Film der Woche: Inglorious Basterds

Christian Heller

Freude schöner Götterfunken, der neue Tarantino ist da! Und er macht alles, was man von einem neuen Tarantino erwartet: sich obsessiv durch die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts nerden, sich in ausufernder Gewalt suhlen und formal wild herum spielen.



Denn eben das ist das Vorgehen der "Inglourious Basterds", des titelgebenden paramilitärischen Haufens, der im Zweiten Weltkrieg in den Wäldern des besetzten Frankreichs Nazis jagt: Die größtenteils jüdischen Kämpfer machen keine Gefangenen und sammeln Nazi-Skalps im Auftrag ihres Apachenblut-haltigen amerikanischen Hillbilly-Anführers (Brad Pitt); in den seltenen Fällen, wo es sich als taktisch notwendig erweist, doch mal einen Nazi am Leben zu lassen, schneiden sie ihm tief ein Hakenkreuz in die Stirn, denn: Man will doch nach dem Krieg, wenn die Uniformen verbrannt sind, noch den Nazi als Nazi erkennen!


Man darf Tarantinos Interesse an den Quälereien deutscher Vergangenheitsbewältigung anzweifeln. Nach Jahren allerdings der Bestrahlung hiesiger Leinwände mit Einfühlsamkeit für Massenmörder und dem Herbeireden einer breiten Widerstandskultur vom kleinen Deutschen bis zum Wehrmachts-Adel wirkt "Inglourious Basterds" gerade in dieser Hinsicht sehr erholsam.



Hier sind die Nazis keine verkappten Widerständler oder zu bemitleidende unschuldige Opfer, sondern, eben durchgängig böse, fiese, zu bestrafende Nazis, die kollektiv verbrannt gehören, vom Führer über die Wehrmacht bis zum sich bei Goebbels anbiedernden Zivilisten-Filmstar Emil Jannings.

Ein Genuss dann auch, zuzusehen, wie Tarantino den hiesigen Schauspielerensemble-Stolz der Nation rücksichtslos in Nazi-Knallchargen-Rollen verbrät.

Martin Wuttkes Hitler erscheint ganz auf eine überdrehte Bruno-Ganz-Parodie zugespitzt. August Diehl mimt mit Freuden den einfach nur zutiefst bösartigen Gestapo-Fiesling. Daniel Brühl gibt die Maske des einfachen und so vermeintlich unschuldigen Wehrmachtssoldaten, die der Film ihm dann aber gnadenlos herunterreißt. Christoph Waltz schließlich darf ein SS-Arschloch jenseits aller Dimensionen abfeiern, dessen Finale politisch besonders ergiebig ist, hier aber nicht verraten werden soll.



Jenseits von emigrierten Juden oder desertierten mordlüsternen Wahnsinnigen (Till Schweiger) erlaubt sich der Film nur eine einzige Figur deutscher Herkunft auf Seiten der Guten, nämlich als Spionin für die Alliierten, und zwar gespielt von Diane Kruger.

Die hat durchaus einen Namen im Film, aber eigentlich keinen im deutschen. So gönnt "Inglourious Basterds" -- der zum Beispiel, obwohl er fast durchgängig in Frankreich spielt, in Babelsberg, Görlitz und der Sächsischen Schweiz gedreht wurde -- der deutschen Filmindustrie zwar eine ganze Menge von der Produktionsseite her; aber inhaltlich und Glamour-politisch wenig Spielraum für historisch positive Identifikationsfiguren vor der Kamera.



Solche Interpretationen drängen sich auf, wenn man "Inglourious Basterds" aus hiesigen Hintergründen heraus schaut. Aber man kann wie gesagt anzweifeln, dass das so die Fragen waren, die Tarantino hauptsächlich beim Verfassen seines Werkes bewegten. Es ist ja doch weniger ein realistischer Kriegsfilm als eine postmoderne Kulturgeschichts-Spielerei mit noch ganz anderen Horizonten.

Mit wenigen Ausnahmen scheint das Hauptaugenmerk von Tarantino bei "Inglourious Basterds" auf der italienisch-deutsch-französischen Filmgeschichte ungefähr bis 1970 zu liegen. Die Anfangsszene gehört ganz Sergio Leone, und Ennio Morricone erklingt mehr als einmal. Kenntnis oder Nichtkenntnis von Georg-Wilhem-Pabst-Filmen ist Plot-tragend für die Figuren. Wenn Tarantino seinen Goebbels ins Plaudern geraten lässt, dann, um über die Ungnade gefallene britisch-deutsche Darstellerin Lilian Harvey zu lästern.

Der deutsche Soldat versucht, sich bei der französischen Kinobesitzerin mit Begeisterung für den französischen Stummfilmstar Max Linder einzuschmeicheln. Winston Churchills einziges Gesprächsthema ist die deutsche Ufa-Politik im Vergleich zu Hollywood.



Insgesamt ist das Gewicht etwas mehr in die frühere Filmgeschichte verlagert als sonst bei Tarantino. Einerseits ist es natürlich naheliegend, dass Figuren in den 1940er Jahren nicht über Filme reden, die nach ihrer Zeit kommen.

Andererseits blitzt hier auch stärker als sonst eine Verneigung vor der klassischen europäischen, vor allem französischen Cinephilie auf, die Tarantino sonst nur durch ihre Kinder, die Filme der Nouvelle Vague aus den 1960er Jahren, channelt: Das Universum Henri Langlois, des Gründers und Betreibers der Cinémathèque Française, des legendären französischen Film-Archivs und Kinos, dessen Wurzeln bis in die 1930er Jahre zurückreichen und das eben solche hoch brennbaren Filmrollen wie jene, die in "Inglourious Basterds" eine wichtige Rolle spielen, zuhauf und teils auf abenteuerlichen Wegen durch den Krieg rettete.

Eine so ehrenvolle und vordergründige Rolle wie hier dem Material des ganz klassischen Kinos, dem Nitrat, dem opernhaften Kinosaal und seinem Projektionsraum und -licht, gönnt Tarantino, der Videotheken-Sozialisierte, sonst nicht in seinen Filmen.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik






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Trailer: Inglorious Basterds

Quelle: YouTube