Film der Woche: Die Welle

David Harnasch

Hölzerne Dialoge, klischierte Figuren, ein total übergeigtes Finale und gnadenlose Ranschmeiße werden nicht verhindern, dass "Die Welle" ein Kassenerfolg wird. Dafür werden Gemeinschaftskundelehrer schon sorgen.



Das Jugendbuch „Die Welle“ erzählt von einem Experiment, das so ähnlich 1967 vom Lehrer Ron Jones in Palo Alto, Kalifornien veranstaltet wurde. Seine Schüler bezweifelten, dass ein faschistisches Regime in den USA denkbar wäre, worauf er die protofaschistische Bewegung „The third wave“ initiiert, die innerhalb weniger Tage erschreckende Erfolge feiert und aus dem Ruder zu laufen droht. Dies nur zur Erinnerung, denn die Geschichte kennt jeder Leser, schließlich steht sie seit drei Jahrzehnten in den Lehrplänen. Eine US-Verfilmung existiert seit 1981, also war das deutsche Remake überfällig. Überflüssig ist es ebenfalls.


Ron Jones heißt nun Rainer Wenger (Jürgen Vogel), verfügt mit Hausboot, Tätowierung, Oldtimer, Hausbesetzervergangenheit und Ramones-T-Shirts über alle erdenklichen Kumpeltypinsignien und wird selbstverständlich von seinen Schülern geduzt.



Die sind eine Truppe von Abziehbildern: Der Klassenclown verfügt über keine andere Eigenschaften als Witzischkeit und der Klassendepp ist nicht etwa ein Underdog mit unpopulären Interessen sondern tatsächlich schlicht blöde.

Immerhin wird dem pomadierten Zahnarztsohn in einer kleinen Szene Großzügigkeit zugestanden, dafür gehen die weiblichen Protagonisten voll in ihren Stereotypen auf: Jennifer Ulrich ist Karo, als ätherisch-schöne Streberin mit Auslandsambitionen liiert mit Sport-Ass Marco, während ihre Freundin Lisa (Cristina Do Rego, „Kim“ aus „Pastewka“) wegen Pummeligkeit ungevögelt bleiben muss. Mit diesem Highschoolkomödienpersonal lässt sich kein ernsthafter Film bestreiten.



Da Regisseur Dennis Gansel („Napola“) als Drehbuch-Coautor dieser Klischeesammlung angemessen lindenstraßige Dialoge verordnet hat, sei hier nur der einzige positive Ausreißer sinngemäß zitiert.

Karo (beim Verfassen eines Flugblatts gegen die Welle): „Das können wir nicht schreiben, die haben doch gar niemanden zusammengeschlagen.“
Die Ökotussi (natürlich mit Arafat-Lappen um den Hals): „Egal, wir müssen aufrütteln, Michael Moore macht das auch nicht anders.“

Noch mehr nervt die verzweifelte Mühe, die vermutete Lebenswelt der vermeintlichen Zielgruppe nachzustellen. Da wird gesprayt, getagged, gechillt und gekifft, dass es ein Grausen ist. Das liefert zwar ebenso toll fotografierte wie knackig geschnittene Sequenzen, bringt den Zuschauer auch nicht näher ans Innenleben einer anderen Figur als Wenger, dessen Veränderung als einzige wenigstens ansatzweise beleuchtet wird. Die behauptete Nähe zur Jugendkultur verliert obendrein jede Glaubwürdigkeit mit der Einführung einer Gruppe Punks, die als „Welle“-Gegenspieler eine Präsenz haben wie realiter seit den Achtzigern nicht mehr.



Wie schon die unsägliche „Wolke“ wird „Die Welle“ massenhaft Zuschauer finden. Denn die wirkliche Zielgruppe sind Soziologielehrer – Jürgen Todenhöfers Verlag hat das kapiert und bewirbt vor der Vorstellung dessen Buch (für das sich gewiss kein Teenager interessiert).

Das ist schade, denn Mittelstufenschüler sind ganz sicher zu größerer Empathie fähig als dieses hochglänzende Filmchen sie voraussetzt – und könnten daher viel mehr über heutzutage real existierenden Totalitarismus lernen, wenn man ihnen stattdessen die großartige Comicverfilmung „Persepolis“ servierte.



fudder-Bewertung

Anspruch
TIPP:

GagdichteTIPP:

ActionTIPP:

Spannung
TIPP: TIPP: TIPP:

Schauspielerische LeistungTIPP: TIPP:

StoryTIPP: TIPP:

KameraTIPP: TIPP: TIPP: TIPP: TIPP:

InformationsgehaltTIPP: TIPP:


Mehr dazu:

http://fudder.de/index.php?id=273" titel="">