Film der Woche: The Fall

Christian Heller

Vor ungefähr einem Jahrzehnt fiel der Filmemacher Tarsem Singh Dhandwar, kurz: Tarsem, mit seinem als Jennifer-Lopez-Vehikel verkleideten morbiden Psycho-Fantasy-Bilderreigen "The Cell" auf. Zuletzt steuerte er einige eher unauffällige Szenen für David Finchers "Der seltsame Fall des Benjamin Button" bei. Dazwischen drehte er lange Zeit am "The Cell" vergleichbaren Bilder-Monstrum "The Fall", das nach nur ein paar weiteren Jahren tatsächlich jetzt auch hierzulande auf die Leinwand findet. Christian hat den Film für fudder angeguckt.



"The Fall" ist ein Remake von Zako Heskijas bulgarischem Film "Yo ho ho" (1981). Darin trifft ein kleiner Junge mit gebrochenem Arm bei seinem Krankenhausaufenthalt auf einen gelähmten Schauspieler, der von Selbstmitleid und Liebeskummer zerfressen ist.  Jener improvisiert dem Jungen Stück für Stück eine phantastische Piratengeschichte zusammen, die diesen in den Bann schlägt und vom Film bereitwillig visualisiert wird; sie soll den Jungen vor allem aber auch dazu manipulieren, zum Selbstmord des Schauspielers notwendige Medikamente heranzuschaffen.


Tarsem setzt diese Geschichte recht genau um -- aus dem kleinen Jungen wird ein kleines Mädchen, aus dem Krankenhaus-Standort ein sonniges Los Angeles im frühen 20. Jahrhundert, aus dem Schauspieler ein verunglückter Stuntman -- und weiß sie dennoch sorglos in ein Gefäß für eigene Obsessionen umzuformen. Ziemlich vorhersehbar geht es Tarsem - wie schon in "The Cell" um ästhetische Spektakel im Ausmalen künstlicher Phantasie-Welten.

Die im Film erzählte Abenteuergeschichte würfelt naiv Bilder, Kostüme, Gegenstände, Landschaften sowohl aus Kunst- und Kinogeschichte wie auch aus der Weltgeographie zusammen; Tarsem reist zwischen mexikanischem Surrealismus und osteuropäischem Puppentrickfilm ebenso munter hin und her wie zwischen Meeren und Wüsten, indischen und kambodschanischen Monumenten und Touristenpostkartenmotiven aus Europa, Afrika und Ozeanien.

Die resultierenden Bilder sind von großer Schönheit in ihren übertriebenen Proportionen und Symmetrien, ihren Zeitlupen, ihren prallen Farben und ihren betörenden Architekturen und Kostümen. Dieser Schönheit entbehrt allerdings jedes tiefere Interesse an ihren historischen Bedeutungszusammenhängen, an den Traditionen, aus denen ihre Ästhetiken rühren mögen, oder wie diese sich im Zusammenprall, dem der Film sie ausliefert, intellektuell zueinander oder gegeneinander verhalten könnten.

Stattdessen beschränken sich die Bilder als Intelligenz ganz auf Ausdeutung durch den engen psychischen und kulturellen Horizont der beiden Filmfiguren, die sie der Handlung nach zusammenfabulieren. Die exotischen Gegenstände und Verläufe der Fantasy-Welt, die im Film erfunden wird, werden profan zurückgeführt auf die konkrete Umwelt, die Traumata und die Kommunikationsschwierigkeiten der beiden im Krankenhaus befindlichen Hauptfiguren.

Das solcherart zu Unterbau und Referenzsystem des Bilderreigens beförderte, recht einfache psychologische Rahmen-Drama lebt vor allem von Catinca Untaru, der Darstellerin des kleinen Mädchens mit gebrochenem Arm, die dadurch zu glänzen weiß, dass ihre Neugier, Fragerei und Spontaneitäten höchst ungespielt, authentisch wirken.

Doch als Hauptverkaufsargument von "The Fall" zählt fraglos die Phantastik seiner Bilder. Diese Phantastik reicht nicht sehr tief, nicht weit über naives Bestaunen von Oberflächen hinaus, wie man es etwa auch gut an Werbeclips üben kann. Sie ist schamloser Kitsch. Allerdings kann man Kino auch ganz das sein lassen: das Betören mit, das Bestaunen von Bildern. Dem entspricht auch die einzige kunsthistorische Selbstreflektion beziehungsweise -verortung, die sich der Film dann doch noch gönnt: dass er über den Hintergrund des Stuntmans ein paar hübsche Vignetten zur Genese der Bildertraumfabrik Kino im frühen Spektakelfilmstummfilm zelebriert.


 

fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik





 

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Trailer: The Fall

Quelle: YouTube