Fläschchenschmeißen beim SC für 1000 Euro

Eva Hartmann

Die Anklageschrift klingt unspektakulär: Drei Angeklagte im Alter von 16 bis 23 Jahren sollen bei einem SC-Spiel Jägermeister-Fläschchen "in Richtung des Spielfeldes" geworfen haben. Dabei hätten sie in Kauf genommen, dass jemand verletzt wird - was aber nicht geschah. Heute Vormittag haben die drei SC-Fans im Amtsgericht die Konsequenzen erfahren.



Der Tathergang

Zusammen mit weiteren Freunden gehen die drei Angeklagten Jakob (16), sein Bruder Tim (19) und deren gemeinsamer Kumpel Hendrik (23) im Mai 2007 zum Zweitligaspiel des SC Freiburg gegen den SC Paderborn. Zuvor kaufen sie sich, das hat Tradition, jeweils eine Miniflasche Jägermeister, um auf den Sieg des SC zu trinken. Am Eingang des Dreisamstadions werden sie nicht kontrolliert; die Fläschchen werden ihnen nicht abgenommen.

Die Jungs trinken im Stadion, wie sie sagen, "jeder noch ein Bier" und verfolgen das Spiel. Die Stimmung ist von Anfang an gereizt. Aufgrund "blöder Tore und falscher Schiedsrichterentscheidungen", wie Jakob später sagt, kochen im gesamten Fanblock die Emotionen hoch. Es wird gepogt, beleidigt, geschubst und mit Gegenständen geworfen - sowohl in den eigenen Fanblock, als auch in Richtung des Spielfelds. Die Gruppe der drei Jungs mischt dabei kräftig mit, die Stimmung wird zunehmend aggressiv. Ein Zivilpolizist, der wenige Reihen hinter den Jungs steht, bemerkt deren auffälliges Verhalten und behält sie im Auge. Dann sieht er, wie Hendrik eine kleine Schnapsflasche auf das Spielfeld wirft. Dass auch Tim und Jakob ihre Jägi-Fläschchen werfen, entgeht seinen Blicken.



Der Polizist teilt seine Beobachtung den uniformierten Kollegen mit; diese beobachten Hendrik weiter und greifen ihn nach Spielende heraus: Eine Personenkontrolle soll stattfinden. Hendrik sieht das nicht ein, will weitergehen, leistet Widerstand. Erst, als ein Polizist ihn "anbrüllt", wie der als Zeuge geladene Zivilpolizist es beschreibt, lässt er sich durchsuchen.

Aufgrund der Aussage des Zivilpolizisten wird Hendrik angezeigt. Er leugnet die Tat, nennt den Polizisten nach Absprache mit seinen Freunden jedoch die Namen von Jakob und Tim: "Das war abgesprochen, weil wir ja was gemacht haben, aber er halt nicht", sagt Tim in der Verhandlung. Während Tim und Jakob die Tat ohne Umschweife gestehen und sich reuig und einsichtig zeigen, beharrt Hendrik auf seiner Unschuld. "Vielleicht hat der Polizist sich ja verschaut", sagt er und wirkt nervös: Er wurde bereits wegen eines anderen Vergehens, ebenfalls im Zusammenhang mit einem Fußballspiel, verurteilt.

Wegen dieser Vorlast, und weil er dazu nicht mehr unter das Jugenstrafgesetz fällt, droht ihm im Wiederholungsfalle eine Mindeststrafe von sechs Monaten Freiheitsentzug. Man merkt, dass ihm das Angst macht, dennoch verteidigt er sich sehr offensiv. "Geradezu aggressiv", wie der Staatsanwalt in der Pause der Vertreterin der Jugendgerichtshilfe zuraunt: Mit fester Stimme rüttelt der Angeklagte heftig gestikulierend an den Aussagen des Zivilpolizisten, der Hendrik eindeutig als den Flaschenwerfer identifiziert hat; immer wieder versucht er, dem Richter oder dem Staatsanwalt ins Wort zu fallen.



Das Urteil

Der Richter möchte Milde walten lassen und das Verfahren gegen alle drei ohne weitere Konsequenzen einstellen. Seiner Meinung nach reiche es aus, dass alle drei ein Stadionverbot seitens des SC Freiburg zu erwarten hätten. Die Einsicht Tims und Jakobs hat ihn wohl überzeugt. Für Hendrik findet er etwas härtere Worte: "Meinen Sie nicht, dass jemand wie Sie in einem Fußballstadion eigentlich nichts verloren hat?", fragt er - und erntet von Hendrik nur eingeschränktes Verständnis: "Wieso denn? Ich hab doch nichts gemacht!"

Der Staatsanwalt sieht das anders: "Einstellung: Meinetwegen, aber nicht vollkommen ohne Konsequenzen", plädiert er - durch die Aussage des Zivilpolizisten gilt Hendrik für ihn als eindeutig der Tat überführt. Für ihn sieht er eine Geldstrafe von 1000 Euro vor. Auch die beiden Brüder will er nicht ungestraft davonkommen lassen: Tim wurde erst im Sommer wegen vollendeter Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 250 Euro verurteilt; seiner Meinung nach solle er einen weiteren, höher angesiedelten Denkzettel bekommen, um endlich Konsequenzen aus seinem Verhalten zu ziehen. Und Jakob solle mindestens einige Arbeitsstunden ableisten.

Nach einer kurzen Unterbrechung der Verhandlung fällt das Urteil: Den Angeklagten wird eine Einstellung des Verfahrens angeboten, sofern sie bereit sind, Geldstrafen bzw. Arbeitsstunden abzuleisten. Hendrik werden die genannten 1000, Tim 500 Euro auferlegt. Jakob muss 30 Arbeitsstunden in einer sozialen Einrichtung ableisten. Alle drei nehmen das Angebot an.



Die schönsten Zitate

Staatsanwalt: "Mit Flaschen aufs Spielfeld werfen, gehört sich das?"
Tim: "Na, normal nicht..."
Staatsanwalt: "Was soll das heißen? Dass Sie nicht normal sind, oder was?"

Jakob: "Ich hab die Flasche im Affekt geworfen; die Emotionen sind so hochgekocht und ich war halt aufgeregt..."
Staatsanwalt: "Und wenn man dann eine Flasche wirft, wird die Aufregung weniger?"