FKK-Polemik: Blick auf die Hosenlosen

Felix Lampe

FKK oder was? Diese Frage drängt sich dem Besucher der Freiburger Badeseen diesen Sommer unversehens auf. Fudder-Autor Felix Lampe schreibt über die zunehmende Erregung öffentlichen Ärgernisses. Der Bericht eines Bademodenliebhabers von der Nacktfront.



Sie sind überall. Am Dietenbachsee, am Opfinger See, am Niederimsinger See. Wer in freier Natur schwimmen will, entgeht ihnen nicht: den Nacktbadern. Der Nudismus im Freiburger Umland feiert Hochstände, man ist geneigt, von epidemischen Ausmaßen zu sprechen. Ob es sich dabei um ein Phänomen des Breisgaus handelt, ist zwar fraglich. Sicher aber ist, dass die hiesige alternativ-grüne Gemütslage der öffentlichen Nacktheit förderlich ist. Wer liberal ist, macht sich eben gerne frei und setzt auf eine vollständige Berührung mit der geliebten Natur.


Lässt man den Blick über die Liegewiese eines beliebigen Sees schweifen, so bleibt man immer wieder an Körpern hängen, an denen weder Badehose noch Bikini noch sonst irgendein Kleidungsstück auszumachen ist. Was sich der Bürger mit durchschnittlichem Schamgefühl in blickdichten Solariumskabinen zulegt, holt sich der Nacktbader also unter freiem Himmel: eine nahtlose Bräune.



Während man als Badehosenträger die Nudisten mit verstohlenen Blicken mustert, scheinen sich diese nicht für einen zu interessieren. Und dennoch hat man das Gefühl, von ihnen beobachtet zu werden. Irgendwie meint man, sie betrachteten die schöne, neue Badehose, mit der man aufzutrumpfen gedachte. Unter den abschätzigen Blicken der Hosenlosen aber wird sie einem plötzlich zum Gegenstand einer Art Scham. Seltsame Umkehrung!

Als ordnungsgemäß Bekleideter fühlt man sich plötzlich so, wie sich ein Nackter unter lauter Anzugträgern fühlen muss. Natürlich, die denken, man sei prüde, verklemmt, weil man sich nicht so hüllenlos präsentiert! Die wähnen sich befreit, während man selbst noch in seiner bürgerlichen Moral gefangen scheint. Und wie um ihre befreiende Nacktheit zu unterstreichen, tragen einige von ihnen Schuhe, Halstücher oder Hüte, als freche Kontrapunkte gegen die Forderungen der guten Sitte.



Das Adams- beziehungsweise Evakostüm scheint en vogue zu sein. Allzu viele begehen diesen modischen Sündenfall. Wie jene ältere Frau, die neulich am Ufer aus dem Wasser stieg. Sie war äußerst beleibt. Hatte deutlich mit dem steinigen Untergrund zu kämpfen, mit der Schwerkraft, die sie wieder ins Wasser zog und mit der ihr ganzer Körper an allen Enden seit Urzeiten zu ringen schien. Der schmerzerfüllte Blick wandte sich ab und traf dafür auf den Rücken zweier Männer. Auch sie älter, auch sie nackt, und dessen nicht genug, beide nach vorn über eine Kühltasche gebeugt, aus der sie zwei Biere holten. Prost!

Warum können sie nicht einfach in ihren Reservaten bleiben? Sich dort der Frei-Körper-Unkultur bei Tischtennis und am Grill hingeben und den in Zivil Badenden vor dem Anblick ihrer fleischlichen Uniformität verschonen!



Überhaupt, der Großteil der Nackten scheint gehobenen Alters, keiner unter vierzig, eher über sechzig. Ach, wie wäre es bloß, wenn junge Menschen sich dieser kulturellen Praktik bedienen würden. Schöne, junge Leiber unter einer goldenen Sonne, von türkisem Wasser umspült. Ja, das wäre ein wahres Arkadien.

Bringt man allerdings das Balzverhalten paarungsbereiter Baggerseebesucher in Anschlag, beschleichen einen schnell Zweifel an dieser Wunschvorstellung. Nein, es ist gut, dass die jungen Menschen sich an die Kleiderordnung halten. Andernfalls käme es zu unkontrollierbaren Hormonausschüttungen, der See würde vermutlich sein ökologisches Gleichgewicht verlieren und umkippen. Nackte Badende sollten auf idyllischen Gemälden in Museen hängen. Am See kann man auf sie verzichten.



Was also tun? Unbestätigten Gerüchten zufolge wurde das Ufer des Niederimsinger Sees umgepflügt, um den Nudisten ihre Ausstellungsfläche zu nehmen. Da dadurch gleichzeitig der unschuldige Nylonträger seiner Liegemöglichkeit beraubt wurde, ist zu hoffen, dass diese Maßnahme keine Schule macht.

Bliebe also noch, sich ins Freibad zurückziehen, wo der strenge Blick des Bademeisters über die Einhaltung der Kleiderordnung wacht. Dort garantieren Einzelumkleiden einen von fremden Genitalien ungetrübten Blick. Aber wer zahlt schon gerne Eintritt, wenn die zahlreichen Seen einen kostenlosen Badespaß bereitstellen? Nein, wir Bademodenliebhaber dürfen uns nicht vertreiben lassen. Wir sollen durch die Reihen der Nackten schreiten und selbstbewusst singen: Pack die Badehose ein.