Film der Woche: 39,90

Christian Heller

"39,90" ist eine Satire auf die Werbe-Branche, die auf dem gleichnamigen "Skandalroman" von Ex-Werber Frédéric Beigbeder beruht. Dessen Bitterkeit, Giftigkeit und Moralismus erreicht Jan Kounens Film bei Weitem nicht. Aber dafür fährt er mit enormer Buntheit und filmischer Spielfreude auf, die hundert Minuten Unterhaltsamkeit garantieren.



Der französische Roman "99 Francs" hieß überall dort, wo er veröffentlicht wurde, soviel, wie er kostete: ein Marketing-Coup als angemessener Titel eines Werkes aus der Welt der Werber über die Welt der Werber. Ein halbwegs autobiographischer Bewusstseinsfluss-Text, in dem sich Autor Frédéric Beigbeder über seine frühere Brotverdienst-Branche gehörig -- man verzeihe den drastischen Ausdruck, er ist der Präzision wegen notwendig -- auskotzt.


Angereicht mit allen strategischen Ekelhaftigkeiten, realweltlichen Anspielungen und Boshaftigkeiten, die für das Genre "Skandalroman" notwendig sind, umgerührt mit ein paar modernistischen literarischen Gimmicks und dann serviert mit einer lauten moralischen Anklage gegen Kulturindustrie, dekadenten Konsumismus, Kapitalismus und so weiter. Das verkaufte sich blendend. Und es war als paradoxer Franchise, der sich selbst als Beweisstück für das produziert, was er verdammt, auch ein erstklassiger Kandidat für eine kommerzielle Ausschlachtung als Kinofilm.



Der wirkt nun viel weniger düster, zynisch, boshaft als die Vorlage. Sicher, er bleibt seitens des Drehbuchs dem Plot der Vorlage und auch den inneren Monologen von Octave, dem Alter-Ego von Beigbeder (ihm im Film äußerlich eins zu eins gleichend), einigermaßen treu. Ein paar der gröbsten Fiesheiten sind allerdings entschärft. Vor allem aber ist die Haupttriebfeder des präsentierten Werks nicht mehr die überaus persönliche Abrechnung eines Autoren mit etwas, das er abscheulich findet; sondern, umgekehrt, der Spaß eines Regisseurs (Jan Kounen) mit den eigenen künstlerischen Möglichkeiten sowohl einer Polemik als auch ihres Gegenstands: der Welt der Werbung, der schönen bunten Bilder, der cleveren ästhetischen Tricksereien, der sinnlichen Überrumpelung, der gefälligen kulturellen Anspielungen.

Kaum eine Szene, die nicht auf äußerst kurzweilige Weise zum Anlass für einen visuellen Gag, ein prägnant durchgestyltes Reklame-Tableau, ein filmhandwerkliches Bravour-Stück oder ein musikalisches Stanley-Kubrick-Zitat (Kounen arbeitet sich durch beinahe die gesamte Filmographie des Meisters durch) gerät. Jan Kounens "39,90" glänzt durch eine Dichte an betont filmischem Witz und Spektakel, die man von einer europäischen Roman-Verfilmungen eher selten erwartet.



Auch der Roman-Text war durchdrungen mit Vokabular und Tricks der Werbung, die er kritisiert; dort allerdings stets ins Ätzende, Ungenießbare getrieben, im zynischen Tonfall eines, der genug davon hat. Kounen dagegen wirkt weit entfernt davon, genug davon zu haben, und wendet die behandelte Sprache weniger ins Ätzende als viel mehr ins geradezu leichtfüßig Komische. "39,90", der Film, ist vor allem auch eine sehr genießbare Komödie.

Was dabei gegenüber der Vorlage etwas büßen muss, ist der Wille zum tiefergehenden Deutlich-Machen von Manipulations-Kalkülen der Werbe-Industrie. Das moralische Argument, sollte einem daran gelegen sein, fällt so insgesamt sehr schwach aus. Im Buch wurden noch ganze Wirtschaftskreisläufe durchformuliert und drastisch verächtlich gemacht. Im Film gibt's weniger Anklage als mehr Amusement über eine persönliche Verkommenheit der Agentur-Kreativen, die darin besteht, dass sie Ekelvideos aus dem Internet sammeln, auf Anglizismen stehen und rege Drogen konsumieren.

Welcher aufrüttelnde Skandal der Roman "39,90" auch immer vorgeblich sein wollte, als Verfilmung ist er vollends auf einen Anlass zum kurzweiligen kommerziellen Vergnügen zusammengeschrumpft. Das muss nichts Schlechtes sein, denn man könnte auch je nach Bewertung der Vorlage sagen: Er ist eben auf das Wesentliche reduziert. Nur der Schlusstext, ein erhobener Zeigefinger gegen gigantische Etats der Werbe-Industrie im Angesicht der Weltarmut, wirkt so etwas fehl am Platze; wie unbeholfen nachgeschoben, um dann doch noch eine Moral unterzubringen.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik

 

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Trailer: 39,90

Quelle: YouTube