Film der Woche: Funny Games U.S.

Christian Heller

Bereits 1997 bescherte der österreichische Regisseur Michael Haneke den europäischen Kinobesuchern mit "Funny Games" einen nur schwer zu ertragenden Kinobesuch mit Moral-Botschaft. Jetzt hat Haneke den Film bis ins Detail genau ein zweites Mal gefilmt, mit amerikanischen Schauspielern. Christian Heller hat sich "Funny Games U.S." für fudder angeschaut.



Vor etwas über zehn Jahren schuf der europäische Autorenfilmer Michael Haneke einen ziemlich garstigen Film mit dem Titel "Funny Games". Seine Erzählung: Eine bürgerliche Kleinfamilie findet sich hilflos in ihrem Urlaubshäuschen dem sadistisch-mörderischen Spiel zweier fremder junger Männer ausgeliefert. Diese einfache Anordnung wird in so kalter wie perfekter psychologischer Brutalität bis ins Allergrausamste durchexerziert.


Dabei versucht der Film Paradoxes. Einerseits ist er sichtlich bemüht, die Gewalt unattraktiv zu halten: durch Unterkühlung ihrer Inszenierung; indem er ihr eine befriedigende erzählerische Rechtfertigung vorenthält; durch Betonung weniger der Freuden des Gewalt-Antuns als vielmehr der Qualen des Gewalt-Erleidens. Andererseits versucht er dem Zuschauer vorzuhalten, diese Gewalt geschehe nur zu seiner Ergötzung und sei damit eben seine Schuld: An mehreren Stellen wird die sogenannte Vierte Wand des filmischen Raums zum Publikum durch die Übeltäter durchbrochen. Sie lächeln den Zuschauer an und beziehen ihn verbal als vermeintlichen Genuss-Komplizen in ihr Spiel mit ein.



"Funny Games" ist eine gekonnte filmische Folteranordnung großer technischer und psychologischer Kraft. Er ist zugleich als moralisierendes Statement gegen ein Kino des Gewaltgenusses denkerisch erstaunlich impotent. Nicht so sehr, wie ein üblicher Vorwurf an vermeintliche Anti-Gewalt-Filme lautet, indem die gezeigte Gewalt durch ihre besondere Inszenierung eben doch wieder ästhetisch, schön, genießbar werde. Sondern durch ein Verständnis filmischer Gewalt, das es sich zu einfach macht. Für "Funny Games" ist filmische Gewalt nichts anderes als reale Gewalt. Ihre Erfahrung muss also dem Zuschauer als ebenso unerträglich eingebleut werden.

Nun ist "Funny Games U.S." entstanden und man braucht ihm nicht einmal die Bezeichnung Remake zuzugestehen: Er ist einfach ein Nachdreh mit neuer Besetzung und auf Englisch. Haneke bemüht sich gegenüber der ersten Version in keiner nennenswerten Weise um darüber hinausgehende neue Akzente oder eine Würdigung des "U.S."-Bestandteils des Titels. Das Telephon ist ein zeitgemäßeres Handy-Modell, der Straßenname ist auf Englisch, im Fernseher laufen inzwischen amerikanische statt deutschsprachige Sender, das war's. Der Rest ist Szene für Szene, Bild für Bild, Geste für Geste identisch.

Warum auch nicht? Schließlich war das Original in Sachen Weltgestaltung eher minimalistisch. Es war weniger Hanekes Ansinnen, eine Milieuschilderung gehobenen deutschsprachigen Bürgertums zu drehen, als viel mehr, wenn man seinen Aussagen glauben darf, einen Film über (und gegen) gerade das amerikanische Gewalt-Genuss-Kino; also ein Werk, das sich weniger zu europäischen Verhältnissen und Milieus, als zum amerikanischen Film verhalten sollte. Als englischsprachiges Remake für den amerikanischen Kinomarkt sollte ein ansonsten exaktes Replikat von "Funny Games" dann sogar genauer ins Schwarze treffen als die deutsche Erstfassung, nicht wahr? Nein. Eher verdeutlicht das US-Remake, wie weit Hanekes Projekt von einem Verständnis seiner angeblichen Zielscheibe entfernt ist.



"Funny Games U.S." wird mit einem hemmungslos betrügerischen Trailer beworben, der tatsächlich einen heiter-vergnüglichen Gewalt-Spaßfilm verspricht. Haneke will jenes Publikum, das seinen Film aufgrund dieses Trailers sehen möchte, mit Folter bestrafen und moralisch zum Filmgewaltverächter umerziehen. Und sicher mag der Trailer den einen oder anderen Zuschauer mit falschen Erwartungen in den Saal locken.

Spätestens dort wird dem Gelockten aber durch mangelnde Dynamik des Bildes, herzlose Erzählweise, Blässe der Figuren und Humorlosigkeit des Tons sehr schnell klar werden, was er tatsächlich geboten bekommt: einen zähen europäischen Autorenfilm. Der aus ideologischer Borniertheit heraus seinem Publikum Schmerz zufügen will. Dessen Spielereien mit Realitäts-Ebenen im Jahr 2008 von jeder postmodernen Hollywoodkomödie pointierter ausgeführt werden. Der von der technischen Unfähigkeit einer bessergestellten Familie handelt, zwei unbewaffnete Eindringlinge von ihrem Privatbesitz zu vertreiben -- auch in der neuen Version ist die einzige vorhandene Schusswaffe ein erst umständlich ins Spiel gerutschtes Jagdgewehr vom Nachbarsgrundstück --, was von einem amerikanischen Publikum eher als Propaganda für Privatwaffenbesitz denn als Filmgewaltkritik gelesen werden dürfte, wie der amerikanische Filmkritiker Jim Hoberman in einer Besprechung für die Village Voice anmerkt. Alles keine guten Voraussetzungen für ein Gelingen von Hanekes Umerziehungsprojekt.



Aber das braucht uns ja nicht zu sorgen. Hierzulande läuft der Film schließlich für ein deutsches Publikum, quasi ins deutsche Originaldrehbuch zurücksynchronisiert. Durch die Star-Namen in der Darstellerliste mag er sogar einige Leute mehr in sein Folterkabinett locken als Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Arno Frisch und Frank Giering es vor zehn Jahren vermochten.

Er wird ihnen ein unvergessliches Erlebnis bescheren, ohne Frage, wenn auch vielleicht kein besonders erbauliches. So sehr dieser Film als moralisches Projekt scheitern mag, so bleibt er doch bemerkenswert als ein außerordentlich wirksames und überforderndes Stück filmischer Gewalt, wie man es nicht alle Tage im Kino geboten bekommt.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik




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Trailer: Funny Games US

(Quelle: YouTube)