Flamenco meets Cuba: Latino-Sound für Freiburger Bildungsbürger

Meike Riebau

Wenn Flamenco auf Rock, Brahms auf Gloria Gaynor und Freiburger Bildungsbürger auf entfesselte lateinamerikanische Rhythmen treffen, kann das ganz furchtbar schief gehen. Es kann aber auch einfach ein großer Abend werden – eine "noche con arte", wie man vielleicht auf Spanisch sagen würde.



30+ und auch gerne mal im Businessanzug, so sah der durchschnittliche Flamenco meets Cuba-Besucher gestern abend aus – Anspruch auf Coolness wurde hier nicht erhoben; eher schon auf gepflegte Unterhaltung. Von den Gesprächsthemen in den Reihen um mich herum zu urteilen, hatte auch der ein oder andere Betriebsausflug seinen Weg ins Zirkuszelt gefunden.


Und das ist vielleicht auch der einzige Kaktusstachel, den es an diesem Abend zu verteilen gibt: Das Publikum ließ manchmal ein wenig an, nunja, Leidenschaft vermissen. Madrugá Flamenca zeigten ein furioses Tanz-Feuerwerk, von verhalten und still über brachial und laut. Das über allem stehende Thema „Agua“ (Wasser) verband die Stücke, und ließ ein harmonisches Ganzes entstehen.

Unkonventionelle Instrumente und Musikelemente mischten die Freiburger in ihre Show: Wo im klassischen Flamenco nur Gitarre, Sänger und Tänzer auf der Bühne stehen, fand man hier noch einen Kontrabass, Schlagzeug und gar eine Querflöte – wer hätte gedacht, dass sich verspielte Jazz-Elemente so gut in diesen archaisch-dramatischen Tanz einfügen.



Und nicht nur neue Instrumente brachten die Freiburger Flamencos mit: Auch ein wenig Umweltbewusstsein wurde in das Konzert eingeflochten: Das von Sänger und Gitarristen Jörg Hofmann selbst geschriebene Stück: „Dame un poquito de agua“ ("Gib mir ein bisschen Wasser") handelt von Wasserknappheit und sollte daran erinnern, dass es „wichtigere Dinge gebe als dieses Konzert“ – da verschwand die andalusische Lockerheit und machte der Freiburger Energie-Besorgnis Platz.

Besondere Highlights waren der Schleiertanz von Sybille Märklin, die sich trotz ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft um den Titel „Freiburgs Carmen“ gestern verdient gemacht hat. Ihr Tanzpartner Marco Volta zeigte in seinem Solostück, dass mehr Elemente des Modern Dance hatte, dass in ihm auch Qualitäten des traurigen Clowns stecken – wie er da auf der Bühne mit fünf Gläsern Wasser kämpfte, und Ende erschöpft zu Boden fiel, war ein sanftes Gegenstück zu dem lauten Geklapper der anderen Stücke.



Mit Sicherheit ist auch im Südbadner irgendwo ein wilder, leidenschaftlicher Kern, aber den herauszuholen, schafften die Flamencas nicht ganz. Der Aufforderung, Anerkennung mit den in Spanien traditionellen  Agua-Rufen zu honorieren, kam kaum jemand nach – da blieben die Zuschauer doch lieber beim traditionellen Beifall. Aber wenigsten den gab es reichlich und verdient.

Und wann man glaubt, es kann gar nicht besser werden, dann stimmt das meistens. Nur gestern nicht: Mit den Klazz Brothers & Cuba Percussions betraten fünf schmucke junge Herren in weißen Anzügen die Bühne, die nicht nur musikalisch, sondern auch entertainermäßig auf höchstem Niveau unterwegs waren.

Wie da leichthin Brahms mit Sambarhythmen, Mozart mit Guantanamera vermischt wurde, das war einfach nur beeindruckend und Crossover im besten Sinne. Ebenso beeindruckend neben aller Virtuosität war die Spielfreude, die die drei Deutschen und zwei Kubaner versprühten.



Kennen gelernt haben sich das deutsche Jazztrio und die beiden kubanischen Percussionists zufällig in einer Bar in Havanna. Aus einem lockeren Improvisieren sind mittlerweile sechs CDs geworden. Im zweiten Teil ihrer Show holten sich die Fünf Verstärkung von dem Brasilianer Edson Cordeiro. Im ersten Augenblick an einer Kreuzung aus Napoleon (weil eher zierlich) und Gloria Gaynor (weil ein wenig – ein ganz klein wenig- affektiert) erinnernd, lässt der Lateinamerikaner so manche Operndiva vor Neid erblassen.

Auf den Straßen Brasiliens entdeckt, hatte das Naturtalent seinen ersten großen Auftritt mit der Arie der Königin der Nacht. Auch gestern zeigte er, dass er alles kann, von Oper zu Schlager zu Schlaflied, von pathetisch-dramatisch zu albern-balzend.



Im großen Finale versammelten sich sämtliche Musiker und Tänzer auf der Bühne, und spielten ein gelungenes „Fin de Fiesta“. Madrugá Flamenca bekamen – verdientermaßen -  den diesjährigen ZMF-Preis überreicht, und die Zuschauer wurden mit einem von Edson Cordeiro gehauchten „Guten Abend, gute Nacht“ nach Hause geschickt.

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