelreflexkamera. Mit ihrer Ausstellung "Fragmente einer Realität" begleitet die 19-jährige Freiburgerin nun die Filmserie REALlie des Kommunalen Kinos.

Mehr dazu:

Was: Fotoausstellung "Fragmente einer Realität"
Wann: Donnerstag, 15. Januar, 18 Uhr
Wo: Kommunales Kino Freiburg, Urachstraße 40, 79102 Freiburg [Disclaimer: Runa Hansen ist freie Mitarbeiterin bei fudder]

Fotos: Runa Hansen

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