Fillip Kieffer: Fußballgespräch ohne Floskeln

Ruben Sakowsky

Fußballer Fillip Kieffer aus Emmendingen ist im Juli Weltmeister geworden - bei der ersten WM der Gehörlosen in Griechenland. Der 28-jährige Industriemechaniker berichtet im Interview von seinen Erfahrungen als gehörloser Fußballer und verrät uns, wie man den Gegner nonverbal necken kann.



Fillip Kieffer bringt zum Interviewtermin Anke Hagemann mit, die meine Fragen in die Gebärdensprache dolmetscht. Vor dem Gespräch überrascht mich ein wenig die ungewohnte Sitzordnung: Anke nimmt nicht etwa neben Fillip Platz, sondern setzt sich neben mich. Das hat für ihn den Vorteil, dass er in meine Richtung schauen kann, während ich spreche, und gleichzeitig die Gebärden der Dolmetscherin sieht.




Fillip, du bist im Juli in Patras mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister im Gehörlosenfußball geworden. Welches Spiel war für dich besonders spannend?

Das Turnier war an sich sehr aufregend, denn es war die erste Fußballweltmeisterschaft der Gehörlosen überhaupt. Wir hatten hohe Erwartungen an uns. Unsere Gruppe war schwer: Gastgeber Griechenland und der Favorit England zählten zu unseren ersten Gegnern.

Gegen Frankreich musstet Ihr auch antreten.

Ja, im Halbfinale. Eine spannende Partie. In der regulären Spielzeit fiel kein Tor. In der Verlängerung sind wir 2:0 in Führung gegangen. Leider bin ich nach unserem zweiten Tor wegen einer Oberschenkelzerrung ausgefallen, so dass wir in Unterzahl weiter spielen mussten und die Franzosen ausgleichen konnten. Die Entscheidung brachte das Elfmeterschießen. 8:7 für uns, es war ein Nervenkitzel.



Und das Finale?

Haben wir gegen die Türkei gewonnen. Das war schon erstaunlich, da wir mit vielen jungen Spielern eher als Außenseiter angetreten sind.

Demnach gibt es also keine Nachwuchsprobleme beim Gehörlosenfußball?

Die gibt es schon. Nicht unbedingt auf nationaler Ebene, aber auf regionaler. Im Raum Freiburg wohnen zum Beispiel nur drei bis vier gehörlose Fußballer, so dass die Spieler einer Mannschaft meist aus einem großen Gebiet zusammenkommen. Das ist für die Spieler oft schwierig, weil sie teilweise sehr lange Strecken zurück legen müssen, um trainieren zu können. Das geht bei den derzeitigen Benzinpreisen auch schnell ins Geld.



Klar.

Aus diesem Grund arbeiten wir für unsere Nachwuchsarbeit mit der Gehörlosenschule in Stegen zusammen. Die Schüler sind dort in einem Internat untergebracht, so dass wir unter der Woche mit ihnen trainieren können.

Du spielst seit acht Jahren für die Nationalmannschaft. Hat die deutsche Elf einen Angstgegner?

Das kann man nicht so sagen. Im Gegenteil: Wir sind eher besonders motiviert, wenn wir auf einen Gegner treffen, gegen den wir im vorherigen Spiel verloren haben oder wenn wir gegen eine sehr starke Mannschaft spielen. Das war zum Beispiel beim Gruppenspiel gegen England der Fall, das wir 3:0 gewonnen haben.



Inwiefern ist das Niveau von gehörlosen und hörenden Fußballern vergleichbar - auf internationaler Ebene?

Das kann man nicht vergleichen. Wir sind ja schließlich keine Profis und haben weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Bei der WM gab es sogar eine kleine Eigenbeteiligung für die Spieler. Die brasilianische Mannschaft beispielsweise konnte in Griechenland überhaupt nicht antreten, weil ihr das Geld gefehlt hat.

Und die spielerische Qualität?

Man könnte sie vielleicht mit dem Niveau in den Landesligen der Hörenden vergleichen. Auf internationaler Ebene geht es da mitunter recht ruppig zu.

Wie haben euch die Fans angefeuert?

In Griechenland waren nicht besonders viele deutsche Fans. Vielleicht zehn bis fünfzehn deutsche Urlauber. Der Applaus funktioniert bei uns anders als bei Hörenden. Es wird nicht geklatscht, sondern die Arme werden gehoben. Auf dem Platz bekomme ich davon allerdings nicht viel mit, da ich mich aufs Spiel konzentriere.



Wie funktioniert bei Gehörlosen die Verständigung auf dem Platz?

Der Schiedsrichter hebt bei Fouls die Fahne, ansonsten verständigt man sich über Gebärdensprache. Das funktioniert natürlich nicht, während man sich bewegt. Die Verständigung findet also eher statt, wenn der Ball ruht. Wir besprechen dann beispielsweise vor einem Eckstoß kurz, wie wir spielen wollen.

Gibt es auch Strafen wegen Meckerns?

Wir müssen Blickkontakt haben, um uns zu beleidigen. Aber natürlich können wir auch anderen Spielern etwas zugebärden, ohne, dass es der Schiedsrichter sieht oder versteht. Da müssen wir aufpassen, ob der Schiri nicht doch Gebärdensprache versteht oder im Blickfeld steht (lacht). Strafen gibt es aber nur, wenn man sich direkt mit dem Schiedsrichter anlegt.



Du spielst nicht nur beim Gehörlosen Sportverein Freiburg (GSV), sondern auch bei einem Club für Hörende, beim Kreisligisten Ehrenstetten.

Ja, ich spiele bei zwei Vereinen, um öfters Pflichtspiele zu bestreiten. Das ist wichtig, um in Form zu bleiben und Spielerfahrung zu sammeln. Es macht mir bei beiden Clubs großen Spaß, aber natürlich klappt die Kommunikation mit den Gehörlosen besser. Da können wir uns auch nach dem Spiel noch zusammen setzen und uns unterhalten.

Am 5. September startest du mit dem GSV in die neue Saison. Wie stehen eure Chancen?

Derzeit spielen wir eher schwach. Uns fehlen noch drei bis vier starke Spieler. Das Auftaktspiel findet in Karslruhe statt.

Viel Erfolg, Fillip!


Mehr dazu:

Web: GSV Freiburg
Web: Deutscher Gehörlosen Fußball in BaWü