Fear Factory im Theater Freiburg: Junge Menschen zwischen Karriereplanung und Selbstentfaltung

Frank Zimmermann

Welche Lebensentwürfe, Pläne und Ängste hat man in der Schule? Wie verändern sie sich, wenn man eine Ausbildung macht, studiert und ins Berufsleben einsteigt? 16 junge Menschen – die meisten davon Studierende – haben sich am Theater Freiburg in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv mit diesen Fragen beschäftigt – und daraus das Theaterstück "Fear Factory" gemacht. Vier von ihnen erzählen von ihren Plänen, Wünschen und Bedenken.



Camille Sprenger, 23 Jahre

Ich habe ein sehr gutes Abitur gemacht und mich für alles Mögliche beworben – vom Lehramts- und Jurastudium bis hin zum Fach Medizin. Ich hatte auch für all diese Fächer eine Zusage. Meine Eltern fanden das super: "Schon wieder eine Zusage." Sie haben immer gesagt, dass ich machen soll, was ich will.

Mich haben meine Wurzeln interessiert – meine Mutter ist Französin, mein Vater Deutscher. Im Endeffekt habe ich mich deshalb für das Fach Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Uni Freiburg entschieden; ich werde einen Master habe, der in Deutschland und Frankreich anerkannt ist. Ich möchte in der deutsch-französischen Zusammenarbeit arbeiten. Mein absoluter Wunsch wäre, bei Arte oder beim deutsch-französischen Jugendwerk zu arbeiten.



Inzwischen habe ich aber auch große Zweifel, denn ich werde sehr jung sein, wenn ich mit dem Studium fertig bin, gerade mal 24. Mich schreckt ab, dass ich dann ein fertiger Mensch sein, geregelt arbeiten und komplett für mich selbst verantwortlich sein soll. Viel lieber würde ich mal ein Jahr lang Theater spielen.

Dagegen spricht aber, dass meine Eltern das finanzieren müssten. Natürlich würde ich irgendwie durchkommen, aber dann denke ich auch: Je jünger ich bin, desto besser komme ich bei meinen potenziellen Arbeitgebern an. Und: Ich muss so früh wie möglich in die Arbeitswelt. Mir hat es schon immer gefallen, gut zu sein und viel zu arbeiten, das hat mich immer sehr ausgefüllt. So werde ich nächstes Jahr wohl doch Bewerbungen an Firmen schreiben.

Ole Seutter, 23 Jahre

Als Jugendlicher hatte ich keinen konkreten Plan, was ich werden will, auch später habe ich nie wirklich einen entwickelt. Nach dem Abi bin ich deshalb erst einmal für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Frankreich, in die Nähe von Montpellier, in eine alternative Kommune gegangen. Dort habe ich eine andere Art zu leben kennen gelernt – ein sehr einfaches Leben mit spirituellem Hintergrund. Danach wusste ich aber immer noch nicht, was ich machen soll.

Ein Freund, der mit dem Rad unterwegs nach Neuseeland war, hat mich angerufen und gefragt, ob ich ihn nicht in China besuchen wolle. Also bin ich nach China geflogen, habe mir ein Rad gekauft und bin nach Bangkok gefahren.

"Ich bin das schwarze Schaf in der Familie"

Danach – ich war inzwischen 21 – wusste ich aber immer noch nicht, was ich machen will. Ich habe ein Praktikum bei einem Bootsbauer gemacht, mich aber fürs Studieren entschieden und mich für verschiedene Fächer beworben. Erst wollte ich International Economics in Tübingen studieren, dann bin ich bei Francomedia in Freiburg gelandet, erst mit VWL im Nebenfach, inzwischen habe ich zu Islamwissenschaft gewechselt.

Ich habe festgestellt, dass mich Kulturwissenschaften am meisten interessieren, dabei habe ich gedacht, ich wäre naturwissenschaftlich orientiert, denn von zu Hause ist mir immer mitgegeben worden: "Ole, du wirst Ingenieur".



Ich bin das schwarze Schaf in der Familie, alle sind Lehrer und Ärzte. Mein Onkel hat mir gesagt, dass ich erst den Arbeitsmarkt anschauen muss, um zu sehen, welche Berufe in zehn Jahren gesucht werden. Daran müsste ich mich bei der Fächerwahl orientieren. Aber das ist nicht meine Herangehensweise Ich habe ein Problem mit dem ganzen Geplane, das geht mir gegen den Strich. Ich sehe das entspannt – zumindest will ich es entspannt sehen.

Wie es nach dem Studium weitergeht? Ich weiß es nicht. Die meisten Berufe sind nichts für mich. Schriftsteller wäre passend – eine Gesellschaft von außen zu betrachten, das geht entweder als Wissenschaftler oder als Schriftsteller. Auch ein einfaches Kommunenleben könnte ich mir vorstellen.

Lena Bockholt, 31 Jahre

In meiner Schulzeit war Lehrerin nie mein größter Traum. Ich konnte mir zwar immer vorstellen, mit Menschen zu arbeiten, sie zu beobachten und sich in sie hineinzuversetzen. Aber ich konnte das nie an einem Beruf festmachen. So habe ich nach dem Abi ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung gemacht und dort auch gewohnt. Das war ein tolles Jahr – ich stand überraschend schnell in der Verantwortung und habe gemerkt, dass mir das sehr viel Spaß macht.

An diesem Berufswunsch habe ich mein ganzes Studium über nicht mehr gezweifelt – es hat einfach gepasst. Im Nachhinein finde ich das erstaunlich. Im Referendariat ist mir dann bewusst geworden, was diesen Job eigentlich ausmacht. Da bin ich erstmals an meine Belastungsgrenze gekommen – ich stand permanent unter Beobachtung, musste ständig Leistung bringen und stand unter dem Druck, besonders kreativ sein zu müssen.



In Schule und Studium hatte man immer einen Plan. Als ich im Beruf angekommen war, habe ich mir dann die Frage gestellt: "Habe ich darauf die ganze Zeit hingearbeitet habe?" Angst gemacht hat mir, zu wissen, wie mein Alltag von Montag bis Freitag aussieht. Alles war vorhersehbar, ich war in festen Strukturen gefangen, nichts konnte mehr spontan sein, mein Stundenplan stand Monate im Voraus fest.
Inzwischen bin ich knapp vier Jahre im Berufsleben, ich arbeite als Sonderschullehrerin an der Maria-Montessori-Realschule in der Wiehre. Struktur macht mir heute keine Angst mehr, im Gegenteil: Sie tut mir total gut. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass es immer so bleiben wird bis zum Rentenalter. Ich finde es beruhigend, dass es zum Beispiel die Möglichkeit gibt, ins Ausland zu gehen oder auch mal ein Sabbatjahr einzulegen.

Veronika Feist, 25 Jahre

In der Schule habe ich nicht gewusst, was ich werden will, ich hatte immer viel zu viele Interessen und den Wunsch, mich auszuleben und selbst zu verwirklichen – und glücklich zu sein. Nach der Schule habe ich dann erst einmal ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht, um mir überlegen zu können, was ich danach machen will. Aber ich habe mir in dem Jahr null Gedanken darüber gemacht.

Danach kam es wie ein Hammer: Als ich mich entscheiden sollte, hatte ich tränenreiche Gespräche mit meinen Eltern, in denen ich nur da saß und gesagt habe: "Aber wenn ich doch nicht weiß, was ich machen will..." Da kam dann immer: "Dann versuch doch mal was…"

Ich bin jetzt fast fertig mit meinem Studium der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule. Von Anfang an war mir klar, dass das nicht der Beruf sein wird, den ich ausüben werde. Ich ziehe das Studium jetzt aber durch – es kann nicht schaden. Ich hatte zuvor schon ein Studium der Theaterwissenschaften abgebrochen – das war zu theoretisch. Ich habe eine Regie-, eine Bühnen- und eine Kostümbildhospitanz gemacht und war am Jungen Theater. Ich habe das alles ausprobiert, um mir darüber klar zu werden, ob Theater mein Ding ist.

"Ich habe diesen Weg gebraucht"

Im Sommer, nach Ende meines Studiums, will ich nun das machen, worauf ich Lust habe: ein kreatives Handwerk lernen. Ich will entweder eine Ausbildung zum Bühnenplastiker oder -schreiner machen, ich habe mich für beides beworben. Das alles klingt ultrachaotisch, aber ich habe diesen Weg gebraucht.

So langsam habe ich das Gefühl, sondiert zu haben, was mir wichtig ist und was nicht. Ich habe den Anspruch, mir treu zu bleiben. Zugleich habe ich aber auch Angst, dass kein Geld in die Kasse kommt. Obwohl, das ist unwahrscheinlich – ich werde schon über die Runden kommen. Ich frage mich oft, ob ich mutiger wäre, wenn ich nicht als Kind diese vermeintliche Sicherheit gehabt hätte.

Mehr dazu:

Was: Fear Factory - Theaterprojekt über Lebensentwürfe und Entscheidungsängste
Wann: Premiere: Samstag, 19. Januar 2013, 19 Uhr (ausverkauft; weitere Vorstellungen)
Wo: Theater Freiburg, Werkraum
Eintritt: 8 Euro
  • fudder: http://fudder.de titel="">Wie es ist, ein Freiwilliges Soziales Jahr in Kultur zu machen
[Foto 1: Ingo Schneider; Fotos 2 bis 4: Promo]