Film der Woche: Der Baader Meinhof Komplex

Christian Heller

Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Stefan Aust ließ Bernd Eichinger mit "Der Baader Meinhof Komplex" die Geschichte der RAF verfilmen. Herausgekommen ist eine temporeiche Nummernrevue ohne große philosophische Ambitionen und Deutungsversuche. Christian hat den Film für fudder angeschaut.



"Der Baader Meinhof Komplex" sorgt für Theater in den Feuilletons. Die Öffentlichkeitspolitik des Verleihs umgarnt so schamlos die einen, wie sie die anderen verprellt. Für eine exklusive Titelstory reicht's beim "SPIEGEL" und bei "Anne Will", die drei der fünf Plätze ihrer öffentlich-rechtlichen politischen Diskussionsrunde nicht nur für den Vorlagen-Autor, sondern auch für zwei prominente Hauptdarsteller des Films freigibt. Die professionelle deutsche Filmkritik dagegen äußert sich lautstark angesäuert, weil sie sich im Gegenzug für Pressevorführungsprivilegien durch Publikations-Bevormundungen bei Androhung hoher Geldstrafen gegängelt sieht.


Für den Film selbst bleibt da bei vielen Kritikern wenig Gutes übrig. Vor allem Haltungslosigkeit werfen sie ihm vor – dass er als Film moralisch nicht viel zu sagen wüsste zu dem Gegenstand, den er darstellt: die Beben des bundesrepublikanischen Linksterrorismus der 1970er Jahre.



Der Vorwurf trifft weniger hart, wenn man sich die bisherige Ausbeute an deutschen Filmen zu diesem Thema ansieht: 1978, aus nächster Nähe also, bezeugte diesem gegenüber der versammelte deutsche Autorenfilm mit dem verwirrten Kollektivwerk "Deutschland im Herbst" vor allem seine eigene intellektuelle Hilflosigkeit. Auch ein Jahrzehnt später noch war kaum mehr möglich als das wenig filmpoetische, aber zumindest schadfreie Abfilmen von Gerichtsprotokollen ("Stammheim", 1986). Erst seit der Jahrtausendwende scheint so etwas wie eine intelligente filmische Annäherung zaghaft möglich zu werden – aber auch dann, wie im Fall von Christian Petzolds hervorragendem "Die innere Sicherheit" (2000), nur aus größter Distanz.

Ein großes Kino-Fazit, das die Sache mal eben in aller Breite klärt, wäre da jetzt verwunderlich; vielleicht sollte man eher froh sein, dass "Der Baader Meinhof Komplex" sich mit solchen philosophischeren Ambitionen ziemlich zurückhält. Es reicht ja schon als Ambition, welchen Umfang er sich weniger zur Erörterung als vielmehr zur Abbildung gewählt hat.



Mal eine grobe Liste der prominenter aufgeworfenen Handlungen: Ulrike Meinhof und ihre Ehe mit "konkret", Schahbesuch und die Tötung von Benno Ohnesorg, Dutschke und sein Attentat, Kaufhausbrandstiftungen und Gudrun Ensslins Pastoren-Familie, Gefangenenbefreiung von Baader, Ärger im palästinensischen Ausbildungslager, das Schicksal von Meinhofs Kindern, RAF-Banküberfälle, RAF-Bomben-Attentate, Horst Herold und die Rasterfahndung, innere Zerrissenheit der RAF, stückchenweise Gefangennahme der Baader-Meinhof-Gruppe, Isolationshaft und Hungerstreiks, Vernetzung von RAF-Gefängnis-Insassen mit neuen Terrorzellen draußen, Geiselnahme in Stockholm und Mordanschläge auf die Judikative, der Stammheim-Prozess, Entführung von Hanns Martin Schleyer und einer Lufthansa-Maschine, Stammheim-Selbstmorde ... Erstaunlich, was so alles in 150 Minuten reinpasst.

Eigentlich ist der Film eine Nummernrevue. Was man zu sehen bekommt, ist mit handwerklicher Könnerschaft inszeniert und bietet in hoher Frequenz viel Action: Straßenschlachterei, Überfälle, Entführungen, Fluchten, Rumgeballer, außerdem: allerlei Erotik (die Freizügigkeit nach der sexuellen Revolution). Sex und Gewalt, "a girl and a gun" (Godard), das ist Kino, daran gibt es wenig zu rütteln.



Ein wenig hat "Der Baader Meinhof Komplex" auch die Anmutung überlanger amerikanischen Filmepen zum Zweiten Weltkrieg aus den 60er Jahren: Am Fließband hagelt es Gastauftritte sowohl von Darstellern wie auch von Dargestellten großen Namens. Das alles sorgt für Kurzweil; aber es hätte auch einen gewissen Dilettantismus erfordert, aus diesen Zutaten zweieinhalb Stunden Langeweile zu machen.

Interessant ist, wie "Der Baader Meinhof Komplex" seinen Informationsgehalt vom Informationsstand der Zuschauerschaft abhängig macht. Natürlich reproduziert er die bekanntesten Bilder in markigen Tableaus, die längst zum Klischee geworden sind: der maoistische Studentenkongress, der Gerichtssaal von Stammheim. Aber die Detailverliebtheit der Macher lädt auch noch den hinterletzten Winkel randvoll mit Spitzen für Kenner der Geschichten auf, die etwa durch Lektüre der Vorlage tiefer in die Hintergründe eingetaucht sind; ohne es für nötig zu befinden, sie für Nicht-Kenner auszuformulieren. Sicherlich sieht hier ein vom Schulkurs Mitgeschleppter einen ganz anderen Film als jemand, der das Buch gelesen hat oder durch die Zeit lebte; nicht dass er das als Mangel empfinden müsste, denn die 150 Minuten sind ja auch so schon ausgefüllt genug.



"Der Baader Meinhof Komplex" repräsentiert die gewaltige historische Totalität seines Gegenstands durch eine voluminöse Materialsammlung von szenischen Stichproben, die erstmal ziemlich unverbunden nebeneinander stehen. Er bemüht nicht groß Analyse oder etwa Pädagogik, um sie zusammenzukleben. Am Ehesten stellt einen erzählerischen Kitt wohl das Verweilen auf Figuren dar, soweit es sich über mehr als einen Kurzauftritt hinzieht. Dabei schafft der Film aber durchaus einen guten Eindruck der hohen Wechselhaftigkeit der Besetzung selbst der ursprünglichen "Baader-Meinhof-Gruppe" zwischen ständigen Neuzugängen und Verhaftungen.

Als Ruhepol verbleiben da tatsächlich nur, in ansteigendem Maße, Baader, Ensslin, Meinhof; zum Ende hin auch noch kurz Mohnhaupt und, außen vor, Horst Herold. Vor allem die Empfindlichkeiten von Meinhof werden breit ausgewalzt; etwas zu breit vielleicht, denn um ihre Isolationshaft- und Stammheim-Zerfalls-Monologe gruppieren sich die einzigen Längen des Films. Der Eindruck liegt aber auch vielleicht darin begründet, dass dieser Rezensent das Element schon nahezu identisch aufgelöst in Reinhard Hauffs bereits erwähntem "Stammheim" gesehen hat.



Auch jener "Stammheim" filmte einfach ein Stefan-Aust-Drehbuch ab. Wie dieser bietet "Der Baader Meinhof Komplex" wenig Angriffsflächen, wo er mehr an Deutung versuchen würde; am Ehesten vielleicht noch in der Stilisierung von Horst Herold zum charismatisch-väterlichen Vordenker aller gegenwärtiger Kontroversen zur Auseinandersetzung von Staat und Terrorismus.

Für künstlerisch-denkerische Wagnisse sollte dem Film niemand einen Preis verleihen, aber als ein filmspielerisches Panorama zu einem Kapitel in der Geschichte des Terrorismus bietet er durchaus allerlei Bilder.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik





YouTube: Baader Meinhof-Komplex - Der Trailer

Quelle: YouTube