Film der Woche: Der Mongole

Christian Heller

Der Mongole ist ein eurasisches Barbaren-Spektakel voller Imposanz und Exotik. Es geht um das Blutvergießen unter kriegerischen Nomadenstämmen in der zentralasiatischen Steppe vor achthundert Jahren und das persönliche Werden des Dschinghis Khan.



Angelegt als erster Teil einer Trilogie, werden des Mongolen Temudgen Jugend und Aufstieg zum Großkhan geschildert. Filmemacher Sergej Bodrow orientiert sich dabei so halbwegs an dem Wenigen, was über dessen persönliches Leben erzählerisch überliefert ist. Und das reicht in seinen Handlungspunkten bereits dicke für eine Filmerzählung: Als Sohn eines Klanchefs wird Temudgen nach dem Tod seines Vaters in jungen Jahren um sein herrschaftliches Erbrecht betrogen und verstoßen.




Später beraubt ihn ein gegnerischer Stamm seines Weibes, das er kriegerisch mit Hilfe eines eng befreundeten Blutsbruders wieder zurückraubt. Die Freundschaft zu diesem jedoch zerbricht und verkehrt sich zu einem blutrünstigen Schlagabtausch um Herrschaft und Einigung der gesamten mongolischen Stämme. Dem Gewinner bleibt es vorbehalten, im Epilog mit dieser machtvollen Waffe in der Hand die halbe Welt zu unterjochen.



Ein Film, der sich einen der größten Massenmörder der Menschheitsgeschichte zum Helden nimmt, haushaltet mit der Ethik natürlich etwas anders, als man das vom humanistisch-liberalen westlichen Kino gewohnt ist.

Gefeiert werden soll hier ein großer Kämpfer und militärischer Führer, der mit Härte nach Innen, Erbarmungslosigkeit nach Außen und tiefem Glauben an Ethnie, Tradition und heidnische Mystik ein zersplittertes Volk zum neuen machtvollen Protagonisten auf der Erdenkugel zusammenschweißt. Da ist es natürlich auch legitim, dafür massenweise Köpfe rollen zu lassen: Menschenleben werden von allen Seiten gleichermaßen schulterzuckend verheizt wie sonst nichts.



Man könnte sich da Sorgen machen, was die (deutsch-)russisch-kasachisch-mongolischen Produzenten als Identifikationsvorlage begreifen mögen: ein mörderisches Barbarenvolk auf dem Weg zur vereinheitlichten Militärmacht, um kulturell fortgeschrittenere Nachbargegenden wie das chinesisch-buddhistisch beeinflusste Königreich Tangut dem Erdboden gleich zu machen? Oder man macht's wie ich und findet das alles derart fern und exotisch, dass es einen ästhetisch reizvollen Filmgegenstand hergibt.



Denn so phantastisch und primitiv, wie der Film seine Welt gestaltet, fällt es schwer, sie nach Normen des Hier und Jetzt einzuordnen. Die mongolische Steppe präsentiert er als ein naturreligiös aufgeladenes Zauberland voller wuchtiger Bilder und schaurig düsterer Gesänge.

Ähnlich einem Projekt wie "300" wird geschichtliche Ferne in Fantasy übersetzt, wenn auch hier kaum postmodern reflektiert. Gelebt wird noch ganz in vorzeitlicher Einfachheit und Brutalität, scheinbar nur wenige Stufen über den Jägern und Sammlern.

Man fürchtet sich vor Blitz und Donner und hält sie für Zeichen göttlichen Zorns. Kulturelle Artefakte reichen über Tierknochenbasteleien, krude Dämonenmasken und Jurten-Zelte kaum hinaus.

Eigentlich paradox, dass hieraus ein kulturchauvinistisches Loblied auf das Mongolentum gezimmert wird. Aber die romantisch ansehnlichsten Welten sind nicht unbedingt immer die lebenswürdigsten.



Figurenpsychologie und Handlungslogik sind dabei auf ein mythisches Minimum reduziert. Um ein Problem zu lösen, reicht es zuweilen einfach, vor einer kultischen Höhle zum Naturgott zu beten. Vorsehung ist hier noch eine reale Größe, mit der gerechnet werden darf. Alles, was ins Abstrakte reicht, Politik, Geschichte oder Intelligenz etwa, reicht für diesen Film gewissermaßen über seine Erfahrungswelt hinaus und lässt sich deshalb bestenfalls als Phantastik darstellen.

Das wird ausgeglichen durch besondere Konkretion dort, wo Konkretion in filmischer Erfahrung am Meisten Spaß macht: Materialität, Wuchtigkeit, Ruppigkeit, Gewalt. Die Dingwelt der Jurte-Nomaden kommt sehr eindringlich rüber. Und, das ist vielleicht, ganz schlicht, eines der besten Verkaufsargumente von "Der Mongole": Für die Metzeleien gilt das Gleiche.

fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik

 

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Trailer: Der Mongole

Quelle: YouTube