Filme im Stühlinger: Bei "Living Walls" werden gewöhnliche Orte zu Kinoleinwänden

Johannes Tran

Leinwandfreies Openair- Kino – und das im Herbst. Zum ersten Mal fand Donnerstagabend eine Ausgabe von "Living Walls" im November statt. fudder-Autor Johannes Tran war bei der Kinotour im Stühlinger dabei.

Der blaue Stromgenerator rattert beharrlich, sein Surren füllt den dunklen Stühlinger Kirchplatz mit Leben. Ein meterlanges Kabel schlängelt sich hin zu einem Klapptisch, auf dem ein weißer Beamer steht. Ringsum harrt eine Gruppe von Menschen, rund einhundert dürften gekommen sein.


Beinahe andächtig folgen ihre Blicke dem Lichtkegel des Beamers. Der projiziert sein kontrastreiches Bild auf den schmucklosen grauen Beton der Straßenbahnbrücke, die den Stadtteil Stühlinger mit der Innenstadt verbindet. Es ist 21 Uhr, alles ist vorbereitet für die Show. Film ab für die "Living Walls"!

Filme auf Wänden

Vor drei Jahren organisierten das Studierendenwerk und das Kommunale Kino Freiburg zum ersten Mal eine Veranstaltung unter dem Motto "Living Walls" – zu Deutsch "Lebende Wände". Die Idee: Bei einer Kinowanderung entdeckt eine Gruppe einen Stadtteil von einer ganz neuen Seite. Anstatt auf einer Leinwand sehen die Teilnehmer Filme auf den Wänden unterschiedlicher Gebäude. Obendrein sollen sich die vorgeführten Werke thematisch in die Umgebung einfügen. Nun fand erstmals eine Kinowanderung im Herbst statt.

Es ist kalt, das Thermometer zeigt sechs Grad. Doch die Besucher haben vorgesorgt. Sie tragen dicke Mützen, Handschuhe und Mäntel; Bier und Tee wärmen von innen. Einige von ihnen haben Klappstühle oder Kisten mitgebracht, auf denen sie es sich während der Vorführungen bequem machen. Ein Mann verteilt kostenloses Popcorn.




5 Kurzfilme an unterschiedlichen Orten

Sofort entsteht ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl, hat es doch etwas Verbindendes, an einem Herbstabend gemeinsam durch den Stühlinger zu streifen und der Filmleidenschaft zu frönen.

Veranstalter Hannes Bürkel vom Kommunalen Kino Freiburg steht in blauen Sneakers und Jeans am Rand der Gruppe und bringt den Stromgenerator zum Laufen. Der 37-Jährige ist fasziniert von der Idee der Kinowanderung: "Wenn sich Bezüge ergeben zwischen Inhalt und Ort, ist das total eindrucksvoll. Das macht öffentliche Orte zu kleinen Kinosälen." Dass das an diesem Abend gelingt, ist größtenteils sein Verdienst und das von Simon Waldenspuhl, Stadtrat und Mitarbeiter vom Studierendenwerk: Sie sind im Vorhinein die Strecke abgelaufen und haben sich genau überlegt, welcher Film zu welcher Wand passen könnte.

Gezeigt werden heute ausschließlich Kurzfilme – fünf an der Zahl. Der erste Streifen ist wie gemacht für die urbane Kulisse der Stühlinger Bahnhofsbrücke, auf der sich Graffiti an Graffiti reiht. "MR X" des Regisseurs Alex Nicholson handelt von der Londoner Tattoo-Ikone Duncan X und seiner Leidenschaft, der Tintenkunst. Es ist ein mystischer, atmosphärischer, etwas düsterer Film, der den Tätowierer an seinem Schreibtisch im nackten Oberkörper zeigt, auf dem mehr Tattoo als Haut zu sehen ist. Die Zuschauer sind begeistert - sie klatschen nach jedem Film, der an diesem Abend gezeigt wird.

Entspannte Atmosphäre, begeisterte Zuschauer

Sarina Enkelmann ist allein zur Filmwanderung gekommen. Die 28-jährige Pädagogin hat sich in einen knielangen Mantel und einen bunten Schal eingekuschelt, ein Stirnband hält die Haare beisammen. Sie wohnt selbst im Stühlinger und wollte die Veranstaltung deshalb auf keinen Fall verpassen: "Ich mag die Idee, mit anderen Leuten in meinem Stadtteil rumzulaufen. Man kommt gut mit ihnen ins Gespräch."

Tatsächlich tauschen sich die Besucher auf dem Weg von der einen zur nächsten Station angeregt über die Filme aus. Und es murrt keiner, als der Stromgenerator zweimal ausfällt. Die entspannte Atmosphäre beeindruckt auch Zuschauer Julian Michgehl. "Es ist mal ein anderes Erlebnis als im Kino, wo alle nur auf die Leinwand starren", meint der 22-jährige Student, der mit seiner Freundin Tee aus einer Thermoskanne schlürft. Außerdem wolle er das Genre des Kurzfilms besser kennenlernen.

Nach zwei Stunden ist die Wanderung zu Ende. Sie hat einen Abend lang gewöhnliche Orte in außergewöhnliche Kinos verwandelt: eine Brücke, eine Kirche, einen Hinterhof, die Wand einer Bar. Die Wände leben – gemäß dem Motto "Living Walls".

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