Film der Woche: Die Geschwister Savage

Jennifer Bormann

"War’s das?" – mit diesen Worten endet der fast zweistündige Film über zwei Geschwister, die sich eigentlich nicht kennen. Sie sind an den Generationenvertrag gebunden und sollen ganz plötzlich für den demenzkranken und mehr geduldeten als geliebten Vater da sein. Jennifer hat sich für fudder "Die Geschwister Savage", unseren Film der Woche, angeguckt.



Wendys fassungslose, traurige und erschütternde Erkenntnis des doch erwarteten, aber unspektakulären, fast nebensächlichen Eintretens des Todes im kalten Zimmer des Alten- und Pflegeheimes wirkt bedrückend auf den Zuschauer. Die Kinder sind ohne Zweifel, dass sie ihrem Vater, den sie seit Jahren nicht gesehen haben und der sie als Kinder vernachlässigt hatte, nichts schulden und können so ihren Samariterdienst fürs gute Gewissen verbuchen.


Die Wirkung der Bilder ist beinahe schizophren, auf der einen Seite nimmt man die Abschiebung des Alten ins Heim und das Leben auf der Station fast teilnahmslos wahr, auf der anderen Seite fühlt man sich in die Situation von Wendy und Jon versetzt und erkennt – dann doch peinlich berührt – das Alltägliche in dieser Geschichte. Nämlich, dass man selbst gar nicht so weit weg ist vom Eintreten eben dieser Situation.



Wendy Savage (Laura Linney) schreibt Dramen fürs Theater und versucht ein halbbiographisches Stück durch ein Stipendium finanziert zu bekommen. Es handelt von zwei Geschwistern, deren Vater sich nicht richtig kümmert und deren Mutter bereits lange fortgegangen ist, und die nun ihr Leben auf die Reihe bekommen wollen. In einem Kubus des Großraumbüros sitzend, finanziert sich Wendy ihren Lebensunterhalt durch Zeitarbeit, solange der Durchbruch nicht erreicht ist. Linney, bekannt aus „Die Truman Show”, “Das Leben des David Gale” oder „Love Actually“, spielt die unzufriedene und tablettensüchtige Autorin überzeugend und ausdrucksstark.

Wendy hat ein Verhältnis mit dem verheirateten Larry (Peter Friedman), dem sie in emotionalen Momenten vorwirft, er würde sie als typisches Midlife-Crisis-Mädchen benutzen. Dabei übergeht sie geflissentlich ihre eigene Krise und Unzufriedenheit – sie ist schließlich 39 Jahre alt – und schirmt sich auf diese Weise von der Wahrheit ab: Sie hat ihr Leben selbst nicht im Griff. Bei ihrem Bruder Jon (Philip Seymour Hoffman), Dozent für Theaterwissenschaft, sieht das Privatleben nicht besser aus.

Die Beziehung zu Kasia (Cara Seymour), mit der er seit über drei Jahren zusammenlebt, bricht auseinander, sie geht zurück nach Polen und er tut wirklich gar nichts dagegen. Obwohl Jon offensichtlich darunter leidet, dass Kasia gehen muss, deren Visum abgelaufen ist und der eine Heirat helfen könnte, schafft er es nicht emotional zu handeln. Zudem ist er gerade dabei, ein Buch über Bertold Brecht zu schreiben – der das Nicht-Mitfühlen im Theater propagiert hat. Wie seine Schwester scheint Jon sich in der leidenden Rolle zumindest nicht ganz unwohl zu fühlen. Beide sind vollkommen handlungsunfähig, wenn es um Persönliches und Emotionales geht.



Man möchte den Geschwistern am liebsten liebevoll über das Haar streicheln oder sie in den Arm nehmen – genau das können sie bis zur allerletzten Minute des Films nicht tun. Die Geschwister wirken jedoch vielleicht gerade deshalb so sympathisch und lebensnah, weil die Figuren von Drehbuchautorin und Regisseurin Tamara Jenkins so echt sind und Identifikation schaffen. Man fühlt als Zuschauer dann eben doch mit – ganz im Gegensatz zu Brechts Dramentheorie, der vor allem Jon nahe steht – wenn der Vater Leonard (Philip Bosco), nachdem er mit seinem Kot „Prick“ an die Wand geschrieben hatte, von seinen Kindern in ein Heim gebracht wird und der zum Alltag werdende Kampf mit dieser Situation alle Beteiligten auf ihre Weise beschäftigt.



Besonders die Musik unterstützt die emotionale Spannung der Charaktere und Geschichte insgesamt. Der „Salomon Song“ aus Brechts und Kurt Weills „Dreigroschenoper“ über große Männer und Frauen, die scheitern, wirkt auf der Tonebene auf den Zuschauer ein. Besonders die für den Film komponierte Musik von Stephen Trask geht unter die Haut. Philip Seymour Hoffman (“The Big Lebowski”, “Capote”, “Before the devil knows you’re dead”) und Laura Linney wurden beide mehrfach für ihre Darstellung nominiert. Ebenso das Drehbuch von Regisseurin Jenkins, die bereits mehrere Kurzfilme und einen Langspielfilm, „Hauptsache Beverly Hills“ (1999), drehte.

Der Film – Charakterstudie unserer Gesellschaft – ist mehr als sehenswert.

-



fudder-Bewertung

Anspruch
TIPP: TIPP: TIPP: TIPP:


Gagdichte
Kein Fisch


Action
Kein Fisch


Spannung
TIPP: TIPP:
TIPP:


Schauspielerische Leistung
TIPP: TIPP: TIPP: TIPP: TIPP:


StoryTIPP: TIPP:

KameraTIPP: TIPP:
TIPP:


InformationsgehaltTIPP:
TIPP: TIPP:


Musik
TIPP: TIPP: TIPP: TIPP:

Mehr dazu:

http://fudder.de/index.php?id=273" titel="">