Flickr auf Speed: Foto-Apps für Smartphones

Manuel Lorenz

Smartphone-Anwendungen wie Instagram oder Picplz sind die Nachfolger von Mikroblogging-Diensten wie Twitter. Mit ihnen kann man Fotos unkompliziert aufschönen und schnell in sozialen Netzwerken verbreiten – Flickr auf Speed, sozusagen. Wie das funktioniert und warum wir das machen:



Mit der Allgegenwart der Smartphones kam auch die Allgegenwart des Fotos. Schon lange bringen wir unsere Fotofilme nicht mehr zu dm, nur um dann einige Tage und Euro später feststellen zu dürfen, dass die Hälfte der Bilder nichts geworden ist. Längst lassen wir unsere nimmersatten Digitalkameras getrost zuhause, im Wissen, mit unserem Smartphone sowieso allzeit fotografierbereit zu sein. Jetzt können wir unsere Fotos in Tweetgeschwindigkeit ins Internet stellen – und uns dabei vermittels Kunstfiltern die Welt schönfärben.


Wie immer heutzutage ist alles ganz einfach: Wir laden uns Apps namens Instagram, picplz oder Hipstamatic auf unser Smartphone und schon geht’s los. Instagram funktioniert nur auf dem iPhone; Hipstamatic hingegen ist kostenpflichtig (1,59 €). Innerhalb weniger Sekunden legen wir uns ein Benutzerkonto an, auf das wir fortan unsere Fotos laden. Dort können uns auch andere folgen – alles wie bei Twitter. Natürlich kann man seine Bilder auch auf alle anderen (bildfähigen) sozialen Netzwerke stellen, wie etwa Facebook, Flickr, Tumblr und Foursquare.

Im kalifornischen Silicon Valley, der Geburtsstätte aller technologischen Heilsversprechen, gelten fotobasierte soziale Netzwerke als das nächste große Ding. Dort würden jedem, so behauptete kürzlich die New York Times, ständig drei Wörter auf der Zunge liegen: mobil, sozial und lokal. Fügte man ein viertes Wort hinzu, würden Venture-Capital-Geldgeber austicken: Fotos. Obwohl Apps wie Instagram oder picplz kostenlos sind und also selbst erst einmal keinen Gewinn abwerfen, werden sie schon jetzt hoch gehandelt. Instagram setzt seinen Wert bei 20 Millionen US-Dollar an; picplz hat gerade eine Anschubfinanzierung von 5 Millionen US-Dollar erhalten. Außerdem sollen die Instagram-Gründer vor Kurzem erste Gespräche mit Mark „Facebook“ Zuckerberg geführt haben.



Der Clou der Apps ist, dass eine begrenzte Anzahl vordefinierter Kunstfilter einfach über die Fotos gelegt werden können. So wird ein stinknormales Pic augenblicklich zum LOMO-Bild oder zur Polaroid-Aufnahme. Schnell, schön und lustig. Nur, dass die meisten Filter die Bilder alt aussehen lassen und also die unmittelbare Gegenwart in die ferne Vergangenheit dippen, offenbart eine wesentliche Charaktereigenschaft unserer Generation: Wir leben lieber gestern als heute. Wir haben Angst vor der unmittelbaren Wirklichkeit und können sie nur vermittels eines Filters ertragen. Ohne unsere Aviator oder Wayfarer trauen wir uns nicht mehr, die Augen zu öffnen; ohne unsere Chucks treten wir nicht mehr vor die Tür.

Profi-Fotografen finden die Apps schlimm. Der originale (Kunst-)Charakter eines Bildes würde verloren gehen. Und: Kitschige Filter würden aus schlechten Fotos keine guten machen. Dabei übersehen sie, dass es hierbei nicht darum geht, große – oder überhaupt – Kunst zu machen, sondern unernst und simpel mit Bildern umzugehen und andere bildhaft am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Dazu braucht man sich keine Ausrüstung im Wert eines Kleinwagens anzuschaffen. Die Fotografie wird an Instagram & Co genauso wenig zugrunde gehen wie die Literatur an Twitter oder die Kalligrafie am STABILO point 88.

Der App-Benutzer will nur spielen, macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt und erzählt anderen Menschen davon.

Foto-Apps für Smartphones:picplz & instagr.am & hipstamaticapp.com

[Fotos: misscaros photostream auf flickr]

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