Finke beglückt musikalisches Fußvolk

David Weigend

Seit zwei Wochen gibt es auf myspace einen Song, der aus Samples von Finkezitaten besteht. "Der völlig falsche Denkansatz" wurde produziert von DJ Un-Excited, einem anonymen Finkeanhänger. Im folgenden Interview erzählt er alles, was man zu diesem Post-Volker-Disco-House wissen muss.



DJ Un-Excited, wie bist du auf die Idee gekommen für das Finkelied? Schnapsidee? Mit Freunden geplant?

Nein. Spirituosen trinke ich nicht, es war eine reine Eigenproduktion. Mir war schon lange klar, dass Volker Finkes Worte verschenkt sind, wenn man sie nur der Banalkultur des Fußballzirkus überlässt. Also habe ich bei Gelegenheit immer wieder Soundfiles aufgehoben, um damit irgendwann etwas zu machen. Manche hatte ich schon seit sechs, sieben Jahren. Dann habe ich angefangen zu mixen. Das Ergebnis war der Song „Der völlig falsche Denkansatz“.

In welchem Zusammenhang ist dieser Ausspruch gefallen?

Weiß ich nicht mehr, da müsste ich jetzt erst wieder alle Tonspuren durchhören. Aber wir müssen davon ausgehen, dass ein Journalist im Interview eine unkonzeptionelle Frage gestellt hat und entsprechend zurechtgewiesen wurde.



Du hast den Stil des Tracks benannt als "Holländischer Pop / Disco House".

Holländischer Pop steht nur da, weil man bei Myspace eine zweite Musikrichtung angeben muss - auch wenn man nur ein einziges Stück hostet. Da habe ich die Kategorie angegeben, die ich am sinnlosesten fand. Ist es, wenn man auf niederländisch singt, jetzt schon eine eigene Musikrichtung? Dreiviertel dieser Genre-Begriffe werden doch von der Musikindustrie erfunden, um den Konsumenten die Unterscheidbarkeit von viel gleichklingendem Brei zu suggerieren.

Was ist er denn nun, dieser Finketrack?

Disco House trifft glaube ich am ehesten zu, in den Frühneunzigern nannte man solche Musik auch Eurodance. Das heißt: auf einen einfachen Nenner gebracht und so primitiv, dass man es den Massen überall vorsetzen kann. Und wenn man die Worte des großen Trainers weit tragen will, muss die Mucke dazu eben massenkompatibel sein. Freejazz im Dreizehnachtel-Rhythmus wäre deutlich weniger geeignet. Privat höre ich eher ziemlich alte Rockmusik, zum Tanzen darfs aber auch mal House sein.



Warum bedeutet dir Finke so viel?

Ich und meine Freunde haben irgendwann registriert, dass für uns die sportlichen Ergebnisse – ob positiv oder negativ - hinter die Person Finke und seine Aura zurücktraten. Da war jemand, der jedem Gesprächspartner deutlich machte, dass es keine einfache Wahrheiten gab, sondern alles einem höheren Konzept gehorcht - das er, Volker Finke, natürlich kannte. Niemand konnte ihm da Paroli bieten. Bald stellten wir fest, dass seine Lehre des Nachhaltigen und Konzeptionellen uns Halt und Orientierung in einer immer chaotischer werdenden Welt verschaffen konnte.

In Zeiten, in denen der Freiburger Fußball in Deutschland kaum noch für Aufsehen sorgte und Gegner nur noch selten vor Probleme stellte, konnte man sich wenigstens darauf verlassen, dass hier im Breisgau weiter gedacht wurde.



Etwas konkreter, bitte.

Zum Beispiel im Früjahr 2006: Ganz Deutschland freute sich auf den Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft – und nur Finke erklärte der Nation, dass eine WM im eigenen Land eigentlich scheiße ist: Weil die mit neuen Stadien beschenkten Spielorte die Schere zwischen Arm und Reich in der Liga weiter auseinander gehen lassen würden, erklärte es der Vordenker aus Freiburg. Und bestimmt hat er Recht.



Wann warst du erstmals im Dreisamstadion zu Gast?

1993, da war ich gerade zum Studium nach Freiburg gezogen und der SC erstmalig in Liga Eins aufgestiegen. Das waren die zwei, drei Jahre der großen SC-Hysterie, 5:1 gegen Bayern und so weiter. Von der Attitüde her war der Trainer damals aber noch mehr linker Rebell und weniger geistiges Oberhaupt. Übrigens erschien in der Zeit von einem Projekt namens „Mo-Do“ die bahnbrechende Single „Eins, zwei, Polizei“ – an deren Struktur habe ich mich für meinen Song etwas orientiert.

Wann gibts den ersten "Volkers Techhouse Freakout" feat. Günter Grass Fangemurre?

Für einen Nachvolker des Songs ist es noch zu früh. Erst mal werde ich noch den Club-Remix und eine Unplugged-Version herausbringen. Oder wir machen was mit angesagteren Musikstilen: Vielleicht Lo-Fi-Indiepop, wenn ich ein paar Musiker finde, die möglichst wenig können. Was hätte Volker Finke gefordert? Nicht von kurzfristigen Erlebnismöglichkeiten blenden lassen und unaufgeregt weiterarbeiten.

Mehr dazu:

 DJ Un Excited auf myspace: Völlig falscher Denkansatz