Fernstudium: Vorlesung im Schlafzimmer

Till Neumann

Valentina Schneck hat es gar nicht erst versucht. Sie wusste, dass sie keine Chance hatte. Der Numerus clausus für ein Psychologiestudium an der Uni war einfach zu hoch. Dennoch studiert sie zurzeit ihr Wunschfach – an der Fernuni Hagen. Den Studienplatz für Psychologie hat sie problemlos bekommen, denn einen Numerus clausus gibt es an der Uni Hagen nicht. Genauso wenig wie Studiengebühren oder Sozialbeiträge. Sarah Görke ist zwar auch Fernstudentin, aber berufsbegleitend. Neben ihrem Vollzeitjob noch zu büffeln, fällt ihr nicht leicht.



Nach ihrem Abi 2007 in Stuttgart kam Valentina zum Studieren nach Freiburg. Sie schrieb sich in VWL ein und zog in eine WG in der Stusie. Das Studium machte ihr Spaß, „aber nur so halb“. Eigentlich war ihr Wunschfach ja ein anderes: Psychologie. Aber dafür hatten ihre Noten nicht gereicht. Im Abizeugnis hat sie zwar einen guten Zweierschnitt, aber in Freiburg brauchte sie die Note 1,1, um für Psychologie einen Platz zu bekommen. An anderen Unis war es ähnlich. Kurz gesagt: für Valentina aussichtslos.


Die Kurse kommen als Reader per Post

Vergangenes Jahr, im siebten Semester, hatte die 24-Jährige ihr Aha-Erlebnis. Während eines Praktikums stellte Valentina fest, dass sie in ihrem angestrebten Berufsfeld Personalmanagement auch als Psychologin einen Job finden kann. Gleichzeitig empfahl ihr ein Freund die Fernuni Hagen. Valentina war sofort begeistert. Seit Oktober 2010 ist sie jetzt Fernstudentin. Die Kurse, die sie belegt, bekommt sie als Reader zugeschickt. Ihr WG-Zimmer ist jetzt ihr Hörsaal.

Auf Valentinas Schreibtisch steht ein Laptop, links daneben liegen ihre Arbeitsmaterialien: Kulis, Faserschreiber und Textmarker in verschiedenen Farben. Die braucht sie für die WG-Vorlesungen, also das Durcharbeiten des Reader für den Statistikkurs. Der Professor in gedruckter Form liegt rechts neben dem Laptop. Darüber, an der Wand, hängt ein handgeschriebener Wochenplan, daneben eine Liste der Kurse, die sie belegt. „Ich bin eine To-Do-Listen-Schreiberin, plane alles schon im Voraus“, erklärt Valentina. Dieses Organisationstalent braucht sie, denn beim Fernstudium, kommt es vor allem auf eins an: Selbstdisziplin.


Der Studienrhythmus durch Vorlesungen an der Uni fällt weg, der einzige feste Termin für Fernstudenten ist die Prüfung am Ende des Semesters. Die schreibt sie in einem der mehr als 60 Studienzentren der Fernuni. Das nächstgelegene von Freiburg ist Karlsruhe.

Dass die 24-Jährige ihre Lerntage frei einteilen kann, kommt ihr gelegen. Denn ihr Arbeitsrhythmus entspricht nicht den normalen Vorlesungszeiten. Sie lerne zwar vormittags von 9 bis 12 Uhr, aber nachmittags könne sie nicht so gut arbeiten. „Da mache ich lockeres Programm, gehe joggen, mit Freunden Kaffee trinken oder telefoniere.“ Später dann, wenn viele ausspannen, wird Valentina wieder fleißig. „Ich lerne oft abends, so bis 2 Uhr nachts.“

Für Faulenzer ist das Vollzeitfernstudium nichts. Valentina hat für das Semester zwei Reader mit jeweils 400 bis 500 Seiten. Die muss sie bis zur Prüfung können. Dafür bearbeitet sie pro Tag um die 60 Seiten, „lesen und mir merken“, nennt Valentina das. Um bis zur Prüfung fit zu sein, arbeitet die Stuttgarterin „mindestens sechs Stunden am Tag, auch am Wochenende“. Für einen Nebenjob hat sie deswegen gerade keine Zeit, nächstes Semester möchte sie aber jobben.
Von ihrem Lohn wird sie sich mehr leisten können als viele andere Studenten. Denn an der Fernuni zahlt sie weder Studiengebühren noch einen Sozialbeitrag.

Einzig die Reader der belegten Kurse muss sie bezahlen. Ein Exemplar kostet etwa 150 Euro, dieses Semester hat sie für das Studium also 300 Euro ausgegeben. Der Nachteil: Sie studiert zwar in Freiburg, Angebote wie das Mensaessen oder das Semesterticket gelten für sie aber nicht. Das stört Valentina aber nicht: „Eigentlich läuft bei mir alles wie bei einem normalen Freiburger Studenten. Ich lerne viel und gehe regelmäßig weg.“



Nur der Kontakt zu den Kommilitonen, der ist grundlegend anders. Die Uni Hagen bietet zwar eine Chatplattform, um sich mit anderen Studenten auszutauschen und Professoren zu kontaktieren. Aber die nutzt Valentina selten. Über eine Freundin hat sie den Kontakt zu einem Freiburger Kommilitonen hergestellt, er studiert auch Psychologie an der Uni Hagen, ist aber schon im dritten Semester. „Von ihm bekomme ich Tipps, das hilft“, sagt Valentina. „Allgemein lerne ich aber eher alleine.“ Und die Flexibilität des Studiums wird sie nutzen. Im Laufe der nächsten Semester will sie für drei Monate nach Schanghai. „Meine Unterlagen nehme ich einfach mit“, sagt Valentina.
Alles in allem ist sie nach dem ersten knappen halben Jahr sehr zufrieden. „Ich bin positiv überrascht. Die Kurse sind gut aufbereitet, schlüssig und klar.“ Überfordert odaer alleine gelassen fühle sie sich nicht. Im Gegenteil: Zum Lesen macht es sich Valentina gerne auf ihrer Schlafcouch gemütlich. Eingewickelt in eine Decke arbeitet sie von da aus für die Prüfung. Eine Vorlesung im Bett –  darum dürfte sie so manch einer beneiden.

Ein wenig anders sieht es bei Sarah Görke aus. Die 27-Jährige ist ebenfalls Fernstudentin, aber nicht in Vollzeit, sondern berufsbegleitend. Die ausgebildete Hotelfachfrau arbeitet in einem Freiburger Hotel. Nebenher studiert sie im ersten Semester Hotelmanagement an der Fachhochschule Schmalkalden bei Erfurt. Die 39-Stunden-Woche im Hotel ist für sie „ziemlich anstrengend“, das Fernstudium „härter als gedacht“.

Idealerweise sollte sie jede Woche sieben Stunden fürs Studium lernen. „Ich mache eher weniger“, sagt Sarah, die in den ersten Monaten öfter Mal dachte, dass sie es nicht schafft. Ihr fehlte der Austausch mit den Kollegen, die Struktur und nach acht Stunden Arbeit oft einfach die Kraft. Mittlerweile geht es aber besser.

Übers Studium reden per Videokonferenz

Vor kurzem hatte Sarah das erste Präsenzseminar in Schmalkalden, seitdem hat sie mehr Kontakt zu den Kommilitonen. „Das hilft“, sagt sie. Mit einer Studienkollegin hat sie jetzt jede Woche eine Skype-Videokonferenz. „Da unterhalten wir uns eine Stunde über das Studium. Das bringt Struktur und macht die Sache leichter.“

Im Hotel arbeitet Sarah entweder von 7 bis 15 Uhr oder von 14 bis 22 Uhr. Wenn sie Frühschicht hat, schafft sie es nach 15 Uhr nicht mehr, sich zum Lernen zu motivieren. Anders ist es, wenn sie spät arbeitet. „Dann lerne ich vormittags von 10 bis 13 Uhr. Der Gedanke an den Abschluss motiviert mich und die Studieninhalte sind spannend“, erklärt Sarah. Disziplin sei nicht ihr Problem, das habe sie bei der Ausbildung zur Hotelfachfrau gelernt.



Die Idee für ein Fernstudium kam ihr in Thailand, da hat sie drei Jahre gelebt, in einem Hotel gearbeitet – und ihren thailändischen Freund kennengelernt. Da sie bei ihm bleiben wollte, hat sie sich nach einem Fernstudium umgeschaut. Letztendlich wäre es aber zu schwierig geworden, für die Klausuren und Präsenzseminare regelmäßig nach Deutschland zu fliegen. Also ist sie jetzt in Deutschland. Aber auch hier will sie flexibel sein. „Längerfristig an einem Ort zu studieren, das passt nicht zu meiner jetzigen Lebensplanung“, sagt Sarah. Und auf ihr 100-Prozent-Gehalt wolle sie nicht verzichten, auch deswegen studiert sie berufsbegleitend. Sarahs Studium dauert eineinhalb Jahre, pro Semester bezahlt sie 1200 Euro. In etwas mehr als einem Jahr ist sie fertig.

Bis dahin wird sie regelmäßig für Seminare und Klausuren in ihr Studienzentrum nach Düsseldorf fahren müssen. Den weiten Weg würde sie sich gerne sparen. „Vorlesungen als Videokonferenz haben wir leider nicht. Das wäre super, wenn man von zu Hause aus an echten Vorlesungen teilnehmen könnte“, sagt Sarah.

Fernstudium

Die Fernuni Hagen ist  die einzige öffentlich-rechtliche Fernuniversität und gleichzeitig die größte Universität Deutschlands. Aktuell hat die Fernuni Hagen mehr als 74000 Studierende, davon  45 Prozent Frauen. Informationen fernuni-hagen.de.

Neben der Fernuni bieten  viele klassische Universitäten  einige ihrer Studiengänge als Fernstudium an, Tendenz steigend. Informationen dazu gibt es bei den  jeweiligen Unis oder  auf den Überblicksseiten fernstudium-vergleich.de, studieren.de/fernstudium, und fernstudium-finden.de.

Mehr dazu: