Fernbeziehungen: Was nützt die Liebe in Gedanken?

Kathrin Aldenhoff & Davidis Stickel

Ein Auslandssemester in Barcelona, ein Praktikum in Berlin – und ausgerechnet in der Ferne wartet die große Liebe. In eine Fernbeziehung rutscht man schnell, aber hat die Liebe auf Distanz überhaupt eine Chance? Wie kann es auf Dauer klappen? Kathrin Aldenhoff und Davidis Stickel haben Geschichten gesammelt von Menschen, deren große Liebe weit weg wohnt.



Partnerschaft auf Distanz als „Trainingslager für die Liebe“

Der Koffer steht in Hörsaal 1221, neben der Tür. Bereit für die Fahrt. Nur langsam bewegen sich die Zeiger der großen Uhr über dem Eingang. Endlos scheint ihm die Vorlesung, in Gedanken ist er schon bei ihr.



Seit September vergangenen Jahres führt Till (Foto oben) eine Fernbeziehung; 78 Kilometer trennen ihn von Lena. Eineinhalb Stunden Zugfahrt. In Waldshut-Tiengen wohnt die 25-Jährige, dort haben sie sich auf einem Festival getroffen. Till ist ebenfalls 25 Jahre alt, lebt in Freiburg und hat gerade sein Bachelor-Studium beendet. Seine Freundin und er sehen sich ungefähr alle zwei Wochen. „Wer wen besucht, hängt davon ab, wer gerade mehr Zeit hat.“ Wenn sie sich sehen, dann mindestens drei Tage am Stück. „Die Tage will man dann intensiv nutzen und ist darauf aus, dass es bestmöglich läuft.“

Peter Wendl nennt das den Weihnachtseffekt. „Alles was wir besonders harmonisch gestalten wollen, wird emotional überfrachtet und es wird dann oft besonders viel gestritten.“ Der promovierte Theologe beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Beziehung auf Distanz. Das Gefühl, die wenige Zeit, die man hat, nutzen zu wollen, belaste die Partner und führe paradoxerweise besonders oft zu Konflikten.

Streit gibt es zwischen Till und Lena selten. Manchmal aber wird ihm das Wechselspiel aus Distanz und intensiver Nähe zu viel: „Mir fällt es schwer, mich vier oder fünf Tage nur auf meine Freundin zu konzentrieren.“ Gleichzeitig stört es ihn, dass er vom Alltag seiner Freundin nur wenig mitbekommt, ihre Freunde noch nicht so gut kennt. Die beiden telefonieren ein bis zweimal die Woche, schreiben sich täglich eMails und SMS; ersetzen kann das die körperliche Nähe nicht.

„Mit der Kommunikation steht und fällt alles“, sagt Wendl. Sie ist eine der Säulen einer Fernbeziehung. Neben Liebe, erfüllter Sexualität – die eine Frage der Qualität, nicht der Quantität sei – sowie Geborgenheit und Vertrauen.

Für Till ist es wichtig zu wissen, dass aus der Fernbeziehung langfristig eine normale Beziehung wird. Seinen Master wird er die nächsten zwei Jahre in Freiburg machen. Lena dagegen hat ihre Ausbildung als Modedesignerin schon im Sommer beendet. Sie hat vor, sich im Raum Freiburg einen Job zu suchen. Ob das klappt, ist noch nicht sicher. Till hofft, dass die Entfernung zwischen ihnen kleiner wird: „Es muss nicht unbedingt direkt in der gleichen Straße sein, aber es wäre schon schön, wenn es so nah wie möglich wäre.“

Mindestens jede siebte Beziehung in Deutschland ist laut Peter Wendl eine Distanzbeziehung. Gründe dafür sind vor allem bei Jüngeren oft die im Berufsleben geforderte Flexibilität und Mobilität. Eine Generation Praktikum sucht nach der großen Karriere und will dennoch nicht auf die Liebe verzichten. 25 Prozent der Akademiker führen oft über Jahre hinweg eine Fernbeziehung.

Das kann nur gelingen, wenn beide Partner einen erfüllenden Alltag alleine haben. „Wenn jemand nur eifersüchtig ist und eigentlich hofft, dass der andere leidet, wenn ich nicht da bin, dann wird das sehr bald ein Problem für die Beziehung werden.“ Außerdem muss das Paar mittelfristig eine gemeinsame Perspektive haben, also zum Beispiel einen Urlaub oder das Zusammenziehen.

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Fernbeziehungen sind keine Frage des Alters

Für Mechthild und Ulrich Ernst gab es diese Perspektive. Nach Monaten der Fernbeziehung zwischen Frankfurt am Main und Freiburg, ließen sie sich in der badischen Stadt nieder. Das war vor mehr als 20 Jahren. Sonnige Tage folgten. Beide arbeiteten und gründeten eine Familie.

Im Zuge der Dot-Com-Krise ging Ulrichs Arbeitgeber in Insolvenz und er war plötzlich arbeitslos. In Freiburg fand der damals 45-Jährige keine Stelle. Wohl aber im 100 Kilometer entfernten Radolfzell. „Es gab nichts in Freiburg. Es war die einzige Möglichkeit, wieder zu arbeiten.“ Ulrich nimmt den Job an. Zum täglichen Pendeln ist die Distanz zu groß und einen Umzug schließen sie nach kurzer Überlegung aus. Nicht zuletzt wegen der Kinder.



Ein Ortswechsel hätte den damals 16-jährigen Sohn und seine zwei Jahre jüngere Schwester aus ihrem sozialen Umfeld gerissen. So bleibt der Familienwohnsitz in Freiburg und Ulrich nimmt sich unter der Woche ein Zimmer in Radolfzell.

„Wenn die Kinder kleiner gewesen wären, wären wir umgezogen“ sagt Mechthild. Auch Ulrich hätte sich in dem Fall nicht von den Kindern getrennt. Besonders für kleine Kinder ist die räumliche und zeitliche Trennung schwer. Sie verstehen die Gründe nicht. Peter Wendel kennt die Bedenken der Eltern. „Bei längeren Trennungen haben sie Angst, dass das Kind sich entfremdet und später keine Beziehung zum jeweiligen Elternteil aufbaut.“

Ulrich telefoniert mehrmals täglich mit seiner Familie. Trotzdem bleiben Kleinigkeiten auf der Strecke. „Alltäglichkeiten, die man beim gemeinsamen Essen so plappert, fallen für mich weg“, sagt Ulrich. Zweisamkeit, Kontakt zu Freunden und der Alltag: Alles konzentriert sich aufs Wochenende. Die Spontaneität geht verloren, dafür sind Rituale gewachsen: gemeinsames Kaffeetrinken bei seiner Ankunft, ein Spaziergang am Sonntag. Vor Konflikten schrecken sie nicht zurück. „Es wäre ein Fehler, das Wochenende zu idealisieren.“ Dessen ist sich der Familienvater bewusst.

Während Ulrich in Radolfzell mehr Raum für sich bleibt, ist es Mechthild, die unmittelbar für die Kinder da ist. „Läuft der Alltag gut, ist es kein Thema.“ Treten dagegen Probleme auf, wünscht sich Mechthild häufig, ihr Mann wäre da und sie nicht allein für alles zuständig. „So bin ich immer der einzige Mülleimer.“

Bald sind die Kinder aus dem Haus. Langfristig sollen das private und berufliche  Umfeld wieder an einem Ort vereint werden. Doch Mechthild arbeitet als Erzieherin in einem Internat für schwerhörige und gehörlose Jugendliche. „Das einfach aufzugeben, würde mir schwer fallen.“ Bis eine Lösung gefunden ist, wird weiterhin freitags Kaffee getrunken.



Sicher war es nicht nur die Distanz, aber.

Eigentlich war es bereits klar. „Der Abschied im Morgengrauen in Lüneburg, als sie mich zum Zug brachte, war schon sehr verhalten und kühl“, erinnert sich Fabian und kehrt in Gedanken zu jenem Dienstag im Dezember zurück. Er sollte Recht behalten. Nach einer neutralen, belanglosen SMS und Tagen des Schweigens flatterte schließlich das bereits erwartete Schriftstück in den Briefkasten des 21-jährigen Studenten aus Freiburg. Die Beziehung war zu Ende.

Begonnen hatte alles im sonnigen Italien. Fabian machte seinen Zivildienst im Ausland. Statt in eine Italienerin verliebte er sich in eine Deutsche, die den Sommer über im gleichen Gästehaus als Volontärin arbeitete. Der Herbst rückte näher, ein gemeinsamer Alltag in die Ferne.

Für Fabian ging es zum Studieren nach Freiburg und die 18-Jährige kehrte in die Schule nach Lüneburg zurück. Alle zwei bis drei Wochen trat meist Fabian die Reise durch die Republik an. Freunde erklärten ihn für bescheuert. „Es war schon ein bisschen stressig, aber in dem Moment hat es mir nichts ausgemacht.“

Doch die Entfernung machte sich bemerkbar. Sie überlegte, ihr Abitur in Freiburg zu machen, verwarf die Idee wieder. Von der gemeinsamen Zeit erwartete man viel. Überhöhte Ansprüche belasteten die Wochenenden. Die Distanz und das Unwissen über das Leben des anderen machten Fabian eifersüchtig. Eine Tatsache, die er nicht verbergen konnte. „Meine Eifersucht hat sie bedrängt.“ Es klingt paradox: In Fernbeziehungen besteht trotz der Distanz die Gefahr, den anderen einzuengen.

Nach der Trennung wird die Distanz zum Vorteil. Die beiden laufen sich nicht über den Weg. Sie sind einen Alltag ohne den anderen gewohnt. Sie haben ein eigenständiges Leben. Trotzdem leiden sie nicht minder. Nämlich dann, wenn der Zeitpunkt naht, an dem man sich wiedergesehen hätte. Wenn gemeinsam geschmiedete Zukunftspläne verfallen. Und dennoch würde Fabian wieder eine Fernbeziehung eingehen: „Wenn ich mich verliebe kann ich nicht sagen, tut mir Leid, du wohnst in Berlin.“ Und dann steht wieder ein Koffer im Hörsaal.



Wie kann die Fernliebe gelingen?

Wie kann es langfristig mit der Liebe auf Distanz klappen? Peter Wendl hat einige Tipps parat:
  • Kommunikation: Lernt, Konflikte nicht auszusparen oder aufzuschieben: Streitet auch am Telefon, um das Wiedersehen nicht mit alten Problemen zu belasten.
  • Schreibt! Und zwar Briefe und Postkarten, sie sind dauerhafter als eMails und SMS. So lasst ihr den anderen an eurem Alltag teilhaben.
  • Das gemeinsame Wiedersehen nicht mit zu hohen Erwartungen überfrachten, Streit gehört auch in einer Fernbeziehung dazu.
  • Bei einer Wochenendbeziehung: Legt alle sechs Wochen ein langes Wochenende ein, um eurer Beziehung mehr Zeit und Raum zu geben.
  • Findet eigene Rituale: Das können banale Dinge sein, z.B. ein Spaziergang, um sich nach der Trennung wieder näherzukommen.
  • Gebt den Wochenenden Struktur: Verbringt zum Beispiel immer am ersten Wochenende des Monats den Samstagabend mit gemeinsamen Freunden, am zweiten Wochenende nehmt euch nur Zeit für euch beide. Das schafft eine emotionale Entlastung.
  • Abschied: Macht euch klar, dass es kein Abschied für immer ist. Vermeidet es, den ganzen Sonntag „zu trauern“.

Personalien

Dr. Peter Wendl ist wissenschaftlicher Projektleiter am Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Als Projektleiter der Kooperation mit der deutschen Katholischen Militärseelsorge entwickelt er am ZFG wissenschaftliche und praktische Initiativen für das Gelingen von Fernbeziehungen vor, während und nach den vorübergehenden Trennungen. Er ist Autor des Buches „Gelingende Fern-Beziehung. Entfernt zusammen wachsen" (Verlag Herder).

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