Flaschensammler: "Das Gefühl, unter Menschen zu sein"

Manuel Lorenz

Als Sebastian J. Moser, 31, seinen Betreuern an der Uni Bielefeld vorschlug, über Flaschensammler zu promovieren, stieß er nicht auf Begeisterung. Dann las er einen Aufsatz des Freiburger Soziologen Ulrich Bröckling zum Thema, kontaktierte ihn und schreibt nun in Freiburg seine Doktorarbeit. Manuel hat mit Moser über die Menschen gesprochen, die im Abfall nach Pfandflaschen suchen.



Herr Moser, warum greift man für ein paar Cent in einen Mülleimer?

Sebastian J. Moser: Jedenfalls nicht, um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Einerseits ist das nämlich gar nicht möglich, andererseits aber auch nicht nötig – auch wenn der Sozialstaat in Deutschland seit Jahren abgebaut wird und zum Beispiel Langzeitarbeitslose es immer schwerer haben, über die Runden zu kommen.

Die Lebensverhältnisse eines Flaschensammlers sind aber nicht vergleichbar mit denen eines Müllsammlers in Brasilien oder Ägypten. Aus meinen Daten geht deutlich hervor, dass Flaschensammler gesellschaftlich sehr wenig in andere Gruppen eingebunden sind und dass ihnen das Flaschensammeln dazu dient, in eine Öffentlichkeit zu treten und Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen.

Wie sieht dieser Kontakt aus?

Einerseits passiv: das Gefühl, unter Menschen zu sein. Ein Flaschensammler hat einmal gesagt: Dann sitze ich nicht allein zu Hause, und vor allem sehe ich viele interessante Dinge. Andererseits entsteht aber auch ein aktiver Kontakt, weil über das Objekt der Flasche eine Berührungsfläche zu einer Person hergestellt werden kann, die man sonst nicht hätte ansprechen können. Kleine Sozialinteraktionen, ein nettes Wort, das ausgetauscht wird. Da es sich beim Flaschensammeln um eine stigmatisierte Tätigkeit handelt, ist man aber auch Aggressionen ausgeliefert und wird zum Beispiel beschimpft – was dem Wunsch der sozialen Integration entgegensteht.

Flaschensammler – sind das nicht vor allem Arbeitslose, Obdachlose und Rentner?

Das kann man so nicht sagen. Entscheidender als die gesellschaftliche Gruppe scheinen die Lebensumstände zu sein. Wie gesagt: Ich glaube, dass Flaschensammeln eher etwas mit sozialer Vereinsamung zu tun hat.

Wie viel verdient ein Flaschensammler denn?

Zwischen 1,50 Euro am Tag und angeblichen 250 Euro im Monat. Aber tatsächlich wird unter Flaschensammlern relativ wenig über Geld gesprochen – wahrscheinlich, weil einfach relativ wenig da ist. Ich habe einmal versucht, Geld in Flaschen und Flaschen in Gewicht umzurechnen. Irgendwann wird das Flaschensammeln zu einem logistischen Problem. Dann kann man die Pfandflaschen in seinen Plastiktüten, Jutebeuteln und Rucksäcken einfach nicht mehr transportieren.

Außerdem sind die Innenstädte voll von Flaschensammlern, und die Konkurrenz ist so groß, dass die tatsächliche Ausbeute wahrscheinlich eher gering ist. Auf einen Schlag viel Geld machen, wenn, dann nur die Veranstaltungssammler bei Konzerten, Fußballspielen oder ähnlichem.

Haben Flaschensammler immer dieselbe Route?

Ich habe zwei Gruppen von Flaschensammlern ausmachen können: Routensammler, also die, die einer festgelegten Route folgen. Und die eben genannten Veranstaltungssammler, also die, die zu Großveranstaltungen gehen und dort sammeln. Allerdings können die beiden Gruppen sich auch überschneiden.

Wie reagieren die Städte auf die Flaschensammler?

Immer mehr Städte sprechen am Wochenende ein Glasflaschenverbot aus – vor allem für so genannte Amüsiermeilen. Das passiert natürlich aus Sicherheitsgründen, führt aber dazu, dass die Erlöse der Flaschensammler minimiert werden. Außerdem ist in fast allen Städten verboten, etwas aus einem Mülleimer herauszunehmen.

Allgemein versuchen die Städte immer mehr, gesellschaftliche Randgruppen aus den Innenstädten zu verdrängen. Das hat etwas mit Imagepflege zu tun. Gerade dort, wo viele Touristen unterwegs sind, soll es sauber sein. Flaschensammler stören solch ein Bild genauso wie Obdachlose oder Bettler. Deshalb wird zum Beispiel auf dem Gelände des Berliner Hauptbahnhofs sehr darauf geachtet, dass dort keine Flaschensammler unterwegs sind.



Und die Müllabfuhr?

Manche Flaschensammler bezeichnen Müllmänner als Aasgeier. Ich selbst habe Müllmänner beobachtet, die Pfandflaschen extra gesammelt haben und sich quasi neben ihrer offiziellen Tätigkeit als Flaschensammler verdingen. Nur fallen sie dabei kaum auf, weil sie ja durch ihre Arbeitskleidung dazu befugt sind, in Mülleimern herumzuwühlen. Flaschensammler und Stadtreinigung verstehen sich daher gegenseitig als Konkurrenz.

In Supermärkten blockieren Flaschensammler die Pfandautomaten oft ziemlich lange.

Ja, und daher kommen die Reaktionen da eher von Kunden, die ebenfalls ihre Pfandflaschen abgeben wollen. Die Mitarbeiter bekommen das gar nicht so sehr mit, da die Pfandautomaten meist seitlich angebracht sind. Der Vorteil von Automaten für den Flaschensammler ist, dass sie keine Augen haben und also kein Stigmatisierungspotenzial bergen.

Wie sind Sie bei Ihren Forschungen vorgegangen?

Zuerst habe ich sehr viel beobachtet, dann habe ich selbst Pfandflaschen gesammelt. Wenn man einmal in die Mülltonne gegriffen und sich dabei umgeschaut hat, versteht man vielleicht besser, was in einem Flaschensammler vorgeht. „Teilnehmend beobachten“ nennt man das in der Soziologie. Dann habe ich in mehreren deutschen Städten Gespräche mit Pfandsammlern geführt – vor allem in Bielefeld, Berlin und Stuttgart – und diese Gespräche vermittels der Sequenzanalyse untersucht.

Sequenzanalyse?

Die Sequenzanalyse basiert auf der Annahme, dass unsere Handlungen nicht nur auf individuellen Entscheidungen beruhen, sondern diese von Sozialstrukturen vorgeformt sind. Und dass es durch ein sehr genaues Hinsehen und ein mikroskopisches Analysieren von Gesprächen möglich ist, diese Strukturen ans Tageslicht zu bringen.

Wie viele Flaschensammler haben Sie beobachtet?

Insgesamt zwischen 60 und 80, systematisch circa 20 – was nicht viel erscheinen mag, aber durch die Sequenzanalyse sehr ergiebig ist. Gespräche habe ich mit ungefähr 15 Flaschensammlern geführt.

Hat Sie das emotional nicht mitgenommen?

Doch. Einer der Flaschensammler hat einmal gesagt: Man lebt so dahin. Dieser Satz verfolgt mich bis heute. Ein Mensch, der einfach so dahin lebt und eigentlich nur darauf wartet, dass das Leben vorbei ist. Da kann das Flaschensammeln Hoffnung geben, den Alltag strukturieren und Sinn stiften.

Was sagt das Phänomen der Flaschensammler über unsere Gesellschaft aus?

Dass diese Leute Tätigkeiten brauchen, die sie an Arbeit erinnern. Und dass sie nicht Flaschen sammeln gehen, um Geld zu verdienen, sondern um ihren Alltag zu strukturieren und sich in ihrer freien Zeit zu beschäftigen. Flaschensammler sind einer Arbeitsideologie verhaftet, die der Soziologe Max Weber Anfang des 20. Jahrhunderts als protestantische Arbeitsethik genannt hat. Sie wollen arbeiten um jeden Preis. So wie jener bekannte Arbeitslose aus der Weimarer Republik, der ein Schild trägt auf dem steht: Nehme jede Arbeit gleich welcher Art sofort an.

Der Gesellschaft gehen einfache Erwerbstätigkeiten aber immer mehr aus. Und sie schafft es nicht, diesen Menschen ein gutes Gewissen einzureden, wenn sie nicht arbeiten. Daher sind immer mehr Menschen dazu bereit, sich egal wie weit zu erniedrigen, nur um einer Tätigkeit nachzugehen, die irgendwie an Arbeit erinnert. Das finde ich beängstigend, denn diese Situation hatten wir in Deutschland schon einmal.

Pfandsystem

Der Einweg- oder Dosenpfand  ist am 1. Januar 2003 eingeführt worden. Seit dem 1. Mai 2006 müssen alle Geschäfte, die größer als 200 Quadratmeter sind und pfandpflichtige Einwegverpackungen verkaufen, die Flaschen der jeweiligen Materialart ebenfalls zurücknehmen. Außerdem wurde das Pfandsystem vereinheitlicht: Auch kohlensäurefreie Getränke sind seither pfandpflichtig. Heute bekommt man für Einwegflaschen 25 Cent Pfand, für Mehrweg-Bierflaschen 8 Cent und für Mehrweg-Bierflaschen mit Bügelverschluss sowie sonstige Mehrwegflaschen 15 Cent.

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[Bilder: Philipp Spalek]