Flight 13: Ein Besuch im Schallplattenbiotop

Carolin Buchheim & Florian Forsbach

Totgeglaubte leben länger. Während der Absatz von CDs in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Viertel zurück gegangen ist, bleibt der winzigkleine Schallplattenmarkt stabil. In dieser Nische des Musikmarkts ist der Freiburger Plattenladen und -versand Flight 13 ganz vorne dabei. Ein Besuch beim Nischendienstleister im Stühlinger, der - ziemlich zufällig - zu einem Internetunternehmen geworden ist.



Aus einem mitgenommen aussehenden schwarzen Kassettenrekorder mit CD-Funktion dröhnt das neueste Album der Punk Metal Band Converge. Mit einem routiniert lässigen Handgriff greift Pol Linster, Mitarbeiter des Plattenversandhandels Flight 13, einen Stapel Schallplatten, die Mitarbeiter Alex Reek bereits am Vormittag im Lager herausgesucht hat. „Picken“ heißt diese Tätigkeit im Laden-Slang, zwei bis drei Stunden macht Reek das täglich.

„Illmatic“ von Nas, „Synthetica“ von Metric, „Leave Home“ von The Men und „History from below“ von Delta Spirit – alles da! Linster legt die Platten in einen Versandfaltkarton,  dreht jedes Cover um 90 Grad, damit die etwas dickeren Außenkanten nicht gequetscht werden, klappt das Paket zu, verklebt es, Adresssticker drauf, fertig. „Ich schaffe 30 Pakete die Stunde“, sagt er grinsend.  Dieses  – eins von mehr als 50, die er an diesem Nachmittag im Kellerlager des Schallplattenmailorders in der Stühlingerstraße packt – geht per DHL nach Hamburg.

„Eigentlich würde man ja denken, dass es in Hamburg genug Plattenläden gibt“, sagt Tom Haller (Bild unten), Geschäftsführer von Flight 13. „Wir haben viele Kunden, die einige Sachen bei ihrem Plattenhändler vor Ort kaufen, um ihn zu unterstützen, und andere Sachen bei uns, weil sie uns treu sind.“



Seit Ende der 80er Jahre ist der heute 43-Jährige Schallplattenhändler. Zusammen mit sieben Festangestellten und einem Praktikanten versorgt er Musikfans mit Tonträgern abseits vom Charts und Mainstream. Als Fachversand für  Punk, Hardcore, Garage sowie jegliche Form von Gitarrenmusik verkauft Flight 13 größtenteils Schallplatten – sie machen rund drei Viertel der vertriebenen Waren aus. Obwohl Haller ein großes Ladengeschäft betreibt, ist das Kerngeschäft der Versandhandel. „Den Laden zu haben, würde sich ohne den Versand nicht lohnen“, sagt er. 80 Prozent des Umsatzes macht die Firma über den Versand.

Flight 13 ist „mehr so zufällig“ in der Do-it-yourself-Kultur der späten 80er-Jahre entstanden. Als Mitglied der Thrash-Metal-Band Scarecrow und der Indiepunk-Band Laika, die ihre Platten wie viele Bands in den 80ern selbst herausbrachten, verkaufte Tom Haller zunächst eigene Schallplatten, dann auch die Releases befreundeten Bands. Irgendwann schrieb er eine erste Liste mit allen Platten, die da in seinem Schlafzimmer in einer Wohnung in Emmendingen in Kartons herumstanden.

Das Schlafzimmer wurde zunächst für einige Stunden täglich zum Plattengeschäft. „Dann wollte ich nicht mehr, dass die Leute neben meinem Bett standen.“ Erst mietete Haller einen Raum an, stellt den ersten Mitarbeiter ein. Die Firma wächst organisch. „Die Entwicklung war nicht linear steil nach oben, Ups und Downs gab es immer“, sagt er.

Aus dem kopierten Zettel wird über die Jahre der Flight 13-Katalog. Er erscheint heute vierteljährlich, ein zusätzlicher Newsletter erscheint alle sechs Wochen, beides wird per Post  an mehr als 6000 Empfänger verschickt. „Der Katalog ist immer noch von zentraler Bedeutung für uns“, sagt Götz Adler (Bild unten), langjähriger Mitarbeiter und stellvertretender Geschäftsführer.



Rund 1000 Platten werden von Haller, Adler und Kollegen in jedem Katalog kurz und kenntnisreich besprochen; Werbetexte von Plattenfirmen gibt es hier  nicht.  „Das ist das Tolle bei uns“, sagt Adler. „Die Vorlieben unserer Mitarbeiter prägen unser Programm.“

In Vor-Internetzeiten, als noch nicht praktisch jeder Song über Youtube, Soundcloud, Spotify oder  Bandwebseiten angehört werden konnte, waren die Katalogbesprechungen für Kunden von zentraler Bedeutung. „Wenn der Flight-Katalog kam, haben meine Freunde und ich uns zusammengesetzt, alles durchgelesen, und dann Platten bestellt, obwohl wir die noch nie gehört hatten, nur wegen der Beschreibungen“, sagt der Freiburger DJ Matthias Cromm, der während seiner Jugend in Augsburg in den 90ern zum Flight-13-Kunden wurde. „Es gab zwar Plattenläden in der Stadt, aber da gab es nicht die Musik, die meine Freunde und ich mochten.“ Der Plattenversand sicherte damals den Kontakt zur geliebten Subkultur.

Heute hat das Internet diese Aufgabe übernommen und den Musikkonsum nachhaltig verändert. Die Nachfrage nach physischen Tonträgern sinkt; wer Vinyl kauft, bekommt meist auch einen Code dazu, mit dem er die Songs im Internet herunterladen kann. Auch der Musikhandel hat sich durch das Internet verändert. „Das Internet ist bei uns dazugekommen“, sagt Tom Haller. „Natürlich kommen Neukunden über den Webshop zu uns, aber eigentlich ist das Netz nur ein weiterer Bestellweg.   Früher haben die Kunden  eben angerufen oder einen Brief geschickt.“ Selbst heute kommt fast täglich eine Bestellung per Post. „Plattenkunden sind Traditionalisten und manche Kunden froh, dass sie das Internet bei uns nicht zwangsläufig brauchen“, ergänzt Götz Adler.

Haller und Adler glauben an die Zukunft des Vinyls. „Es klingt einfach besser“, befinden beide. Der Plattenladen als Institution ist für sie mehr als nur ein Geschäft: Viel Kultur schart sich um Flight 13. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreiben Liebhaberlabels mit Kleinstauflagen, sind DJs, in Bands, veranstalten Konzerte. „Es ist eine Kultureinrichtung“, sagt Tom Haller. „Der Laden  ist ein Biotop.“



Musikhandel im Wandel


206,8 Millionen Tonträger
haben Deutsche nach den Angaben des Bundesverband Musikindustrie 2011 gekauft. Fast die Hälfte davon – 96,9 Mio –  waren dabei keine ’physischen Tonträger’ wie CDs oder MCs, sondern digitale Downloads. Trotzdem wurden noch 700.000 Vinyl-LPs verkauft. Dank steigender Preise stieg ihr Anteil am Gesamtumsatz zwischen 2010 und 2011 um 15 Prozent. Durchschnittspreis einer Platte: 20 Euro.

Das Internet ist mittlerweile der wichtigste Handelsort für Musik: 15 Prozent des Gesamtumsatz wurde 2011 bei Download-Diensten erzielt, 25 Prozent   über E-Commerce. Der Medienfacheinzelhandel – so nennt die Musikindustrie Geschäfte, die umgangssprachlich als Plattenläden bezeichnet werden – machte 2011 nur noch zwei Prozent des Marktes aus.

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Flight 13

Stühlingerstraße 15
79104 Freiburg

Öffnungszeiten

Montag bis Donnerstag
12 bis 18:30 Uhr

Freitag
12 bis 20 Uhr

Samstag
12 bis 18:30 Uhr  
     

Foto-Galerie: Florian Forsbach

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