Fenstersturz und Kupplungsschaden

Dirk Philippi

Der klassische "La Boum"-Videoabend mit Freunden war für 80er-Jahre-Kids, was Singlebörsen für Lara-Croft-Jünger. Als Vic und Mathieu sich bei Poupettes Fete näher kamen, rutschten auch vor dem Videorekorder alle etwas näher zusammen - außer es kam gar nicht erst zum Kuschelglotzen. Eine Anekdote über gescheitertes Kuppeln und Freunde, die niemand braucht.



„Öffnet man die Tore Zu seinen geheimsten Begierden So öffnet man unter Umständen Höllentore, die sich nur schwerlich schließen lassen“


Pinhead (aus: Hellraiser)

Es war kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag. Die Pubertät führte Bürgerkrieg und die Pickel strahlten prall und saftig. Während ich noch überlegte, ob deutsche Mädchen wohl auch so küssen können wie Elizabetta, fingen meine Freunde bereits an, sich von ihren Freundinnen wieder zu trennen. Leben ohne Druck sah anders aus. Überall verschwanden Hände unter Kleidungsstücken, mein bis dahin bester Kumpel hatte sich den Beinamen "Erector" gegeben und Jan, der neureiche Kotzbrocken, mit Anne, so erzählte es jedenfalls Martin, der es von Karin hörte, die ja immerhin bis letztes Jahr in der gleichen Straße wie Anne gewohnt hatte, angeblich schon mal Petting gehabt. Petting? Kannte ich nicht, aber in Knaurs-Kinder-Lexikon stand was von Liebkosen der erogenen Zonen. Also genau das, auf was Daisy und Minnie bei Donald und Mickey noch heute warten, schließlich hat keiner meiner geschlechtslosen Freizeithelden einen Pimmel! Aber das ist ein anderes Thema und beruhigte mich schon damals mitnichten.



Eine ganze Generation lechzte nach libidinöser Kernspaltung und ich lief schon seit Wochen durch die Stadt wie Kater Karlo, der den Geruch von Essen näselt. Bevor ich aber überhaupt eine Chance hatte, den Tisch zu decken, wurde mir die Mahlzeit quasi in den Mund gelegt. Und: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es auf Erden definitiv nichts Peinlicheres gibt als "gute Freunde, die es nur gut mit einem meinen" ("Ich dachte, Du würdest Dich freuen, wenn ich Deine Ex auch auf die Party einlade" - "Ach, Dein Vater wusste nicht, dass Du rauchst?"). Schwärzer geht´s nur noch, wenn Beckstein und Schill Rothko imitieren oder die "guten Freunde" aus ungutem Grund versuchen, Dich mit einer in ihren Augen gut genugen Frau zu verkuppeln. Ein Desaster!

Szenerie: Drei pubertierende Möchtegerns, im Charakter noch mehr Arschloch als Weltversteher, sitzen im Zimmer eines Mädchens. Das Mädchen serviert Martini. Dramaturgisches Drübergekritzel: Nein, kein Martini - Vodka. Ne, auch kein Vodka. Eistee. Genau: Eistee war´s. Das Mädchen soll Dirks erste Freundin werden - so jedenfalls haben es die "guten Freunde" entschieden. Aus den Boxen kommt warme Luft: Boy George singt von Tieren. Der Videorekorder glüht vor, die Chips knistern und die Stimmung ist angespannt. Um genauer zu sein: Wenn man den Jungs ein Stück Kohle in den Hintern gedrückt hätte, könnten sie jetzt mit drei prächtigen Diamanten zu "Lucys Sex-Shop" an die Grenze fahren und eine Ausrüstung fürs Testosteron-Trainingslager ordern. Aber so? Leider fällt kein Vorhang.



Michaela, die mir von einem "guten Freund" zurecht als hübsch und absolut raketentauglich an Herz gelegt wurde, durchschreitet ihre Zimmertüre gefühlte 27 Mal und ist mehr außerhalb des Raumes als in unserer Nähe. Wir liegen auf Sofas, Decken, Betten und das Methadon-Programm für Petting-Abstinenzler läuft an. "Spinnst Du", fauche ich zu Matthias, nachdem der Videovorspann statt der situationsüblichen Schmonzette einen veritablen Schlächterstreifen verspricht. "Oh Hellraiser, schön, der soll ja spannend sein", gickst Michaela, die neben mir Platz nimmt, und ich ahne schon damals, dass Mädchen einfach komplizierter sind als Jungs und dir das, was sie jetzt noch ausdrücklich loben, später zum Vorwurf machen. Oder sollte Michaela doch anders sein? So wie jetzt fühlte ich mich zuletzt, kurz bevor ich im Kinderskikurs einmal den Overall durchgenässt hatte. Kaum hingesessen, verlässt Michaela das Zimmer auch schon wieder Richtung Küche. Ich werde nervös. Was macht sie dort? Mag sie Horrorfilme wirklich? Werden draußen nun die Messer gewetzt? Werden wir alle sterben?

Also meine „guten Freunde“ werden mit Sicherheit nicht sterben, denn diese springen mit einem feist grinsenden "Na dann mal viel Spaß Euch beiden!" aus dem Fenster in den Vorgarten. Jämmerliches und vor Wut schnaubendes Gezeter hilft nun nicht, im Gegenteil, es lockt Michaela zurück ins Zimmer: "Oh, wir sind alleine? Die sind ja albern. Na ja, dann müssen wir es uns eben alleine recht hübsch machen hier!" - Genau, Du Bestie. Du hast gut reden, aber wie verdammt nochmal. Wie? Keiner meiner Erziehungsbeauftragten hat mir je beigebracht, was ich zu tun habe, wenn ich alleine mit einem Mädchen den Hellraiser-Zenobiten dabei zusehe, wie sie mit unvorstellbaren, sinnlichen Erfahrungen experimentieren. Michaela scheint der Streifen jedenfalls zu inspirieren. Ich übernehme derweil die Transpiration und bin so quicklebendig wie der Gipsabdruck einer ägyptischen Mumie.



Michaelas Kopf wandert an meine Schulter, ich mache nichts - außer schwitzen. Ihre Beine berühren meine Schenkel, ich mache immer noch nichts - außer schwitzen. So wie sie da neben mir sitzt, sieht sie gar nicht mehr so hübsch aus, und sie ist so furchtbar bestimmend. Noch bevor ich das zu Ende denke, mutiert ihr Mund von einem kleinen u zu einem riesigen O und ihre Zunge versucht mich zu erwürgen. Ich springe auf und rette mich ins Bad. Dort, von Angesicht zu Angesicht mit einer rosa Klofußumpuschelung, fällt der Entschluss zu gehen: Drauf geschissen! Meine erste Freundin will ich mir schon selbst aussuchen, schließlich bin ich noch kein Fall für UNICEF! Nichts gegen Emanzipation, aber wenn ich nicht einmal mitbestimmen darf, wann und wo mich jemand in die Geheimnisse des Liebkosens erogener Zonen einführt, dann könnte ich ja gleich zu und mit meinem Vater gehen! Zurück im Zimmer täusche ich Bauchschmerzen an, laufe zur Außenlinie und als sich Michaela zum Tee kochen opfert, springe ich per Übersteiger aus dem Fenster. "Wer flüchtet, stirbt!", raunzt es noch aus der Glotze, als ich aber schon wieder in Sicherheit bin.

Am nächsten Morgen fangen mich die "guten Freunde" vor meiner Haustüre ab: "Und wie war es? Durftest Du? War sie heiß?" - "Nein, ich durfte nicht, aber ich hab es getan!". Eine andere Antwort hätten sie ohnehin nicht akzeptiert und irgendwie war es ja auch nicht gelogen.

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