Fernbeziehung extrem: Wie hält man die Liebe über große Entfernungen frisch?

Anna-Lena Zehendner

In Deutschland steigen am Wochenende regelmäßig tausende Menschen in den Zug oder ins Auto, um zu ihrem Schatz in der Ferne zu gelangen. Mehrere Stunden Fahrt werden in Kauf genommen. Diese Regelmäßigkeit kann bei einer extremen Fernbeziehung oft nicht eingehalten werden. fudder-Mitarbeiterin Anna-Lena Zehendner hat mit drei jungen Frauen gesprochen, die ihr Leben mit einer extremen Fernbeziehung meistern müssen oder bereits gemeistert haben.



Hotelfachfrau Mareike Wehrs, 24 Jahre, sieht ihren Freund Steven lediglich alle paar Wochen, manchmal auch erst nach Monaten. Oft wissen beide nach einem erneuten Abschied überhaupt nicht, wann sie sich das nächste Mal wiedersehen. „Jeder Tag, jede Nacht ohne Steven ist eine Qual“, sagt sie. „Ich habe einen Teddy und sein Lieblings-Shirt bei mir zu Hause. Alles riecht nach ihm. Das ist einerseits total schön, andererseits furchtbar.“


Statt Shirt und Bär, sehnt sich Mareike täglich nach dem Original. Kennen- und liebengelernt haben sich die beiden 2007 beim Arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff. Steven, 29 Jahre, kommt ursprünglich aus Lima. Nach vier Monaten war Mareikes Zeit auf dem Schiff schon wieder vorbei. Steven arbeitet noch heute als Winetender dort. „Das Gute ist, dass die Schiffsrouten immer Jahre im Voraus feststehen. So können wir beide unsere Treffen immerhin besser planen“, sagt Mareike. „Oft nehme ich zehn Stunden Fahrt in Kauf, um Steven nur für ein paar Stunden zu sehen.“ Denn das Kreuzfahrtschiff bleibt nur tagsüber im Hafen. Die Kosten für diese aufwändigen Treffen teilen sich die beiden Verliebten. Trotzdem geht ihre Beziehung sehr ins Geld.


[Steven und Mareike]

Lange Reisen und stundenlange Ferngespräche bringen das Konto schnell in die roten Zahlen. Doch diese Opfer muss man bei einer extremen Fernbeziehung bringen. Das meint auch die Journalistin Christine Koller, die sich für ihr Buch „Liebe auf Distanz. Fernbeziehungen – und wie man sie meistert“, intensiv mit diesem Thema beschäftigt hat. „Sich so oft wie möglich zu sehen und immer zu bestimmten Zeiten zu telefonieren, ist sehr wichtig“, sagt Koller. „Das Telefonieren ist schließlich, gerade bei extremen Fernbeziehungen, ein stark verbindendes Band.“

Lehrerin Julia Zehendner, 29 Jahre, kennt das Problem mit den hohen Telefonrechnungen und den noch teureren Reisekosten. Sie hat sechs Jahre lang eine Fernbeziehung zwischen Freiburg und New York geführt. Kennengelernt hatte Julia ihren Freund Benjie, 28 Jahre, 2003 bei einem Auslandssemester in Nottingham. „Während unserer Studienzeit haben wir uns natürlich immer in den Semesterferien für ganze zwei Monate sehen können“, erzählt sie. Die Situation wurde jedoch wesentlich schwieriger, als Benjie in New York einen Job als Grafikdesigner fand und Julia mitten in ihrem Referendariat war.

Zu den Distanzschwierigkeiten gesellte sich, vor allem am Anfang ihrer Beziehung, ein weiteres Problem. Julia erinnert sich: „Das Schlimmste war, dass keiner – weder Freunde, noch Familie – daran geglaubt hat, dass diese Beziehung etwas Ernstes ist und Benjie und ich tatsächlich eine gemeinsame Zukunft haben werden.“ Andere von der eigenen Beziehung überzeugen und sich ständig dafür rechtfertigen müssen, zehrt am ohnehin schon dünnen Nervenkostüm.


[Julia und Benjie]

Noch viele weitere Stolpersteine stellen sich einem bei einer Fernbeziehung in den Weg. „Selbst wenn ich um sechs Uhr Frühdienst habe, telefonieren Steven und ich Nachts oft bis um vier Uhr“, sagt Mareike. „Man vernachlässigt dadurch aber nicht nur seine Arbeit, sondern sein komplettes soziales Umfeld.“ Der ganze Alltag wird nach der Beziehung gerichtet. Man sehnt sich ständig nach dem nächsten Treffen, dem nächsten Telefonat oder sitzt die meiste Zeit am Computer, um E-Mails zu schreiben oder sich wenigstens über Skype via Kamera zu sehen. Trotz tausender Kilometer Entfernung ständig auf der Suche nach gemeinsamer Nähe. Dadurch werden Freunde und Familie oft vernachlässigt. „Man lebt wie in einer Blase“, sagt Julia.

Auch das Thema Vertrauen ist einer dieser Stolpersteine. „Am Telefon musste man dem anderen immer genau erklären, wo man gerade mit wem ist. Wenn Benjie oder ich die Personen nicht kannte, gab es oft Misstrauen.“ Nicht selten kommt es dadurch zum Streit. „Übers Telefon zu streiten ist schrecklich“, sagt die junge Lehrerin. „Noch viel schlimmer ist es, wenn man sich wieder versöhnt und sich dabei nicht in den Arm nehmen kann.“ 

Auch Alice Gallego Martinez, 26 Jahre, kennt die Probleme einer extremen Fernbeziehung nur zu gut. Während einer Backpackertour lernte die Krankenschwester im November 2008 Brendan, 26 Jahre, aus Australien kennen. „Wir haben uns in einem Hostel in Madrid kennengelernt. Er hat mich angesprochen, wir sind etwas trinken gegangen und bis 7 Uhr morgens gemeinsam durch die Stadt gelaufen“, erinnert sich Alice. Gleich an diesem Morgen trennten sich ihre Wege bereits wieder, denn Alice musste zurück nach Freiburg. Es war Liebe auf den ersten Blick. Während Brendan mit seinem „around the world“-Ticket weiter nach Schottland reiste, wurden zahlreiche Mails ausgetauscht, Telefonate geführt und man vereinbarte gemeinsame Treffpunkte in Schottland, später in London und letztlich in Freiburg.

Im Januar 2010 setzten die beiden ihrer Fernbeziehung ein Ende. „Ich fand es furchtbar schwierig eine Fernbeziehung zu führen, da man so viel vom Leben des anderen verpasst“, sagt Alice. „Man kann nicht für einander da sein und sich im Alltag unterstützen. Das Schlimmste war immer der erste Tag nachdem man sich verabschieden musste.“ Verabschiedet hat sich Alice inzwischen von ihrer Heimat Freiburg und ihrer Familie. Zusammen mit Brendan lebt sie seit Anfang des Jahres auf einer Farm in Australien.


[Alice und Brendan]

Entgegen aller Befürchtungen von Freunden und Familie haben auch Julia und Benjie allen gezeigt, dass ihre Beziehung funktionieren kann. „Einen gemeinsamen Schlachtplan auszuarbeiten, um eine gemeinsame Zukunft an einem Ort zu starten, ist wohl die beste Methode eine Fernbeziehung zu meistern“, sagt auch Christine Koller. Seit Januar 2010 ist Benjie bei Julia in Stuttgart. Jedoch hat er vorerst nur ein einjähriges Sprachvisum. Es bleiben die Zukunftsängste. „Benjie ist komplett aus seinem gewohnten Alltag ausgebrochen, das belastet auch mich sehr. Ständig frage ich mich, ob er hier glücklich ist und jemals einen Job als Grafikdesigner finden wird.“

Auch Mareike und Steven arbeiten an einem Schlachtplan für ihre gemeinsame Zukunft. Vor drei Wochen haben sie sich zuletzt gesehen. Keiner weiß, wann es das nächste Wiedersehen geben wird. Die beiden sind sich einig: So geht es nicht weiter. „Steven hat gerade noch einmal seinen letzten Halbjahres-Vertrag auf dem Schiff unterschrieben. Im März 2011 ist daher endlich Land in Sicht. Der Plan ist, dass entweder Steven erst einmal für drei Monate zu mir nach Deutschland kommt oder ich gehe mit ihm zu seiner Familie nach Peru.“