Film der Woche: Year One

Christian Heller

Mit "Year One" wagt Komödien-Urgestein Harold Ramis eine alttestamentarische Geschichtsrekonstruktion mittels Furz- und Fetisch-Witzen. Deren Humor wird wahrscheinlich keine Preise für Feinsinnigkeit abräumen. Doch ihre Flachheiten sind wirkungsvoll angeordnet. Was will man mehr vom Genre? Vielleicht eine interessante Positionierung zum eigenen Gegenstand? Auch die lässt der Film gelegentlich aufblitzen.



Jack Black und Michael Cera sind von Anfang an die Figuren, die Jack Black und Michael Cera jeweils üblicherweise spielen. Nur halt als Jäger und Sammler im eurasischen Urwald der Altsteinzeit: Hier herrscht hedonistische Primitivität, in der man Wildschweine hetzt, ums Feuer tanzt und ohne Scham vor aller Augen sein Geschäft in den Busch macht. (Eine Welt, die besser zu Jack Black passt als zu Michael Cera; letzterer darf dort einen feminisierten Sammler-statt-Jäger mit - mangels Maskulinität - nur geringen Reproduktions-Chancen spielen.)




Diese Zeit, in der auch attraktive Film-Frauen noch Achselhaare haben und in die Kamera strecken dürfen, kennzeichnet "Year One" als das Paradies, an das sich später sehnsuchtsvoll die entbehrungsreichen ersten landwirtschaftlichen Gesellschaften in ihren Mythen zurückerinnern werden: Denn hieraus werden die beiden Hauptfiguren vertrieben, nachdem Jack Black von einer verbotenen Frucht eines verbotenen Baums der Erkenntnis isst. Sie flüchten über das nach Lehre ihres Stammes vermeintliche Ende der Welt hinaus, gelangen in den Fruchtbaren Halbmond und treffen dort prompt die nach judäo-christlicher Lehre allerersten Agrarwirte: Kain und Abel.

Und so führt der Film seine Figuren nach und nach durch die Welt des Alten Testaments. Er verfährt dabei nicht gerade respektvoll; er macht sich den Glauben an die Mythen nicht zu eigen. Aber er gibt sich gegenüber ihnen und ihren Rezeptionsgeschichten durchaus kenntnis- und anspielungsreich, was ihm zwischen allen Unterleibswitzen (oder gerade auch in diesen) gelegentlich interessante Spitzfindigkeiten erlaubt.



Sicherlich: Ein Großteil des Humors speist sich aus Albernheiten, die ganz anspruchslos auch in jedem anderen Filmuniversum funktionieren würden. Körperausscheidungen, Schmerz, Boshaftigkeit und Naivität machen nunmal überall Spaß. Vor allem Jack Black glänzt hier als universell einsetzbarer Clown, der alle vier eben angeführten Kategorien glänzend beherrscht. Und eben die sind es auch, worüber sich der Film am Ehesten verkaufen dürfte.



Aber ein eigener Reiz entsteht dadurch, dass Jack Black und Michael Cera explizit als Außenseiter in die Fabelwelt des Alten Testaments stoßen: Einerseits begegnen sie als Naive aus der Altsteinzeit staunend dem Rad und der Hochkultur. Andererseits sind sie in Wortschatz, Tonfall und Gehabe skeptische Anachronismen aus der Moderne. Aus beiden Pfeilrichtungen gleichzeitig schafft der Film so Reibung zwischen den beiden Hauptfiguren und den Personen, Sitten, Bräuchen und Legenden des alten Palästina -- und letzteres kommt dabei nicht unbedingt gut weg.

Israels Stammvater Abraham etwa erscheint so in seiner Darstellung durch Hank Azaria als gefährlicher Irrer aus der Wüste: ein Schizophrener, der auf Anweisung einer vermeintlich göttlichen Stimme in seinem Kopf mit einem Messer herumfuchtelt; der meint, eine Stimme Gottes, die allein zu ihm spreche, erkenne ihm persönlich all das Land hier zu, egal was die Nachbarn sagen; und weise ihn außerdem an, jetzt sofort allen Knaben und Männern in seiner Obhut die Spitzen ihrer Penisse abzuschneiden. Eine solche die Absurditäten des Bibeltextes wortwörtlich betonende und zugleich profanisierende Karikatur wäre eher in einem aggressiven atheistischen Text aus der Zeit der Aufklärung zu vermuten als in einem Hollywood-Unterhaltungsfilm.



Abrahams fanatisierte Hasspredigt gegen die Städte Sodom und Gomorrha weist diese aus als eine wesentlich zivilisiertere Welt als das abrahamitische Wüstenlager. Der Film zeichnet das sogleich besuchte Sodom tatsächlich als einen Ort reger sexueller Ausschweifungen; als zu lösendes Problem vorwerfen tut er ihm aber eigentlich nur mystizistische Herrschaftsstrukturen. Das Happy End besteht nicht etwa darin, die Sodomiten für ihre Ausschweifungen zu bestrafen; sondern ihre Knechtung durch eine religiös legitimierte Herrscherkaste aufzubrechen.

In einer Verbeugung vor dem "Leben des Brian" steigt Jack Black schließlich zum Messias auf, dem das Volk die alles bestimmende Wahrheit von den Lippen abliest, einschließlich der Aufforderung, die Fixierung auf einen Erlöser wie ihn fallen zu lassen, für sich selbst zu denken, das eigene Leben selbst zu bestimmen, aus der Unmündigkeit herauszutreten. "Year One" ist nicht nur eine Furzkissen-Komödie, sondern auch eine Bibelverfilmung, die sich weniger für Gott als für die Aufklärung interessiert.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik







 

Mehr dazu:

  [Alle Bilder:  © 2009 Sony Pictures Releasing GmbH]



Trailer: Year One

Quelle: YouTube