Film der Woche: Tintenherz

Manuela Müller

Die Tintenherz-Trilogie der deutschen Autorin Cornelia Funke ist eine echte Bestseller-Reihe: die Jugendromane wurden in 23 Sprachen übersetzt, vielfach ausgezeichnet und millionenfach verkauft. Der erste Teil der Serie, "Tintenherz", wurde jetzt mit Eliza Hope Bennett und Brendan Fraser in den Hauptrollen verfilmt. Manuela hat den Film für fudder angeguckt.



In glücklichen Fällen ist die Literaturverfilmung eine Wiederbegegnung. Wenn ein begabter Erzähler uns die altbekannten Figuren nicht neu erfindet, sondern so erzählt, dass wir sie wiedererkennen und gleichzeitig akzeptieren, dass sie anders sind.


Wer sie in den Worten von Cornelia Funke kennengelernt hat, sucht und findet: Mo, den Buchbinder mit der „Zauberzunge“, der die Gabe besitzt, das geschriebene Wort in die Wirklichkeit „herauszulesen“. Seine Tochter Meggie, die anfangs nichts davon weiß und glaubt, ihre Mutter habe Mo und sie vor Jahren verlassen. Dabei ist jene ein Opfer des Austauschprinzips geworden, das besagt: Für jede aus einem Buch herausgelesene Sache oder Person muss eine andere in die Geschichte hineingehen. Dann sind da noch Staubfinger, der Gaukler, der von der Sehnsucht getrieben ist, in sein Buch zurückzukehren, und Capricorn, der Bösewicht, der unsere moderne Welt zu schätzen gelernt hat und alles tut, um nie wieder in sein „stinkendes Buch“ zurück zu müssen.

Ein wenig sperrig lässt sich der Film an. Muss es denn zwangsweise ein Offtext sein, der uns Dinge erklärt, die vielleicht für den komplett unbewanderten Zuschauer gemeint sein mögen, sich aber aus der ersten Szene von selbst erklären? Da schwebt ein Rotkäppchenumhang vom Himmel, genau in dem Moment, als Mo beginnt, das Märchen von dem „Mädchen, das alle so lieb hatten“ und seiner Großmutter vorzulesen.



Viel schöner und kraftvoller hingegen sind die Momente, in denen die Bücher zu Meggie und ihrem Vater flüstern – eine wunderbare Umsetzung dessen, was bibliophile Menschen zwischen ihre Seiten, hinweg aus unserer Welt zieht. Eine Anspielung auf das, was wir im ersten Kapitel des Buchs erfahren? Meggie erklärt, sie schliefe mit einem Buch unter dem Kopfkissen, denn die Bücher würden ihr nachts im Schlaf weiter ihre Geschichten zuflüstern. So lernen wir: Es muss diese intensive Beziehung zu den Büchern sein, eine gegenseitige Liebe, die den „Zauberzungen“ ihre Fähigkeit verleiht.

Großartig machen sich auch Capricorns Handlanger: eine wilde Schar düsterer Gesellen, die von einem schlechten Vorleser aus ihrem Buch herausgezerrt worden sind und noch die Reste ihres Ursprungstextes auf ihren Gesichtern tätowiert tragen.



Gestrafft, etwas umarrangiert und mehr auf die wichtigen Eckpunkte orientiert, funktioniert die Geschichte durchaus. Wenn auch kleine, geliebte Details aus der Ursprungsgeschichte wegfallen, so ist doch die schützende, aber filmbegabte Hand der Autorin zu spüren, die als Produzentin mitgewirkt hat.

Das mag auch die Erklärung dafür sein, dass sich die Ergänzungen so nahtlos einfügen, dass vieles davon so auch im Buch hätte stehen können. Das Lieblingsbuch von Meggies Mutter etwa ist ausgerechnet der „Zauberer von Oz“, die Geschichte einer jungen Frau, die in eine bunte Phantasiewelt reist, aber letztlich nur eins will: zurück nach Hause. Da wird auch der Filmfan bedient, der den „Zauberer von Oz“ so zu sehen erwartet wie in der 1939er Verfilmung mit Judy Garland. Entzückend, wenn plötzlich ein kuscheliger, knopfäugiger, schwarzer Hund in Meggies Schlafzimmer auftaucht – Toto, der auch schon Dorothy zuverlässig durch ihre Abenteuer begleitet hat. Der vielleicht sogar besser in die Geschichte passt als die kleine Fee Tinkerbell aus „Peter Pan“, die es laut Originaltext gewesen wäre.



Dass Cornelia Funke gern als „deutsche J.K. Rowling“ gehandelt wird, geht ein wenig an den Fakten vorbei, denn eigentlich ist sie eine internationale Autorin. Sie lebt und arbeitet in den USA. „Tintenherz“ wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, und dass auch der Film von einer amerikanischen Firma produziert wurde, hat ihm deutlich gut getan – im Vergleich zum eher weniger gelungenen „Krabat“, der unter deutscher Federführung entstand. Die europäischen Schauplätze wurden beibehalten. Aber das deutlich höhere Budget einer US-Produktion verleiht der märchenhaften Tintenwelt eine Bruchlosigkeit, vor der Oscarpreisträger wie Helen Mirren und Jim Broadbent den wenigen Raum, der ihnen für so wunderbare Figuren wie Meggies exzentrische Tante Elinor und den kauzigen Autor Fenoglio bleibt, bewundernswert zum Leuchten bringen.

Roger Pratt, Kameramann der ganz alten Schule, der schon mit großen Stoffen wie „Harry Potter“ und „Troja“ souverän umging, enttäuscht auch hier nicht. Er gibt der Geschichte und den Schauspielern genau die Bilder, die sie brauchen, geht virtuos mit Licht und Kadrage um, ohne aber sich je dabei in den Vordergrund zu drängen. Ob das Ende dem strengen „Tintenherz“-Fan gefallen wird, muss wohl jeder selbst entscheiden.



Es heißt, das ursprüngliche Ende habe sich in den Testvorführungen als „zu düster“ herausgestellt und sei deshalb im Nachdreh etwas „freundlicher“ ausgefallen. Ob sich die Geschichte von hier aus nahtlos in ein Sequel fügen wird, bezweifle ich ein wenig. Immerhin besteht die Tintenwelt-Saga bis jetzt aus drei Bänden und von einem vierten, in der Entstehung befindlichen, wird gemunkelt.

Doch für sich genommen trägt dieser Film seinen Zuschauer zuverlässig durch seine 106 Minuten, an einigen Stellen zwar quietschend und knarzend, im Großen und Ganzen aber gelungen und ohne den verwöhnten Leser zu langweilen oder zu brüskieren.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik





Mehr dazu:







Trailer: Tintenherz

Quelle: YouTube