Fingerwaschen und Rosenlegen

Linda Tuttmann

Gewohnheiten hat jeder. Auch beim Essen. Spaghetti Bolognese, Rührei und Nudelauflauf, dazwischen Mensa und Tiefkühlpizza. Sind einmal die Lieblingsgerichte gefunden, fällt der Ausbruch aus dem Kochtrott schwer. Kein Geld, keine Zeit, fehlendes Know-How, so die Standardargumente für Kochroutine. Linda hat kein Bock mehr auf diese Sprüche und den Mensa-Kochkurs besucht.

 



Mittwochabend, 19 Uhr, Mensa-Bistro. Die Küche ist voll. Salatberge, Sahnepäckchen, Baguettestangen. Plus Renate Heyberger vom Studentenwerk und zwanzig Kochbegeisterte. Dazwischen wuselt Christian Begyn. Klein und rundlich, mit weißer Schürze. Heyberger nennt ihn „Bonbon“. Ein Bilderbuch-Koch, der dem „Schwarzen Adler“ 1973 einen „Stern“ erkocht hat. Fast verlegen versteckt Begyn seine Hände unter der Schürze. Er sei eher der manuelle Typ, sagt er, und dass er schon immer Koch werden wollte.


„Fingerwaschen“, ruft Renate Heyberger und klatscht in die Hände. Heute soll es Lachsrose auf Salat geben. Lachsrose heißt es, weil der Fisch in Rosenform gelegt wird. „Ist ganz einfach“, sagt Christian Begyn. Wir sind skeptisch. „Enthäuten“, „Entgräten“, „Entfetten“, steht in der Kochanleitung, die man uns zur Sicherheit austeilt. „Das sind Arbeitsschritte von drei Stunden“, vermutet Teilnehmer Benjamin Greschbach. Er soll Recht behalten.

Bevor wir uns an den Lachs wagen, geht’s mit der Nachspeise los. Eine Sahne-Quark-Creme mit Vanille-Schoko-Soße. Diese Creme sei unglaublich praktisch, weil sie zu allem passe, begründet der Chefkoch seine Wahl. Wir müssen erstmal Sahneschlagen, und zwar ohne Rührgerät. Zum Glück ist über die Hälfte der Teilnehmer männlich, mir schmerzt schon nach fünf Minuten der Arm. Jurastudent Claus Diesing ist ausdauernder, „nein, nein, es geht schon“, erwehrt er sich meines Ablöseangebots. Ist mir ganz recht so. In der anderen Ecke der Küche wäscht man mittlerweile den Salat, weniger interessant. Ich bin gespannt auf die Vanille-Schoko-Soße. Ohne Dr. Oetker habe ich die noch nie hinbekommen. Diesmal schon, wie ich eine halbe Stunde später feststelle. Wie alles, was Koch Begyn uns am heutigen Abend vorführt, sieht es trügerisch einfach aus.


Etwas eigenwillig ist derweilen die Sahne. Sie will nicht steif werden. Claus’ Arm schmerzt und er übergibt den Rührbesen dankbar dem Meisterkoch. Jetzt verstehe ich, warum zwei meiner Kochkollegen ihre Schürzen mitgebracht haben. Nur zwei Minuten dauert es, bis mein Pulli mit weißen Sahnespritzern übersäht ist. Schon bereue ich es, mich in die vorderste Reihe gedrängt zu haben.

Als Belohnung für unser Engagement dürfen wir die Sahne-Quarkschüssel ausschlecken. Nützt wenig, uns knurren die Mägen. Was nicht verwunderlich ist, schließlich ist es schon 20.30 Uhr. Ein Dilemma: Ist man zu hungrig, fehlt die Disziplin und man nascht beim Kochen so viel, dass der Hunger weg ist, sobald das Gericht auf dem Teller steht. Genauso schlecht ist es, keinen Hunger zu haben. Warum sollte man kochen, wenn man eh schon satt ist und ein Käsebrot ausreicht?



Währenddessen kämpft Volker Straub schon mit dem Lachs, besser: mit den unzähligen Gräten, die er mit einer kleinen Zange aus dem rosafarbenen Fleisch herauszuziehen versucht. Straub ist so engagiert, weil er Fischkochen lernen will. Das sei schließlich sehr gesund, sagt der Bio-Student. Ein bisschen eklig finde ich sein Gepule trotzdem.

Zum Glück ist das Rosenlegen der Lachstreifen sehr einfach. Und es sieht fantastisch aus. Vier Minuten müssen die Rosen in den Ofen. Dann dürfen wir sie essen. Es ist kurz nach 22 Uhr. Ich habe Riesenhunger und lasse es mir schmecken.