Florian Schroeder: So darf Kabarett sein

David Weigend

Der 29-jährige Kabarettist Florian Schroeder aus Lörrach ist gestern Abend im ausverkauften Spiegelzelt aufgetreten. Warum sein Programm "Du willst es doch auch!" sehenswert ist und die Ankündigung von Alexander Heisler nicht zu vollmundig war, haben wir jetzt verstanden.



1. Begrüßung

Was wäre eine ZMF-Veranstaltung ohne die persönliche Begrüßung von Alexander Heisler. Heute Abend findet er es "exorbitant toll", dass Helen und Dieter Salomon den Weg ins Spiegelzelt gefunden haben, um den "außerordentlich begabten Florian Schroeder" zu sehen.

Zur Vervollständigung der Freiburger Promiecke: Auch Achim Stocker samt Frau sind anwesend, die Chefetage der Badenova und Dompfarrer Claudius Stoffel. Alle wollen sie mal wieder herzhaft lachen. Dafür sind sie, gleich mal vorweggenommen, bei Florian Schroeder an der richtigen Adresse.



2. Wie gestaltet Schroeder sein Programm?

Das aktuelle Programm des Lörrachers, "Du willst es doch auch?", dauert mit Pause gute drei Stunden. Der Aufbau sieht im Stenogramm ungefähr so aus:

Teil I

Aufgreifen aktueller Ereignisse (Michael Jacksons Tod und die Reaktion der Promis etc) mit süffisanter Kommentierung, vergleichbar mit Harald Schmidt zu Beginn seiner Show; kurzes Parodieren von diversen Politikern (Frank-Walter Steinmeier, Guido Westerwelle, Karl-Theodor zu Guttenberg etc) im Kontext des Zeitgeschehens; längere Parodien von Günther Oettinger und Wolfgang Schäuble; Satire auf die Generation IMM (Irgendwas mit Medien) und das Bildungssystem Bachelor; nachdenklicher Monolog zum Thema Sterbehilfe.

PAUSE

Teil II

Publikumsbefragung: wurden die bisherigen Erwartungen an Schroeder befriedigt?; Parodie eines rheinhessischen Kleinkunstveranstalters; Kalauer; Parodie von Angela Merkel; interaktiver Teil: Schlendern durchs Publikum, spontane Gespräche; längeres Interview einer Zuschauerin auf der Bühne; Gespräch mit einer ZMF-Thekenkraft auf der Bühne; Nachstellen einer Anrufsendung bei Neun Live; Imitation der Sendung "Ottis Schlachthof" inklusive der Darstellung aller beteiligten Kabarettisten (Fischer, Nuhr, Richling, Busse etc); Schlussteil: soziologisch-moralische Abhandlung zum Thema Partnerschaft und Ehe mit widersprüchlichen Ratschlägen ("Heiratet!"..."Lasst euch scheiden!"); Zugabe: Edmund Stoibers Transrapidrede.



3. Warum überzeugt der Auftritt?

Der 29-jährige Schroeder versteht es nicht nur, deutsche Politiker stimmlich und gestisch zu imitieren; er gibt der Parodie auch satirischen, bisweilen galligen Tiefgang, zum Beispiel in der Rolle Wolfgang Schäubles in seinem Monolog über Grundgesetz und Terrorbekämpfung. Darüberhinaus erzeugt Schroeder Komik in der spontanen Kommunikation mit dem Publikum. Auch hier nimmt er kein Blatt vor den Mund. Ein Beispiel:

Schroeder: "Und du, was machst du beruflich?"
Zuschauerin: "Ich bin Praktikantin."
Schroeder: "Ah, ja. Und wo?"
Zuschauerin: "Bei Badenova."
Schroeder: "Wieviel verdienst du dort als Praktikantin?"
Zuschauerin (zögert): "Geheimnis."
Schroeder: "Also nichts."

Das Publikum lacht, die Miene des Badenova-Vorstandsvorsitzenden Thorsten Radensleben ist in diesem Moment leider nicht erkennbar.



4. Wie ist Schroeders Stil einzuordnen?

Schroeders Stil ist direkt und lebt vom Wort. Während der Humor eines Gerhard Polt oftmals durch das Nichtgesagte entsteht, durch Pausen, Wiederholungen oder in leisen Nebensätzen, ist es bei Schroeder das akkurate und wortreiche Kopieren der Figuren, derer er sich bedient.

Dass die Botschaft, die dahintersteckt, nicht unbedingt sinnvoll sein muss, gibt er mit Selbstironie zu - gipfelnd in der überbordenden Schlussrede, in der er zuerst die Ehe lobpreist und sie anschließend verteufelt. Die Meisterschaft Schroeders besteht darin, dass man den Übergang von Pro zu Contra gar nicht merkt.

So lässt sich seine Frage: "Was darf Kabarett?" beantworten mit: Kabarett darf auch übertölpeln; Kabarett kann einen Standpunkt haben, um ihn im nächsten Augenblick wieder zu verwerfen - solange dies auf unterhaltsame Art geschieht. In Schroeders Worten: Auch der Bruch der Erwartung bleibt ein Teil ihrer Erfüllung.