Film der Woche: Hellboy II - Die Goldene Armee

Christian Heller

Guillermo del Toros zweite "Hellboy"-Phantasie verknetet Attraktion, Drama, Witz, Ornament und Idee in höchster Menge, Freude und Dichte. Selten schöpft Kino die Vielfalt seiner Ausdrucks- und Denkmöglichkeiten in dieser Breite gekonnt aus und bleibt dabei dennoch so kurzweilig.



Im Vergleich zum ersten "Hellboy"-Film gibt sich der zweite noch ungehemmter dem Phantastischen hin. Der erste "Hellboy" zog einen weitaus größeren Teil seines Reizes aus der Abwägung von Fantasy-Welt mit dem profanen Irdischen und Normalen, behandelte das Übernatürliche mehr als Eindringling und führte den Zuschauer vor allem fürsorglich an der Hand eines rein menschlichen Charakters, Agent Myers, durch seine Zauberwelt.


Ein menschlicher Agent Myers fehlt in "Hellboy 2: The Golden Army" völlig (der eher als mickrig porträtierte Nebencharakter des Hellboy-Vorgesetzten Tom Manning verbleibt als einzige normalmenschliche Figur mit nebensächlicher Plot-Bedeutung im Hintergrund); die Normalwelt aus Regierungsagenten und den Straßen von New York gerät ganz zum Nebenschauplatz etwa gegenüber den dramatischen Interna an einem Königshof alter Waldelfen; der Witz mit der Erdung des Phantastischen spielt sich größtenteils bloß noch in den allzumenschlichen Beziehungsproblemen und Popkultur-Kontakten der übernatürlichen Hauptfiguren ab. Dafür durchwuchert den Film ein haltloser Einfalls- und Bezugsreichtum an Fantasy-Geschöpfen und -Räumen, und zwar durchschnittlich im Minutentakt.

Wie schon im ersten Teil webt del Toro ein breites Referenzsystem der Phantastik, das hochinformiert von Folklore und populären Pulp-Klassikern bis zu obskureren Quellen wie dem anglo-irischen Fantasy-Urvater Lord Dunsany reicht (dessen 1910er "A Dreamer's Tales" ist in "Hellboy 2" die aus schaurigen Gründen verstorbene Stadt "Bethmoora" entnommen). Doch locker messen mit dem Schatz an Übernahmen und Zitaten kann sich Del Toros eigene Erfindungs- und Gestaltungsfreude.

"Hellboy 2" wirkt als Revue sonderbarer Monster-Morphologien wie eine Erweiterung der "Mos Eisley Cantina" aus "Krieg der Sterne", die auch folgerichtig ihr direktes Spiegelbild in der Mitte des Films in einem "Troll-Markt" findet.



Del Toro hat aus "Hellboy 2" als Monsterfilm einen Spielplatz für den evolutionären Widerstreit von biologischen, mechanischen und symbolischen Maschinen beziehungsweise Geschöpfen vielfältigster Bauweisen gemacht. Unterschiedlichkeit und Wandelbarkeit verschiedener Ausformungen von Leben ist auch das, was der Bösewicht, Elfenprinz Nuada, als moralische Herausforderung dem Film in die Mitte wirft.

In dieser Hinsicht ist der Höhepunkt von "Hellboy 2" nicht die Finalschlacht, sondern jene Szene, in der Hellboy sich genötigt sieht, einen grün sprießenden und dabei New York demolierenden Waldgott auszuschalten, den "Letzten seiner Art", wie ihm Nuada als Umweltschützer in Verteidigung der biologischen Vielfalt vorwirft. Einmal erlegt, zerfällt der Waldgott in eine die Innenstadt überziehende, strahlende und zugleich harmlose Wiese. Film und Figuren halten staunend und bewundernd inne ob dieser grünen Lebenskraft, "viriditas", insbesondre Liz Sherman (Selma Blair), die im Filmverlauf erwartet, bald selbst neues Leben zur Welt zu bringen.

Während sich der Film in solchem Anspielungs- und Bedeutungsreichtum übt, bewirft er den Zuschauer zugleich mit Spektakel, Action, Soundgewittern. Er schwelgt in Farben, Formen, Ornamenten, Materialitäten. Aber all seine Schwelgereien sind pointiert, nie verliert "Hellboy 2" seine Zügel in Sachen Unterhaltungsdramaturgie und Kurzweiligkeit. Man hat den Eindruck, dass sich der Film auch in doppelter Länge noch halbwegs gehalten hätte. Im Endergebnis ist er überaus diszipliniert verdichtet, gerade so stark, dass er noch nicht auseinander bricht.

"Hellboy II" lässt sich ohne Bedenken empfehlen. Nur sollte man vielleicht anmerken, dass sich vor allem die englischsprachige Originalfassung lohnt: Hier wird eine markante teutonisch-preußische Figur eingeführt und gesprochen von Seth MacFarlane (Schöpfer, Autor und Stimme einer der postmodernsten aller Zeichentrickserien, "Family Guy") mit einer immerwährenden Ladung von Akzent- und Sprachwitzen, die vor allem auch deutsche Zuschauer zu würdigen wissen werden – wenn auch wohl kaum in der deutschen Synchronfassung.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik






Mehr dazu:



Trailer: Hellboy II

Quelle: YouTube