Fight Night: Der große Kabinenreport

David Weigend

Nichts für Weicheier: Wir haben die vier Mixed Martial Arts Kämpfer Mehmet Inan, Pascal Krauss (links im Bild), Daniel Mattuschek und Gregor Herb (rechts) während der Fight Night begleitet. Backstage, mit Pratze und Springseil. Haut rein, Jungs.



Aufwärmen

Viel kriegt er jetzt nicht mehr runter, nur noch eine Banane. Gregor Herb, 31, geht beim Kauen auf und ab im provisorischen Aufwärmbereich für die Kämpfer aus der blauen Ecke. Eng ist es hier, in der Rumpelkammer der Güterbahnhofshalle. Einer hüpft übers Springseil, ein anderer lässt sich die Hände bandagieren, ein Betreuer reibt den Oberkörper eines Kickboxers, der gleich dran ist, mit Startöl ein. Fäuste klatschen auf Pratzen und von draußen hört man das Johlen der Menge.

Herb hält sich seit 17 Uhr in diesem Hamsterkäfig auf, sein Kampf wird erst um 1 Uhr morgens beginnen. Die Wirklichkeit eines Fighters vor dem Wettkampf ist der Zustand des Wartens. Das kann zermürbend sein.



Mehmet

Bei Herbs Teamkollegen Mehmet Inan ist es gleich soweit. Er ist der erste von vier Mitgliedern der brasilianischen Jiu Jitsu-Schule in Littenweiler, die Herb leitet. „Du brauchst mir hier keine Atomuhr aufzustellen“, sagt Mehmet zu Gregor. Es geht um die Zeitmessung während des Kampfs.



Fünf Minuten später hat Mehmet seinen Gegner Paul Berdikov besiegt. Es sah ein bisschen so aus wie Rodeo, bloß, dass Mehmet immer wieder auf den Kopf des Gauls eingedroschen hat. Mit Handy am Ohr kommt er glücklich zurück in den Backstagebereich. Seine Freundin ist dran. „Baby, ich freu mich auf dich!“ Die Kollegen beglückwünschen ihn. Toller Kampf! „Ja, aber das Knie von ihm hat bös geschmeckt“, sagt Mehmet.

Mattu

Daniel „Mattu“ Mattuschek, 32, ist vor seinem Kampf der Nervöseste von den vier Herbianern, auch, wenn er das nicht zeigt. Sieben Kilo hat er in den letzten zwei Monaten abgenommen, trainiert hat er wie ein Verrückter. „Piss doch hinters Zelt!“, ruft er einem Fighter zu, der sich vergeblich nach einem Klo umschaut. Die Organisatoren muten den Kämpfern tatsächlich zu, quer durch die Halle zu laufen und sich mit den Besuchern das Klo zu teilen. Ein eigenes WC gibt es nicht. Bald muss ein weißer Eimer zum Erleichtern herhalten.

Mattu geht raus, über den roten Teppich. Es läuft Slayer. Sein Blick ist der eines Tieres. Das Adrenalin steigt mit jedem Schritt zum Ring. Er hört das Klatschen der Leute. Dann macht er kurzen Prozess. Bald sitzt er auf dem Gegner. „Gib auf!“, schreit er ihm ins Gesicht, damit er ihm nicht auch noch die Fresse zermanschen muss. Christoph Dietrich schafft es gerade noch, abzuklopfen. Nach einer Minute und 39 Sekunden gibt er auf.



Mattu schreit in die Ränge, es ist all die Anspannung und Nervosität, die jetzt rauskommt. Als erstes wird er seine Mutter anrufen. Mattu will nicht, dass sie sich Sorgen machen muss. „Der Take-Down hat schön gebumst“, sagt Gregor und umarmt Mattu.



Pascal

Der Backstageraum der Fight Night ist keine Philosophenklause. Ein dauerndes Gewusel von Fäusten, Trinkflaschen, Tritten, Siegern und Verlierern. Einer pennt mit Handtuch überm Kopf auf der Bierbank, direkt gegenüber bequatscht ein Trainer seinen Schützling. Es ist der erst 19-jährige Vladimir Schreiner, der gerade kräftig Prügel einstecken musste und jetzt ziemlich geknickt am Absperrgitter lehnt. Der Boxer, der geschlagen ist, er ist eine lange Stunde der einsamste Verlierer auf der Welt.



Drei Schritte weiter beginnt Pascal Krauss, 22, mit dem Warm Up. Pascals bisherige Bilanz: 6 Kämpfe, 6 Siege. „So soll es weitergehen“, sagt er. Sprünge, Knieheberlauf, Schattenboxen, Warmringen mit Gregor. Um 23.30 Uhr ist Pascals grüner Kaputzenpulli komplett durchgeschwitzt. Die Kämpfe von Mehmet und Mattu hat er sich nicht angeschaut. „Das würde mich zu sehr ablenken“, sagt er. Dein Gegner? „Irgendein Pariser Karate-Champion. Wobei man auf diese Titel nicht viel geben sollte. Jeder Miniverband macht seine Weltmeisterschaft und kürt seine Champions.“



Pascal macht den Mundschutz rein, reibt sich kurz am Ringerohr, sein Kumpel Nenat verteilt etwas Vaseline in seinem Gesicht. Pascal sagt:

"Du kannst nicht jeden Griff planen. Aber einen groben Kampfplan mache ich mir natürlich. Beim letzten Kampf zum Beispiel wusste ich, dass mein Gegner stark am Boden ist. Also hab' ich versucht, erst mal im Stand zu bleiben. Ihn bearbeiten, mit Fäusten und Low-Kicks. Ihm das Bein kaputt machen, dass er sich nicht mehr schnell bewegen kann. Diese Rechnung ging auf."

Dann hört er sein Einlauflied von draußen, „Fuck Dying“ von Ice Cube und Korn. Das knallt, die Knallerei kann losgehen.



Der Pariser Kontrahent schlägt sich nicht übel, steht gut und ist ein zäher Typ. Aber gegen den Mata Leon hat er keine Chance und gibt auf. Es ist der siebte Sieg für Pascal. Die Menge liebt ihn. Und ihm kommen die Tränen, aber nicht aus Freude, sondern „wegen dem Scheiß-Minzöl, mit dem sich der Typ eingerieben hat. Mann, mir brennt der ganze Körper“, sagt Pascal.



Die Kameraden umarmen ihn und nennen ihn scherzhaft einen „Streber“, weil sich Pascal ein bisschen drüber aufregt, dass der Gegner ihn ab und zu im Stand getroffen hat. Mattu sagt über Pascal: „Wenn der mal verlieren würde, wird er stinkig. Aber richtig stinkig.“

Pascal schlüpft in seine Flip-Flops und schlendert rüber ins Büro der Organisatoren, um das Antrittsgeld zu kassieren. Holger Probst überreicht ihm ein Bündel Geldnoten. Ein paar hundert Euro waren vereinbart. Pascal zählt nach, Schein für Schein. „Den Fischen kannsch ja nicht trauen“, witzelt er nachher zu Gregor. „Kommt immer drauf an, wem die Geldzählmaschine gehört.“ Den Pokal will er sich zu den vielen anderen auf den Schrank stellen. „Aber bald ist da kein Platz mehr.“



Pascal, was bedeutet dir dieser Sieg?

"Je mehr Siege du auf dem Konto hast, desto höher dein Marktwert. Die Organisatoren wollen nicht irgendwelche Flaschen, die nur Scheiße bauen. Man macht sich seine eigene Visitenkarte."

Gregor

...was weißt du über deinen Gegner? „Außer dem Namen, den ich mir auch nicht merken kann, eigentlich gar nichts.“ Es ist spät geworden. Zwölf Kämpfe sind über den Ring gegangen, die Nummerngirls hatten reichlich Gelegenheit, ihr Dekoleté zu präsentieren. 0.45 Uhr. Gregor Herb, der seit sieben Stunden in der Halle ist, macht die letzten Aufwärmübungen. Schattenboxen. Links, links, links rechts links. Immer wieder. Was sein Gegner macht, nur durch die  Stoffwand eines Partyzelts getrennt, berichtet ihm in knappen Sätzen sein Kumpel Peter Sobotta.

Irgendwann kommt Nenat und sagt, dass es soweit ist. Gregor geht, begleitet von seinen Teamkollegen, vor bis zum Vorhang. Einen Moment lang schließt er die Augen.



Vielleicht denkt er an sein zweites Kind, das seine Frau erwartet. Vielleicht hofft er, dass sein Knie hält, das im Sommer operiert werden musste. Es ist sein erster Wettkampf seitdem. Und die Ellbogen haben auch ein wenig gezwickt in den vergangenen Tagen.

Einen Augenblick lang – einen Herzschlag, einen Lidschlag, einen Nervenriss lang – Totenstille, dann schiebt einer den Vorhang beiseite. Der Sturm bricht los. Herb geht zum Ring. Alle Augen richten sich auf ihn. Und sehen ihn siegen. Eine Choreographie der Gewalt, sagt der Schwätzer. Eine feine Keilerei, sagt der Fan. Herb gewinnt mit einer Triangel, einem Würgegriff, der dem Gegner Jannis Dimitriou die Halsschlagader abklemmt. Es sieht aus wie ein Flaschenöffner unterm Kinn.



Jubel in der Halle. Dimitriou und Herb umarmen sich im Ring. Er nimmt den Pokal vom Nummerngirl, klettert durch die Ringseile, genießt die „Bravo!“-Rufe der anwesenden Hells Angels und die Schulterklopfer von all den Halbstarken, die gern so wären wie er. Dann kommt sein Vater zu ihm und schließt ihn in die Arme.



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