Filmfestspiele Cannes 2008: Einmal als Cinephiles dabei

Gina Kutkat

Viele würden die Filmfestspiele von Cannes als buntes Treffen von internationalen Stars inklusive Gossip über Brangelina, Harrison Ford, Ma(ra)donna & Co. definieren. Cannes kann aber auch anders. Der Filmkunst wird in diesen Tagen eine ganz besondere Plattform geboten und wer durchhält, schaut bis zu sieben Filme am Tag. Was in diesem Jahr hinter den Kameras abseits des Glamours so los war, hat fudder-Autorin Gina auf einer Uni-Exkursion miterlebt.



Während der Filmfestspiele ist es schwer in Cannes Leute zu treffen, die "nicht wichtig" sind oder die sich wenigstens für "nicht wichtig" halten. Es scheint, als würde sich alle Welt an diesem kleinen Örtchen an der Côte d'Azur versammeln, um an der Uferpromenade in den neuen Designer-Schuhen zu flanieren und das nagelneue Auto dezent vor das Luxusrestaurant zu parken. Diejenigen Leute, die in diesen Tagen wirklich "wichtig" sind, bekommt man erst gar nicht zu Gesicht, denn sie sitzen die meiste Zeit im Kino.


Cannes Einwohnerzahl steigt während der Filmfestspiele um das Dreifache, von 70.000 auf 200.000, der Umsatz des Festivals beläuft sich auf 120 Millionen Euro. Meine Festivalzeit entpuppt sich als teuerste Zeit meines Lebens. Zweimal leiste ich mir zum Nachtisch eine Kugel Eis für 2,50 Euro, die restliche Zeit versuche ich sparsam zu sein und selbst zu kochen. Trotzdem sind in den zwölf Tagen allein für meine Verpflegung 180 Euro draufgegangen.

Durch eine Exkursion – von der Uni Freiburg angeboten – habe ich das Glück, bei den Filmfestspielen in Cannes hautnah dabei zu sein. Mit einer "Cannes-Cinephiles"-Akkreditierung habe ich als sogenannter Kinofreund die Möglichkeit, mir Filme des Wettbewerbs anzusehen. So weit, so gut. Zwischen den Filmen und den Kategorien, in die sie eingeteilt sind, gibt es große Unterschiede und so ist es meistens einfach nur Glücksache, in welchen Filmen man schließlich landet.



Am ersten Tag bekomme ich einen Badge, der bescheinigt, dass ich eine Cinephile bin. Der professionelle Badge ist besser, den bekommen Presseleute, Mitarbeiter von Filmproduktionsfirmen und alle Leute, die aus beruflichen Gründen da sind. Der Besitz eines Cinephilen-Badges berechtigt mich leider nicht, in alle Filme einfach gemütlich hineinzuspazieren. Schlangestehen wird meine Hauptbeschäftigung während der Festivaltage.

Jeden Morgen um acht stelle ich mich in die Schlange, in der "Invitations" für unterschiedliche Filme verteilt werden, die am selbigen Tag laufen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Warum und wieviele Karten verteilt werden, ist mir schleierhaft. Um einen Durchblick zu bekommen, lohnt ein Blick auf die verschiedenen Wettbewerbe und Reihen der Filmfestspiele.

Der Wettbewerb

Filme, die "En Compétition" laufen, sind letztendlich die Filme, die die Chance auf die Goldene Palme, also den Preis für den besten Film, haben. In diesem Jahr sind das unter anderem Delta, L'Echange, Entre les murs, Gomorra, Linha de Passe, Leonera, Les Trois Singes, Two Lovers und noch ein paar mehr. Über diese Filme entscheidet die Jury mit Jurypräsident Sean Penn und den Juroren Sergio Castellitto, Natalie Portman, Alfonso Cuaron, Apichatpong Weerasethakul, Alexandra Maria Lara, Rachid Bouchareb, Jeanne Balibar und Marjane Satrapi.

Filme der Kategorie "Un Certain Regard" werden nach der Regieleistung bewertet, Juryvorsitzender ist Fatih Akin. Afterschool, Hunger, Johnny Mad Dog, Le Sel de la Mer, Wolke 9 und weitere Filme gehen ins Rennen. Eine Vereinigung von Regisseuren führt unter dem Namen "La quinzaine des Réalisateurs" eine Parallelveranstaltung durch, bei der ebenfalls Filme prämiert werden. Außerdem gibt es noch den Kurzfilmwettbewerb mit der Auszeichnung "Palme D'Or du Court Métrage".

Dernière Minute



Eine interessante Art in den Kinosaal zu kommen, steckt hinter dem "Accès Dernière Minute". In letzter Minute lassen nämlich die strengen Wachposten und Securityleute des Festivals manchmal ein paar Leute einfach so durchlaufen. Aufbrezeln und nett lächeln sollen die Geheimrezepte sein. Gesagt, getan. Leider haben circa 30.000 andere Leute die selbe Idee.



Es wimmelt nur so von Kartensuchern vor dem Kino, jeder möchte am ersten Tag Fernando Mireilles "Blindness" sehen. Schilder mit Aufschriften wie "Invitation pour Blindness S.V.P." werden mir entgegengestreckt, als ich mir meinen Weg zum "Dernière Minute" Schild bahne. Fotografen machen Aufnahmen von jedem, der an diesem Tag ein bisschen schicker aussieht. Leider ist mein Plan nicht aufgegangen und die Securityleute lassen niemanden mehr rein, der Saal ist voll.

Der rote Teppich

Das Schaulaufen auf dem roten Teppich beginnt jeden Tag aufs Neue. Am Eröffnungstag der Filmfestspiele ist die Aufregung unter den Zuschauern am größten. Einwohner von Cannes stellen schon zwei Tage vorher ihre Leitern auf, um die Stars besser erkennen zu können. Per Schichtwechsel werden die Leitern dann bewacht, bis der große Augenblick gekommen ist. Der Sponsor der Festivalautos fährt die Stars mit einem Special-Festival-Modell vor.

Cate Blanchett, Eva Longoria, Dennis Hopper und einige französische Filmstars geben sich am ersten Tag die Ehre. Dank einer Leinwand sehe ich sie in Großaufnahme. Zum Schluss flaniert die Jury über den roten Teppich. Sean Penn ist großartig wie immer, Natalie Portman ist wunderschön wie immer und Alexandra Maria Lara hat ihren talentierten Freund Sam Riley, den grandiosen Hauptdarsteller aus "Control" mitgebracht.



Während im Palais der Eröffnungsfilm beginnt, geht draußen das Getummel und Getratsche weiter. Brad Pitt und Angelina wurden an diesem Tag vermisst und auch sonst war das Staraufgebot nicht gerade zum Kreischen gut.

Meine erste Festivalkarte



Geschafft! Ich halte eine Karte für Pablo Traperos Wettbewerbsfilm Leonera in den Händen, ein Film über eine Frau, die ihr Kind im Gefängnis zur Welt bringt und dort auch aufzieht. Mein Favorit unter all den Filmen des Festivals, da die schauspielerische Leistung von Martina Gusman mich in den Bann zieht und die Story einfach gut ist.

Zum ersten Mal betrete ich das Grand Théâtre Lumière (Bild unten), den größten Kinosaals des Festivals, angeblich fasst er 3000 Leute. Das normale Fußvolk sitzt auf dem "Balcon". Als auf der Leinwand die Schrift "Festival de Cannes 2008" erscheint, zücken fast alle die verbotenen Kameras, es folgt ein 5-sekündiges Blitzlichtgewitter. Über die Leinwand sehe ich auch die Hauptdarsteller und den Regisseur den Saal betreten. Nach Leonera heulen sie vor Rührung. Nicht nur sie.



Leichte Kost, schwere Kost

Filme, die außer Konkurrenz, "hors de compétition", laufen, sind zum Beispiel Indiana Jones mit Harrison Ford und Kung Fu Panda mit den Synchronstimmen von Jack Black und Angelina Jolie. Kung Fu Panda sehe ich im Théâtre Grand Lumière, das Wachpersonal hat mich in allerletzter Minute hineingelassen. Es ist ein niedlicher, sehr lustiger Animationsfilm im Stile von vielen anderen Animationsfilmen, aber er macht Spaß. Was für eine Abwechslung vom sonst sehr düsteren Plot. Das Thema des Todes und des Schweigens zieht sich wie ein roter Faden durch die Wettbewerbsfilme, die ein eher schweres Gefühl beim Zuschauer hinterlassen.

Ein besonderer Kandidat ist da Steve McQueens "Hunger", der das  IRA-Mitglied Bobby Sands im Gefängnis zunächst beim "No-Washing"-Streik zeigt und ihn im zweiten Teil des Films bei seinem Hungerstreik bis zum Tode filmt. Auf grausam realistische Weise schaue ich einem Menschen beim verhungern zu. Mein Magen ist nicht der einzige, der am Ende des Films knurrt.

Um Mühen und Wartezeit zu sparen, schaue ich mir in den nächsten Tagen Filme im Licorne an, hier reicht mein Badge als Eintrittskarte aus. Die Wettbewerbsfilme Gomorra und Les Trois Singes sowie die eher kleineren Produktionen Afterschool, Moscow, Belgium, Lucky Miles und Footy Legends laufen in diesem Kino außerhalb von Cannes. Der Kinomarathon beginnt manchmal schon um 9 Uhr morgens und endet nicht vor 16 Uhr.



Mein Leben als Cinephile setzt sich in diesen Tagen ausschließlich aus Filme gucken, essen und schlafen zusammen. Ein bisschen Sightseeing in Nizza, Monaco und Grass ist zwar auch mal drin, aber danach gehts auch schon wieder ins Kino! Ich kann sagen, dass ich süchtig nach Kino geworden bin. Ich war zwar vor den Filmfestspielen schon ein Kinoliebhaber, aber die Zeit in Cannes hat mir eine neue, eher wissenschaftliche Perspektive auf das Kino eröffnet.

Mehr dazu:

Web: Festival de Cannes