Festival experimenteller Poesie: Ein Hoch auf die Sinnlosigkeit!

Änne Seidel & Janina Schnoor

Saure Zitronen, zischende Laute, schillernde Kostüme - all das schmeckten, hörten und sahen die Zuschauer Ende Juni beim Festival experimenteller Poesie im Alten Wiehre-Bahnhof. Änne Seidel und Janina Schnoor haben sich ins bunte Getümmel gestürzt und wahrhaft Sinnloses erlebt.



Roza Rueb sucht hektisch nach ihrer Eieruhr. Es bleibt nicht mehr viel Zeit bis zu ihrem Auftritt beim Festival experimenteller Poesie. Die zierliche Frau steht in der stickigen Dachkammer des Alten Wiehre-Bahnhofs, inmitten von Perücken, Plastik-Schlangen und moosgrünen Efeu-Ranken. Im Gegensatz zu den schillernden Theater-Kostümen, die überall auf dem Fußboden verstreut liegen, ist Roza Ruebs Outfit klassisch-schlicht: weiße Bluse, weißer Rock, nun fehlt nur noch die weiße Feinstrumpfhose. Die ist ihr besonders wichtig: „Sie wird während der Performance zum Accessoire umfunktioniert“, erklärt sie, bereits etwas nervös.

Roza Rueb ist Performance-Künstlerin. Ursprünglich studierte sie Bildhauerei, heute verbindet sie Elemente aus Sprache und Video zu interaktiven Gesamtkunstwerken. „Ich liebe das Sinnlose“, sagt sie selbst über ihre Kunst. Damit ist sie beim Festival experimenteller Poesie genau richtig.

Denn hier geht es nicht darum, für jedermann verständliche Gedichte vorzutragen. Ziel ist es vielmehr, die Möglichkeiten der menschlichen Wahrnehmung auszuloten: Der Zuschauer wird mit kuriosen Klangexperimenten konfrontiert, die nichts mit dem zu tun haben, was er im Alltag normalerweise zu hören bekommt. Es geht also darum, sich auf das Fremde, Neue und Ungewohnte einzulassen. Oder wie Roza Rueb es formuliert: „Um die Bilder, die während meiner Performance bei jedem einzelnen im Kopf entstehen.“

Bis die Eieruhr schrillt

Ins Leben gerufen wurde das Festival von der Freiburger Germanistin Weertje Willms und ihrer russischen Kollegin Juliana Kaminskaja, die derzeit als Gastdozentin an der Uni Freiburg unterrichtet. Mit der Unterstützung der Alfred Töpfer Stiftung verwirklichten sie ihren Traum eines Festivals mit Künstlern aus Deutschland, Österreich und Russland. Die Herkunftsländer der Poeten sind dabei genau so vielfältig wie Form und Inhalt der Darbietungen. Vom Film, über die Musik bis hin zu Theater und Performance: In der experimentellen Poesie sind die Übergänge zwischen den Gattungen fließend.

Bestes Beispiel hierfür ist die Kunst von Roza Rueb. Endlich ist es soweit, sie darf auf die Bühne. Die Eieruhr hat sie noch rechtzeitig gefunden, nun zieht die Künstlerin sie vor den Augen des Publikums auf: 10 Minuten, länger wird ihre Performance nicht dauern. Dann ratschen die Reißverschlüsse ihrer Stiefel, sie zieht langsam die weiße Strumpfhose aus und stülpt sie sich in Gangster-Manier über den Kopf. Mit einer Schere schneidet sie gezielt zwei Öffnungen für die Augen aus. In diesem skurrilen Outfit beginnt sie ihren Text zu rezitieren (
 
).

Währenddessen purzeln hinter ihr unzählige kleine Trickfilm-Figuren durcheinander – eine Video-Projektion, von Roza Rueb (Foto oben) selbst erstellt. Auch der Körper der Künstlerin wird zur Projektionsfläche. Einmal sieht es aus, als löse sich eines der Männchen von ihrer Nasenspitze. Es überschlägt sich vor ihrem Hals, um schließlich auf der Brust zum Stehen zu kommen. Irgendwie gehört alles zusammen – Körper, Stimme, Film, dazu das monotone Ticken der Eieruhr. Doch dann plötzlich das Klingeln: Die Zuschauer schrecken hoch, Roza Rueb steigt zurück in die durchlöcherte Strumpfhose, klettert vom Podest herab, das Licht geht wieder an.

„Rozas Art zu performen hat mich schon immer sehr angesprochen, das ist alles ausgesprochen dicht“, sagt ihr Künstler-Kollege Günter Vallaster nach der Aufführung. Die beiden kennen sich seit einigen Jahren, haben schon mehrmals zusammengearbeitet. Vallaster schreibt ebenfalls Gedichte, seine Vortragsweise ist aber weniger experimentell. Man könnte auch sagen: traditioneller (
 
). Neben den gedruckten Gedichten präsentiert er auf dem Festival auch eine Auswahl an Buchstaben-Graphiken: visuell-poetische Variationen nennt er sie (Foto unten).



Schwärmende Poeten

Wenn Günter Vallaster und Roza Rueb den langen Festivaltag im Park neben dem Wiehre-Bahnhof Revue passieren lassen, wird deutlich, dass die Veranstaltung nicht nur für den Zuschauer, sondern auch für die Künstler sehr intensiv war: „Ich bin echt erledigt, da stürmt einfach so vieles auf einen ein und man muss jetzt erstmal gucken, wie man das alles verarbeitet“, sagt die Performance-Künstlerin Rueb. Beeindruckt waren alle beide auch von den Darbietungen ihrer russischen Kollegen: Etwa von der Kombination aus Musik und Literatur, die das bekannte Künstlerduo Boris Konstriktor und Boris Kipnis zum Besten gab (
 
).

Richtig ins Schwärmen kommen Rueb und Vallaster bei dem Poeten und Videokünstler Aleksandr Gornon. Neben zwei Video-Arbeiten präsentierte der Sankt Petersburger Künstler ein russisches Gedicht. Unübersetzbar sei es, hatte der graubärtige Herr gleich zu Beginn angekündigt, aber die Zuschauer würden es trotzdem verstehen. Und dann legte er los: Die russischen Laute zischten nur so zwischen den Lippen hervor, immer wieder riss der Künstler die Augen auf und setzte das Gesagte durch kraftvolle Gesten in Szene. Roza Rueb, im Park neben dem Wiehre-Bahnhof sitzend, kommentiert die explosive Präsentation mit viel Bewunderung: „Bei Gornon wird die Sprache tatsächlich zweitrangig. Obwohl ich kein Russisch verstehe, kam viel bei mir an. Gornon übermittelt eine ungemeine Kraft und Stärke.“ Und nach einer kurzen Pause fasst sie zusammen: „Er selbst ist das Gedicht.“

Video: Höhepunkte des Festivals experimenteller Poesie:



Mehr dazu:


Was ist experimentelle Poesie?

Die Experimentelle Poesie siedelt sich an der Schnittstelle zwischen Literatur und anderen Kunst-Gattungen wie beispielsweise Musik, Malerei und Film an. Gedichte der experimentellen Poesie bestehen also nicht zwangsläufig aus einem Text, auch ein Bild oder eine Fotografie können als Gedicht verstanden werden. Gibt es einen Text, so vermittelt dieser meistens keine klare Botschaft und erzählt erst recht keine nachvollziehbare Geschichte. Vielmehr geht es in dieser Kunstform darum, die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung auszuloten und – wenn möglich – zu sprengen. Viele Darbietungen versuchen daher, mehrere Sinne anzusprechen. So wird ein rezitierter Text etwa durch Performance-Einlagen, Videoprojektionen oder Musik untermalt. Besonders wichtig ist der interaktive Charakter der experimentellen Poesie: Die Kunstwerke haben keinen festen, vom Künstler vorgegebenen Sinn. Stattdessen ist der Zuschauer gefragt: Er soll das Gehörte und Gesehene auf sich wirken lassen und zu seiner eigenen Interpretation finden. Somit kann experimentelle Poesie auch über Sprachgrenzen hinweg rezipiert werden.

Wo finde ich mehr davon?

Wer sich für Experimentelle Poesie interessiert, muss stets die Augen aufhalten, damit ihm die wenigen Veranstaltungen nicht entgehen!

Wir empfehlen:
  • Summer in the city – das Sommerfest des Wiener read!!ing-rooms: Am 03.08.2012 könnt ihr hier Günter Vallaster treffen!
  • Das Zebra Festival in Berlin, bei dem insbesondere die Videopoesie (als eine der Formen experimenteller Poesie) im Mittelpunkt steht. Es findet vom 18. bis 21.10.2012 im Kino Babylon in Berlin statt.
  • Und wer nicht so weit reisen mag, findet auch in dem Buch „Optische Poesie“ von Klaus Peter Denker viele interessante Beispiele und Erklärungen.
[Änne Seidel (25) und Janina Schnoor (26) sind Studentinnen am Frankreich-Zentrum der Albert-Ludwigs-Universität. Diese Multimedia-Reportage ist entstanden im Rahmen eines Seminars über Online-Journalismus]

Fotos: