Film der Woche: Stiefbrüder

Christian Heller

In "Stiefbrüder" geht es um zwei verhätschelte End-Dreissiger, gespielt von Will Ferrell und John C. Reilly, die immer noch bei ihren jeweils alleinerziehenden Eltern wohnen. Als die sich verlieben und heiraten, sind die beiden plötzlich Stiefbrüder. Christian hat sich die neueste Frat Pack-Komödie für fudder angeguckt.



Will Ferrell und John C. Reilly sind nicht nur, nach der Heirat ihrer Eltern, "Die Stiefbrüder", sondern auch die unerträglichsten pubertierenden Kinder, die man sich vorstellen kann – in den Körpern nie gereifter Vierzigjähriger.


Ihre Erzeuger (Mary Steenburgen und Richard Jenkins) würden gerne in einen genüsslichen gemeinsamen Ruhestand wechseln. Aber die Chancen dafür stehen schlecht, so lange ihr Nachwuchs noch immer unselbständig und ungezügelt im Elternhaus wohnt und tobt.



Sowohl in Gestaltungskraft und Intelligenz als auch in den Publikumszahlen wird die amerikanische Kinokomödie der letzten Jahre vom sogenannten "Frat Pack" bestimmt: einem losen Netzwerk von Schauspielern wie Ben Stiller, Owen Wilson, Will Ferrell, Jack Black und Steve Carrell sowie Regisseuren und Drehbuchautoren wie Adam McKay, Todd Phillips und Judd Apatow, deren Namen auffallend oft in Vor- und Abspännen aufeinander treffen.

Den neuesten Output aus diesem Umfeld bilden die Filme "Tropic Thunder" und "Stiefbrüder" (mindestens eine bedeutsame personale Verbindungslinie lässt sich aber auch zu "Leg dich nicht mit Zohan an" ziehen).



"Stiefbrüder" widmet sich dabei von Neuem einem der Lieblingsgegenstände der "Frat Pack"-Erzeugnisse, der da wäre: Männer, die in mehr oder weniger fortgeschrittenen Jahren irgendwelche Kriterien eines Erwachsenseins nicht erfüllen können oder wollen: die sich von der Angestelltenkarriere in den Party-Hedonismus ihrer Studentenzeit zurückflüchten ("Old School"); die sich weigern, von der sexuellen Freiheit des Junggesellendaseins in monogame Eheverpflichtungen zu wechseln ("Die Hochzeits-Crasher"); oder die ... ach, da reicht eigentlich der Filmtitel selbst: "The 40 Year-Old Virgin" ("Jungfrau (40), männlich, sucht...").

Infolge beschuldigt die Ehe-verteidigende Schriftstellerin Kay Hymowitz in ihrem Essay "Child-Man in the Promised Land" das "Frat Pack", am Fließband Identifikationsvorlagen für Männer zu liefern, die lieber eine von Spiel und Spaß erfüllte Kindheit weiterleben, anstatt in die Verpflichtungen zu wachsen, in die sie biologisch, kulturell und wirtschaftlich hineingeboren seien.



Gegenüber einem solchen Vorwurf wirkt "Die Stiefbrüder" nun sowohl wie eine besonders absurde Überbestätigung als auch wie eine genüsslich infantile Trotzreaktion.

Einem Film wie "Jungfrau (40), männlich, sucht...", bei dem der Produzent von "Die Stiefbrüder", Judd Apatow, Regie führte, lässt sich noch zweierlei zugestehen: Seine Hauptfigur ist ein sympathisch wie realistisch charakterisierter "Child-Man"; und zugleich erwächst dieser zum Ende des Films tatsächlich noch in das Erwachsensein-Kriterium hinein, dessen Nicht-Erfüllung die komödiantische Ausgangslage war.

Will Ferrell und John C. Reilly dagegen spielen – weitab von jedem Persönlichkeitsentwicklungs-Realismus – bis in die letzte Geste Kinder, die sich von normalen Kino-Kindern nur dadurch unterscheiden, dass sie die Körper ausgewachsener Männer bewohnen und so Exzesse des Kindischen boshaft darstellbar werden, die sonst nicht durch die Zensur kämen.

Zwar werden sie im letzten Akt kurzzeitig erwachsen; aber nicht, um selber zu reifen, sondern um einen Anlass fürs Beweisen der Überlegenheit des Kindischen über das Erwachsene zu geben.



"Die Stiefbrüder" ist ein anderthalbstündiges Abfeiern von Infantilität, Obszönität und Absurdität. Zur Lachvorlage gibt es die Hoden von Will Ferrell und Gewalt gegen Schulkinder.

Schaut man genauer hin, findet man aber auch viele kleine geistvolle Details: die sorgsame Zusammenstellung und kulturelle Verortung der Spielzeuge der Kindgebliebenen; die ambitionierten Ruhestandspläne der Eltern, die als auch irgendwie junggebliebene Babyboomer ihr Alter nicht im Schaukelstuhl, sondern mit Segelreisen um die Welt zubringen wollen, dafür aber immer noch einige Jahre Berufsleben zusammensparen müssen.

"Frat Pack"-Komödien stellen es selten aggressiv heraus, aber sie sind meist auch sehr intelligente Gesellschafts- und Kultur-Beobachtungen. Solche Erdung mit einem Höchstmaß an Nonsens und Albernheit zu kombinieren, wirkt von Außen vielleicht paradox. Aber ein solcher Balance-Akt scheint insbesondere dem Team von Will Ferrell und Regisseur Adam McKay immer wieder zu gelingen, die seit dem höchst empfehlenswerten "Anchorman: Die Legende von Ron Burgundy" vor vier Jahren immer wieder gemeinsam Filme schreiben und machen.



Ein anderes scheinbar regelmäßiges Verdienst von "Frat Pack"-Komödien ist die Überführung von Komödianten aus der politisch ambitionierten amerikanischen Medien-Satire-Fernsehsendung "The Daily Show" auf die Kinoleinwand: Hierher holten sie Steve Carrell und neuerdings auch Rob Corddry, der mit Will Ferrell und Ben Stiller dreht.

In "Die Stiefbrüder" übernimmt das Daily-Show-Gewürz der nebenberufliche Militär Rob Riggle, der es in beiden Formaten schafft, sich seinem Gegenüber gegenüber lachend-kumpelig und zugleich arrogant-bedrohlich-pompös zu geben; er spielt gegen Ende mit großer Präsenz einen Mitarbeiter der Figur des unangenehmen Bruders von Will Ferrell.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik





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Trailer: Stiefbrüder

Quelle: YouTube