Film der Woche: Schmetterling und Taucherglocke

Jennifer Bormann

Der neue Film von Julian Schnabel ist für vier Oscars nominiert worden. Völlig zurecht, wie unsere Rezensentin Jennifer Borrmann meint. Warum die Erinnerungsgeschichte des 1997 verstorbenen Jean-Dominique Bauby empfehlenswert ist, steht hier.



Jean-Dominique Bauby, ehemals erfolgreicher Chefredakteur der französischen Zeitschrift „Elle“, Lebemann, 43 Jahre alt, erleidet am 8. Dezember 1995 von einer Sekunde auf die nächste einen Hirnschlag. Die Diagnose: „Locked-in-Syndrom“. Er kann sich weder bewegen noch artikulieren, einzige Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren ist sein linkes Augenlid – und damit diktiert er seine Biographie. Der Maler und Regisseur Julian Schnabel hat diese Meisterleistung nun verfilmt.




„Ich will gar nicht um den heißen Brei herum reden, ich sag’s ganz direkt: Sie haben das ‚Locked-in-Syndrom’. Ich weiß, dass hilft Ihnen nicht, aber das ist sehr, sehr selten.“

Mit diesem Satz begrüßt der Arzt Jean-Do, als er nach Wochen aus dem Koma erwacht. Die Kamera filmt aus der Froschperspektive die Krankenhausmitarbeiter, das Bild ist verschwommen und der Zuschauer weiß, daß sich Jean-Dominique Bauby hinter der Kameralinse im Krankenbett befindet. Er spricht, der Zuschauer hört ihn, doch der Mediziner reagiert nicht. Als Bauby erklärt wird, was das LOS bedeutet, dass er nämlich von Kopf bis Fuß gelähmt ist, nicht sprechen, jedoch sehr wohl hören und denken kann, ergreift ihn Panik. Den Zuschauer auch.



Die sehr persönliche und intim-subjektive Kamera Janusz Kaminskis lässt dem Zuschauer kaum Raum, nicht mitzufühlen. Es ist, als ob man selbst durch Baubys Auge hindurch sieht: verschwommen, wenn er traurig ist und Tränen das Auge befeuchten oder hektisch, wenn er panisch seine Umgebung erkundet.

Die Off-Stimme des Bauby-Darstellers Mathieu Amalric kommentiert unerbittlich die Zeit in der Klinik. Das sind 15 Monate Diktier- und Schreibprozess. Logopädin Henriette (Marie-Josée Croze) hat das Alphabet – die Buchstaben dabei in der Reihenfolge aufgelistet, wie sie im Französischen am häufigsten verwendet werden – aufgeschrieben, sagt sie der Reihe nach laut auf, und wenn der richtige Buchstabe ausgesprochen wird, blinzelt Bauby einmal. Auf diese Weise erzählt er der Verlagsmitarbeiterin Claude (Anne Consigny), auf letztlich 130 Seiten Biographie, aus seinem Leben.



Er berichtet aus dem früheren Leben: vom Vater, von der Exfrau und den gemeinsamen Kindern, von seiner Geliebten. Er berichtet aus dem Jetzt: Sarkastische, aber auch lustige Alltagskommentare geben einen Eindruck des Lebens in der Taucherglocke wieder. Nicht nur einmal bleibt einem dabei das Lachen im Halse stecken. Baubys Erinnerung und Vorstellung sind die einzigen zwei Dinge, die frei sind. Wie Schmetterlinge flattern sie umher und bewahren ihn vor der völligen Verzweiflung. Im Geist bereist er damit fremde Länder oder genießt Muscheln und Wein.

Die Umsetzung der Biographie in bewegte Bilder ist ein Kunstwerk, in dem vor allem der Ton – Stimmen und Musik – mit den Szenen, die oft wie Gemälde wirken, korrespondieren. Der ganze Film ist in ein beruhigend und sanft anmutendes Blau gehüllt, so dass sich der Zuschauer im selben ruhigen Wasser wähnt, in dem auch Jean-Do sich im Taucheranzug befindet. Dennoch oder gerade deshalb wirken diese Szenen beängstigend klaustrophobisch.



Wenige Tage nach Veröffentlichung des Romans starb Bauby im März 1997.

Der amerikanische Künstler Julian Schnabel hat bereits früher erstaunliche Künstlerbiographien verfilmt: „Basquiat“ (1996) und „Before Night Falls“(2000). Das Drehbuch nach dem Roman schrieb er gemeinsam mit Ronald Harwood, der aktuell auch mit „Liebe in Zeiten der Cholera“ im Kino vertreten ist. „Schmetterling und Taucherglocke“ wurde für vier Oscars nominiert und hat in Cannes zwei Preise eingeheimst. Zurecht.