Fastenbrechen bei den Saticis

Elisabeth Kimmerle

Letzte Woche haben wir Sait Satici gefragt, wie es mit dem Fasten läuft. Auf die Frage, wie das Fastenbrechen in Deutschland ablaufe, hat er Fudder-Autorin Elisabeth zu sich nach Hause eingeladen.



Um 20:43 Uhr kehrt bei den Saticis Ruhe ein. Noch eine Minute bis zum Fastenbrechen. Gizem und Sait sitzen gemeinsam mit ihren Gästen am gedeckten Tisch und diskutieren darüber, wann genau sie beginnen dürfen zu essen - das variiere von Land zu Land. "Muslime in Skandinavien müssen zum Beispiel nicht von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang fasten. Das wäre im Sommer, wenn es dort 16 Stunden hell ist, gar nicht möglich", sagt Isa, der heute abend bei den Saticis eingeladen ist.


Stattdessen richten sich viele skandinavische Muslime nach den Tageszeiten Mekkas. Im Hintergrund läuft der Fernseher - Canal Urfa strahlt traditionelle türkische Volksmusik aus. Der Uhrzeiger rückt eine Ziffer weiter, und am Tisch wird es lebhaft. Der erste Griff der Fastenden gilt dem Wasser und ein paar Datteln, die traditionell das Fastenbrechen einleiten.



Im Ramadan besuchen viele Muslime ihre Nachbarn oder laden Freunde zum Fastenbrechen ein. Der Fastenmonat ist in den muslimischen Ländern ein geselliges Ereignis. "In Istanbul haben heute 40 000 Leute auf der Straße zusammen das Fasten gebrochen. Das Rathaus hat eine zehn Kilometer lange Tafel organisiert, bei der alle Muslime zum Essen geladen waren", erzählt Sait. Überhaupt spüre man überall eine große Hilfsbereitschaft in diesem Monat. "Jeder will für seine Mitmenschen da sein, es entsteht eine tolle Gemeinschaft unter den Fastenden", sagt er.

Seine Frau Gizem tischt unterdessen den ersten Gang auf: eine Linsensuppe. "Dieses Jahr ist es zum Glück nicht so heiß, da fällt es einem leicht, den ganzen Tag nichts zu trinken und zu essen. Aber man ist schneller genervt, wenn man Hunger hat", sagt Gizem und lacht verschmitzt. Sie ist in den USA aufgewachsen und fastet erst, seit sie Sait kennengelernt hat und nach Deutschland gezogen ist. "Ich bin wie eine Amerikanerin aufgewachsen. Meine Eltern sind beide Professoren und haben zwar früher gefastet, aber ansonsten spielte die Religion keine allzu große Rolle in meiner Familie."



Der Grundgedanke des Fastens sei es, einen Monat im Jahr zu erfahren, was es heißt, hungrig zu sein. "Überall auf der Welt leiden Menschen Hunger. Wer fastet, versteht die Situation der Armen besser und hilft ihnen eher", erklärt Sait. Für die Bedürftigen gibt es in der Türkei "Iftar"-Zelte, in denen sie kostenlos Essen bekommen. Auch viele Restaurants haben spezielle Ramadan-Menüs im Sonderangebot. "Ich erinnere mich heute noch daran, wie wir als Schüler keinen Pfennig in der Tasche hatten und trotzdem jeden Abend im Restaurant gegessen haben," sagt Sait.
Heute hat er für seine Gäste groß aufgekocht. Die Linsensuppe ist kaum ausgelöffelt, da stehen schon Teller mit Reis, Gemüse und Köfte auf dem Tisch. Zum Abschluss gibt es Schwarztee und Süßes, das hält satt bis zum nächtlichen Frühstück um drei Uhr.

Das Fastenbrechen hat inzwischen das mediale Interesse geweckt, viele Politiker nutzen es als politische Bühne. Der Privatsender RTL blendet während des Ramadans die Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangszeiten ein. Trotz der breiten Öffentlichkeit, die der Fastenmonat in letzter Zeit erlangt hat, bleiben bei vielen Deutschen die Vorurteile bestehen. "Das größte Problem ist die Ignoranz", sagt Sait. "Wenn man etwas nicht kennt, hat man Angst davor. Man muss sich auf andere einlassen, um seine Vorurteile abzubauen. Jeder mag verschiedene Ansichten haben, aber im Endeffekt sind wir doch alle Menschen."

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