Fffffsschhht! Fffffffft!

Anselm Müller

Bürgerliche Medien verurteilen Graffiti zumeist als Schmierereien und störende Farbtupfer im Urbanen. Leider ist das eine etwas kurzsichtige Einschätzung des kulturellen Phänomens Graffiti. Dessen Geschichte ist länger, als die Bilder unserer Stadt vermuten lassen. Anselm hat sich beim Wiener Sprühakademiker Norbert Siegl kundig gemacht.

In Wien behandelt man das Thema seit 1996 im wissenschaftlichen Diskurs. Seit zehn Jahren gibt es dort das Institut für Graffiti-Forschung. Gegründet haben es Norbert Siegl, Psychologe und Kommunikationswissenschaftler, gemeinsam mit anderen Sozialwissenschaftlern.

Das Institut fungiert als Dachorganisation der weltweiten Graffiti-Forschung. Ein ähnlich akademisches Pendant zu diesem Institut gibt es nicht.


Was ist Graffiti? Laien denken an Tags und Sprayerbilder. Für Wissenschaftler sind Graffiti jedoch weit mehr. Schon deren Definition reicht weiter: „Graffiti (Einzahl Graffito) ist ein Oberbegriff für viele thematisch und gestalterisch unterschiedliche Erscheinungsformen. Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass es sich um visuell wahrnehmbare Elemente handelt, welche "ungefragt" und meist anonym, von Einzelpersonen oder Gruppen auf fremden oder in öffentlicher Verwaltung befindlichen Oberflächen angebracht werden.

Besonders in der Variante des graffiti-writings der Sprayer bezieht der Begriff auch offiziell ausgeführte Auftragsarbeiten und künstlerische Produktionen mit ein“, sagt Norbert Siegl, der am Wiener Graffiti-Institut arbeitet. Es handelt sich bei diesem uralten Phänomen also um Bilder oder Schriftzüge, die im öffentlichen Raum „verbotenerweise“ erscheinen oder aber als Auftrag ausgeführt werden. Ein Beispiel in Freiburg ist der Kiosk an der Kronenbrücke (wann macht der eigentlich wieder auf?).

Zur Familie der Graffiti gehören außerdem Schulbankgekritzel, in Bäume geritzte Liebeserklärungen sowie Bemerkungen auf öffentlichen Plakaten, wobei sich Wahlkampfplakate besonderer Beliebtheit erfreuen.

Schon bei den Griechen und im alten Rom fand Graffiti Erwähnung. Das Wort stammt vom griechischen „graphein“ und vom lateinischen sgraffiere „kratzen, Gekratze“. Graffiti waren früher eine spezifische Form der Fassadengestaltung.

Sie entstanden, indem man verschiedenfarbig Putzschichten auftrug. Durch das Abkratzen der obersten Schicht entstanden reliefartige Mosaike. Diese so genannten Sgraffitohäuser stehen heute meist unter Denkmalschutz. Zeitgenössische Graffiti entstanden in den USA in den 1970er Jahren und in Deutschland ab 1980. Das Genre hat sich inzwischen aufgefächert.

Klograffiti - jeder kennt sie und fast jeder liest sie. Diese Hinterlassenschaften haben keine Klassengrenzen. Man findet sie auf dem Bahnhofsklo, in der Schule, am Discourinal, sogar in den Toiletten besserer Restaurants. Norbert Siegl hat seine Diplomarbeit über Klograffiti geschrieben, indem er dies und das herausfand.

Bei Männern dominieren thematisch Politik und Sex. Frauenspezifische Themen sind, surprise, Geburt, Schwangerschaft und Empfängnisverhütung.

Siegl fand heraus, dass nicht nur die Themen bei den Geschlechtern variieren, sondern auch Sprache und Darstellungsformen der Kritzeleien. Männer benutzen eine kurze, aggressive Sprache und stellen Geschlechtsorgane explizit dar. Der Urheber wünscht meist keinen Dialog. Frauen sind wortreicher und weniger aggressiv.

Äußerst populär sind Graffiti mit radikalen, politischen Parolen und Zeichen. Etwa das Hakenkreuz und das autonome, eingekreiste „A“.Zugenommen haben laut Siegl in letzter Zeit die rechtsradikalen Graffiti, die Unterdrückung, Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Intoleranz zeigen.

Ist alles Graffiti?

Sind alle Sprayereien Kunstwerke?

Oder muss man hier differenzieren? Eine engere Definition wäre wünschenswert. Siegl hat vom Grafittibegriff eine sehr weit reichende Vorstellung. Für den Wissenschaftler ist quasi alles Graffiti. Meiner Meinung nach wird man so den wahren Künstlern unter den Sprayern nicht gerecht.

Als was würdet Ihr Graffiti definieren? Eure besten Klografittisprüche? Gebt uns fudder!