Faustschläge, Jubel und doppelter Hattrick: "NHL 14" zocken mit EHC-Stürmer Niko Linsenmaier auf der Playstation

Daniel Laufer

EHC-Stürmer Niko Linsenmaier gehört zu den Top-Scorern der Oberliga Süd. Und weil er vom Eishockey nicht genug kriegen kann, zockt er in seiner Freizeit auf der Playstation "NHL 14". Ob Linsenmaier auf der Spielkonsole dasselbe abrufen kann wie auf dem Eis? fudder-Autor Daniel Laufer hat ihn herausgefordert:



Donnerstagnachmittag, 15 Uhr. Es klingelt, und ich öffne die Türe. Im Treppenhaus steht Niko Linsenmaier. Ich habe ihn eingeladen, um mit ihm Eishockey zu spielen. Auf echtem Eis schätze ich meine Chancen als gering ein, deswegen fordere ich ihn auf der Playstation heraus – in „NHL 14“.


Niko kündigt gleich an: „Normalerweise spiele ich mit den St. Louis Blues und den Chicago Blackhawks – die haben die besten Spieler. Patrick Kane zum Beispiel.“ Da muss ich ihn leider enttäuschen: Heute wird daraus nichts. Vor der Saison hat Niko elf Tage bei dem DEL-Team der Grizzly Adams Wolfsburg mittrainiert, deshalb habe ich entschieden: Mit ihnen wird er auch heute spielen.



Die Konsole läuft, nur eines fehlt noch: ein Linsenmaier im Team der Wolfsburger. Sich selbst muss er erst noch erstellen, aber bitte so originalgetreu wie möglich. Schlittschuhe für rund 1000 Euro, der Schläger für schlappe 360 – ein Eishockeyspieler lässt sich nicht lumpen. Beim Geburtsort muss Niko schummeln: Dass in Freiburg Eishockey gespielt wird, weiß die Videospielwelt nicht. Deshalb muss Fribourg in der Schweiz herhalten. Auch beim Style müssen Kompromisse her: Einen Undercut trägt man in der NHL anscheinend nicht, den Ziegenbart erlasse ich ihm großzügig.



Für mich wähle ich die Schwenninger Wild Wings aus (hauptsächlich als Ansporn), und wir starten das Spiel. Blitzlicht von den Rängen, die Nationalhymne ertönt. Mit geschwellter Brust steht die Nummer 9 Nikolas Linsenmaier auf dem Eis der Wolfsburger Arena. Er erzählt mir von seiner Zeit in der VW-Stadt. „Jeden Tag hatten wir zweimal Eis- und zweimal Trockentraining – das war hart. Die bereiten sich schon sehr gut vor und haben es zurecht bis ins Halbfinale geschafft. Ich muss vor allem noch schneller werden. Deren Geschwindigkeit ist sehr hoch.

Noch immer wird spekuliert, ob er nächstes Jahr für Wolfsburg in der DEL spielt – das alles ist aber noch sehr vage. „Der Trainer Pavel Gross wollte sich melden, aber jetzt gab es lange keinen Kontakt mehr.“ Niko hat seinem Agenten sowieso gesagt: Bis zum Saisonende will er nichts von Angeboten wissen.

Unsere Partie beginnt. Niko gibt Gas, ich tue, was ich am besten kann, und spiele destruktiv. Das funktioniert: Mein Gegner foult und erhält Strafzeiten. Die Nummer 9 muss persönlich in die Box. „Schon wieder der Linsenmaier“, beschwert sich der Linsenmaier. „Das ist jetzt schon das zweite Mal!“

Wie es denn mit Freiburg weitergeht, will ich von ihm wissen. „Mit dem Kader könnten wir in der DEL2 im Mittelfeld mitspielen – wenn wir noch gute Ausländer dazu holen. Wenn wir aufsteigen, werden schon ein paar Spieler bleiben.“ Auch er? „In der DEL2 würde ich mir sicherlich Gedanken darüber machen.“ Worte, die bei den Fans Hoffnung wecken dürften. „Ich fühle mich wohl hier. Freiburg ist schließlich meine Heimatstadt!“

Das Spiel ist zerfahren, andauernd Über- und Unterzahl, da kochen die Gemüter über. Mit zwei Faustschlägen fegt Niko meinen Spieler um. Ob er das öfters macht? „Ich kämpfe nie!“, betont er. Nur mit dem Referee, wie vor zwei Jahren bei den Junioren – unfreiwillig. „Ich hatte eine Keilerei mit einem Gegenspieler. Wir wollten uns gegenseitig ins Gesicht schlagen, da ist der Linienrichter auf einmal dazwischen gesprungen. Den habe ich dann im Gesicht getroffen.“ Die folgende Sperre hatte es in sich: Für rund 15 Spiel musste der EHC ohne ihn auskommen.

"Mein Ziel ist die DEL"

Niko macht Druck, kommt meiner Torlinie gleich mehrfach gefährlich nahe. Wie fühlt es sich an, wenn einfach kein Schuss reingehen will – wie am vergangenen Wochenende gegen Kaufbeuren zum Beispiel? „Da verzweifelst du und verlierst echt die Lust. Wenn manche Torhüter ein bis zwei gute Schüsse halten, pusht sie das manchmal und sie haben die nächsten zehn auch noch.“

Die meisten EHC-Spieler arbeiten oder studieren nebenher, Niko hat sich für den Weg des Vollprofis entschieden – auch wenn er den Sprung in die Höherklassigkeit noch vor sich hat. Zu scheitern ist keine Option. „Man kann auch in der zweiten Liga ganz gut verdienen, aber mein Ziel ist die DEL.“ Und danach? „Ich würde es gerne wie Patrick Vozar machen – mit Mitte 30 eine Ausbildung und dann alles ausklingen lassen.“ Manche raten ihm trotzdem, etwas Sicheres zu lernen – jetzt gleich. Das nervt ihn. „Man sollte machen, was einem gefällt“, findet er.

„Ich muss sagen, ich habe dich schlechter erwartet“, meint Niko gönnerhaft. Und ich ihn besser, denke ich mir. Dann macht er das erste Tor. Schütze ist natürlich der Linsenmaier. Ich arbeite noch an meiner Taktik, er legt schon nach. Bis ich meinen ersten Treffer erziele, hat er schon fünf. „Och nee“, lacht Niko, aber es klingt fast tröstend. Sein Polygon-Ebenbild schießt mich aus der Halle und macht mit dem 8:2 den Hattrick voll. Der Linsenmaier kniet hinter dem Tor, hämmert mit der ausgestreckten Faust gegen die Bande und sieht dabei ein bisschen aus wie Christian Bale in American Psycho, während der berüchtigten Spiegel-Szene (er stimmt dem Vergleich zu). Ganz Wolfsburg jubelt ihm zu.



Ob er auch in Freiburg erkannt wird? „Neulich waren in der Straßenbahn zwei Mädchen.“ Niko verstellt die Stimme. „Oh, das ist doch der Linsenmaier!“ Auch in Facebook lässt man ihn nicht mehr in Ruhe. „Am Anfang schreibst du noch nett zurück, aber irgendwann nervt es dich.“ Trotzdem findet er das ok. „Es sind schließlich Fans – die himmeln dich sozusagen an.“ Und die Rockstar-Nummer mit Groupies im Club und allem, was sonst noch so dazugehört – gibt es die auch in der Oberliga? „Manche machen das schon“, sagt Niko – er aber nicht. „Ein Mädchen in der Disco hatte mal gehört, dass ich beim EHC Freiburg spiele. Sie kam an und hat mich gefragt: Was verdienst du denn? Da habe ich gesagt: nichts – und tschüss!“ Eishockey-Spieler zu sein, bringt anscheinend Handicaps mit.

„Deine Hände stinken, wenn du die Handschuhe ausziehst – das ist echt schlimm. Meine Ex-Freundin hatte sich schon beschwert: Fass mich nicht an und wasch deine Hände! Dabei hatte ich doch längst geduscht.“

Es steht 12:3. Sicherheitshalber wechsle ich mal den Torhüter – ein Fehler. Meine Nummer eins war schlecht, meine Nummer zwei hält jetzt wirklich überhaupt nichts mehr. Der Linsenmaier macht den Doppel-Hattrick voll, Wolfsburg flippt aus und ich fühle mich an die Freiburger Regionalliga-Saison erinnert. Ja, in etwa so muss sich das angefühlt haben. Niko kündigt an, jetzt auf die 20 zusteuern zu wollen, ich nehme mir vor, kein zweites Bad Liebenzell zu werden (mit 21:0 der EHC-Vereinsrekord).



Für die Wölfe ist die Hälfte der DEL2-Qualifikationsrunde gespielt. Freiburg steht auf dem vierten Tabellenplatz. „Wir sind alle sehr zuversichtlich, dass wir den Aufstieg schaffen“, erklärt Niko. „Aber auch wenn wir nur fünfter werden, ist es nicht schlimm. Das ist jetzt alles nur eine Zugabe.“

Wie eine Zugabe fühlt sich auch unser Schlussdrittel an. Kurz vor der Sirene fällt das 20:3. Eine Revanche gibt es nicht, der echte Linsenmaier muss weiter – gleich ist Training. Und ich frage mich immer noch, ob ich auf dem echten Eis wohl viel höher verloren hätte.