Fernsehen ade: Die besten Webserien

Bianca Fritz

Du warst schon immer der Meinung, dass die Handlung von halb- oder ganzstündigen Telenovelas und Soaps auch in drei Minuten erzählt werden könnte? Dann sind Webserien wie für dich gemacht. Aber wie überall im Internet heißt es auch hier: Viel Müll durchforsten, bevor man auf ein paar wenige Juwelen stößt. Bianca hat sich für fudder einmal durchgewühlt.



Mit aufgerissenen Kulleraugen schaut die 15-jährige Bree in ihre Heim-Webkamera: „Wo ich wohne, das verrate ich nicht, wegen den Stalkern und so“, versichert sie auf Englisch und kichert. Was da gerade über den Laptop flimmert, ist „lonelygirl15“ – die erste Webserie überhaupt, gestartet 2006 auf dem Videoportal Youtube. Und Bree ist keineswegs ein naiver Teenager, der aus seinem Leben erzählt. Bree ist eine 20-jährige Schauspielerin und hat für diese Aufnahmen sogar ein Skript auswendig gelernt. Aber das wissen die Zuschauer zunächst nicht. Sie kommentieren und schicken Video-Grußbotschaften. Viele hundert Folgen später hat dann wohl jeder verstanden, dass „lonelygirl15“ ein Schwindel ist.


Nichtsdestotrotz hat diese Serie massenhaft Nachahmer gefunden. Kinder, die zu Hause in die Webcam flöten und das auf Youtube stellen, wurden genauso vom einsamen Mädchen inspiriert wie professionelle Drehbuchschreiber. Jede Woche kommen neue Webserien hinzu, die meisten aus Amerika. Die einzelnen Folgen sind meist zwischen einer und sechs Minuten lang, Platz für langatmige Geschichten oder Hintergründe bleibt dabei nicht. Jede Folge muss zum Anschauen der nächsten Folge animieren. Das gelingt bei weitem nicht immer, Serienfans werden sich im Internet durch sehr viele langweilige Geschichten klicken müssen, bis sie endlich eine finden, die sie packt.



Erschwert wird die Suche dadurch, dass die Serien auf unterschiedlichen Plattformen laufen: In Communitys, auf Seiten etablierter Medien, auf eigenen Websites und natürlich auf Youtube oder MyVideo. Die einzige deutsche Plattform, die Webserien bündelt, heißt 3min.de. Hier werden deutsche Produktionen und Übersetzungen amerikanischer Serien gezeigt. Beliebteste Serien sind laut den Plattform-Machern jene, mit dem Berliner Protagonisten „Kreuzberg-Tiger“. Der schlägt sich durch die Hauptstadt, erklärt das Ghettoleben und interviewt berühmte Berliner.

Die Sehgewohnheiten junger Zuschauer ändern sich, da sind sich die Webserien-Macher sicher. „Sie chatten, beantworten E-mails und schauen nach dem Wetter, während irgendwo in einem kleinen Fenster noch die Serie läuft. Die Story muss sie trotzdem packen“, sagt Manuel Meimberg, Webserienautor bei der Grundy Ufa TV Produktion. Wie die Finanzierung der Webserien funktionieren soll, steht noch in den Sternen: „Die Werbeeinnahmen decken die Produktionskosten nicht im Geringsten“, sagt Friedrich Nicolaus Heise, der bei Grundy Ufa für Strategie und Programmplanung verantwortlich ist. Auch scheinen 30 Sekunden vorgeschaltete Werbung, wie man sie im Portal 3min.de sieht, unverhältnismäßig lang für eine dreiminütige Serienfolge. Geschickter hat es da schon bild.de gemacht. Die Bild-Redakteure arbeiten für ihre Webserie „Deer Lucy“ mit dem Versandhaus Otto zusammen. Wann immer eine Person auf dem Set erscheint, kann man auf eine Anzeige neben dem Player klicken und die Otto-Klamotten des Schauspielers direkt beim Versandhaus bestellen.



Andere setzen wiederum auf eine günstige Produktion. Bei der "Piet-Show" etwa beschränkt sich der Drehort auf eine Wohnung und gedreht wird rein chronologisch. Wenn Piet durch Thailand jettet, liegt das daran, dass der Schauspieler in seinem Urlaub weiter filmt. Die Piet-Show ist eine der wenigen Webserien, die sich die Vorzüge des Internets wirklich zunutze machen. Angelehnt an das „lonelygirl15“ und die „Trueman-Show“ spielt der Hauptdarsteller mit den verschiedenen Ebenen von Realität und Fiktion. Ist er wirklich der verpeilte WG-Bewohner oder vielleicht doch nur ein Seriendarsteller?

Die erste Staffel lief zunächst im Studi-VZ, wo Piet und seine drei Mitbewohner von Charakteren zu Nutzern wurden. Sie gruschelten ihre Fans und diskutierten mit ihnen über den Plot. Einer der Anhänger wird wohl auch in der nächsten Staffel mitspielen dürfen. Denn Piet hat, natürlich ebenfalls online, zu einem Casting aufgerufen. Nicht jede Webserie ist so interaktiv. Viele drehen einfach ihr Programm ab und stellen dies Folge für Folge ins Internet.

Mehr dazu:

Die besten Webserien - ergänzt sie doch bitte durch eure Lieblingsserien in der Kommentarfunktion

  • Piet-Show: Echtes Leben oder Drehbuch? Diese Webserie begann ihre Karriere auf Studi-VZ. Am 20. Oktober kommt die zweite Staffel

  • Moabit Vice: Persiflage auf die Kultserie der 80er Miami Vice. Spielt in Berlin, im Büro, im Reichstag und im HipHop-Millieu

  • Web-Therapy (englisch): Lisa Kudrow, bekannt aus der US-Serie „Friends“, therapiert Anrufer online – und das in nur dreiminütigen Sitzungen

  • Prom Queen: Amerikanische Highschoolserie, die viel von American Pie hat – aber das ganze mit mörderischen Mysterie-Elementen verbindet. Sterben soll die Königin des Abschlussballs

  • Sex and Zazaki: Über den ganz normalen Alltagswahnsinn von jungen Männern in Köln – das Gegengewicht zu Sex and the City. Hoffentlich gibt es bald die versprochene Fortsetzung

  • ChadVader-Day Shift Manager (englisch): Kein Herrscher des Universum, sonder nur des Supermarktes – kein Wunder, dass niemand Chad Vaders Superkräfte und seine Mission ernst nimmt. Schöne Darth Vader Persiflage

  • Zeit der Entscheidung - die Wahl-Soap: Auch nach der Bundestagswahl noch einen Blick wert: Hier kann man den Fortgang der Serie selbst bestimmen, indem man sich für eine Partei und ihr Programm entscheidet. Erstaunlich viele deutsche Fernsehsternchen spielen mit