Film der Woche: Crank 2, High Voltage

Christian Heller

"Crank 2: High Voltage" ist nicht nur ein über alle Maßen obszöner und zynischer Jungenspaß, sondern vor allem auch, wie schon sein Vorgänger, ein aberwitziger Oberflächen- und Körperlichkeits-Erfahrungs-Film.



Chev Chelios (Jason Statham) erwacht auf einem Operationstisch genau im richtigen Moment, um zu bestaunen, wie ihm aus geöffneter Brust ehrfürchtig eben jenes Herz entnommen wird, das so erstaunlich viel im Vorgängerfilm ausgehalten hat. Die behandelnden chinesischen Organhändler setzen ihm stattdessen eine elektrische Kunstherzmaschine ein, um in Ruhe auch die restlichen Glanzstücke aus diesem als besonders vital bewiesenen Exemplar männlicher Physis in gut durchblutetem Zustand ernten zu können.


Als es ihm ans beste Stück gehen soll, sieht Chelios den Augenblick gekommen, seiner Ablehnung deutlichen Ausdruck zu verleihen. Wenige Minuten und viele Leichen später scheint die Spielanordnung von "Crank 2: High Voltage" klar etabliert: Chelios hetzt durch Los Angeles auf der Jagd nach seinem entwendeten Herz beziehungsweis den Verantwortlichen des Zustands, in den ihn dessen Mangel versetzt: Sein eingebautes Kunstherz macht schlapp, wenn er nicht konstant Elektrizität durch sich jagt.



Das Plot-Gimmick des Vorgängerfilms war Genre-technisch selbsttragender: Dort brauchte Chelios infolge einer Drogen-Injektion konstante Adrenalin-Stimulation, also konstant Wut, Erregung, Gewalt, genau die Energie-Formen, die der Film auch dem Zuschauer besorgen wollte. Elektrizität ist davon als Energie-Form schon etwas abstrahierter und nicht so unmittelbar als Selbstzweck vielfältig genussfähig. Chelios gönnt sich diverse Elektroschockgeräte und offene Leitungen und darf dann schön zucken, die Augen aufreißen, schreien, aber das ist es auch eigentlich schon fast damit. Wenigstens gibt es noch den Begriff der Reibungselektrizität, der reicht etwas konstruiert durchaus hin für eine in Stellungsvielfalt gesteigerte Wiederholung des Kreislaufförderungssex aus dem ersten "Crank".



Alles in allem zieht die Fortsetzung ihren Brennstoff zu einem geringeren Teil aus dem Titelgimmick ihrer Hauptfigur und zu einem größeren aus dessen filmischer Umwelt. Die exzessiven formalen Spielereien auf Ebene der filmischen Oberfläche schienen im Vorgängerfilm noch vor allem rückführbar auf den Erfahrungsapparat von Chelios. In "Crank 2: High Voltage" verselbständigen sie sich von der ersten Minute an. Der Blick ist nun stärker ein äußerer, gönnt sich ein Mehr an eigenständigen Einschüben wie Videospielsequenzen, Fernsehsendungen und Lehrfilm-Pastiches, die klar über die innere Wahrnehmung der Hauptfigur hinausgehen. Der filmhistorische Referenzrahmen wird breiter und selbstbewusster, vom klassischen Slapstick bis zum japanischen Monsterfilm.

Vor allem aber gerät die Welt, durch die Chelios seine Queste vollzieht, stärker zu ihrem eigenen Recht. Ein kalifornisches Pandämonium aus Körper- und Fetischkulturen wird zelebriert, aus Sport- und YouTube-Stunts, aus Rasse- und Sexualbewusstsein, aus Tattoos und Silikon und Piercings, aus Nipple-Torture und neuropsychiatrischen Tic-Anfällen. Chelios ist nur noch ein Körpermaschinen-Hack unter vielen, die sich allesamt gleich weit und schmerzhaft wie hedonistisch vom Gott-gewollten Urzustand fort entwickeln.

Von gespielten chinesischen Organhändlern wechseln wir zu echten Porno-Stars, die unter Führung von Ron Jeremy ihre Aufwartung mit einem Streik machen, bei dem sie von ihrer Industrie mehr Geld als Gegenwert für ihre Kunstkörperteile fordern; die Überschreitung von Artengrenzen wird geprobt, wenn sich Chelios zur Provokation eines Elektroschockerhundehalsbandes zum Knurren und Bellen animiert; auf Seiten der Bösen wird aus der Subkultur selbstbestimmter "Body Modification" rasch eine fremdbestimmte "Body Mutilation" und schließlich die B-Horrorfilm-reminiszente Wiederbelebung von Körperteilen unabhängig vom Torso.



"Crank 2: High Voltage" suhlt sich ganz im Einklang mit seiner Körperlichkeits-Erfahrungs-Idee in niedrigschwelligen Reizen, auf eine schamlos pubertär verspielte Weise. Sein Umgang mit rassistischen und sexistischen Stereotypen macht nicht gerade einen aufklärerischen Eindruck, und erzählerischer Witz steigt selten über das Level des Schimpfworts und der Zote.

Aber das alles kann verziehen werden aufgrund seiner Wirksamkeit als Durchrüttelanordnung für einen idealerweise volltrunkenen Kinosaal, seiner dichtgepackten Kürze, seiner überbordenden Gestaltungs- und Spielfreude, seiner Wahnhaftigkeit, die sich gegenüber dem Vorgänger unerklärlicherweise noch als steigerungsfähig erwiesen hat. Nicht auszudenken, was dem bereits geplanten dritten Teil in diesen Punkten noch als Steigerungspotential übrig bleiben soll.

fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story





Kamera




Informationsgehalt



Musik



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Trailer: Crank2: High Voltage

Quelle: Youtube