Fast eine ganz normale WG

Meike Riebau

Das sind Senta Pfistner, Christine Aleker, Sarah Striegel und Christine Steffen (von links). Sie leben zusammen in einer Wohngemeinschaft für behinderte und nichtbehinderte Menschen. Meike hat sie zwei Mal in der Wiehre besucht und gefragt, wie gut das funktioniert.



Der erste Besuch

Man meint, im Flur die frische Farbe zu riechen, die Wände sind noch strahlend weiß. Kaum ein Poster oder Bild, alles noch ein wenig nüchtern. Eine sanierte und ausgebaute, nun doppelstöckige Altbauwohnung hat die Caritas für das Projekt bekommen, in der Wiehre, in unmittelbarer Nähe von Einkaufszentrum, Bahnhaltestelle und Dreisam.

Zur Begrüßung gibt es eine riesige Kaffeetafel auf dem runden Tisch im Flur, der die Schaltzentrale der WG darstellt – von hier gehen sämtliche Zimmer ab, hier trifft man sich.



Die Stimmung ist gut unter den Mitbewohnerinnen, auch wenn man merkt, dass sich alle noch in der Phase des Herantastens befinden. Die Vierte im Bunde ist noch gar nicht eingezogen, und so erzählen die anderen drei von den ersten Wochen des Zusammenlebens: vom ersten gemeinsamen Kochen, vom ersten Krach und der geplanten Einzugsparty. Während am Anfang Sarah Striegel spricht, die Sozialarbeitsstudentin, kommen nach und nach auch Senta und Christine aus sich heraus.

In die Reben seien sie am Wochenende gegangen, bei Sentas Familie, erzählt Sarah, „da hab ich auch zum ersten Mal ihre Eltern kennengelernt.“ Die 22-jährige Senta Pfistner kommt aus der Nähe von Freiburg. Als Martin Danwarth von der Caritas auf sie zukam, mit der Idee, in eine gemischte WG zu ziehen, war sie begeistert. „Ich fand die Idee super, weil ich mich da, wo ich gewohnt habe, überhaupt nicht wohlgefühlt hab.“



In der WG hat sie bereits die Initiative am Herd ergriffen. Wenn sie wieder ihre Pute mit Reis kocht, will jeder probieren. Auch Christine Steffen, 26, ist froh, es in diese WG geschafft zu haben. „Vorher habe ich in einem Heim für betreutes Wohnen gelebt. Da hat es mir nicht besonders gefallen. Ich fühle mich hier viel freier. In meiner alten Wohnung habe ich mich nicht mit allen Mitbewohnern so gut verstanden.“

Auch hier, in der neuen Wohngemeinschaft, gab es schon den ersten Knatsch zwischen Senta und Christine. Mittlerweile haben sich die beiden ausgesprochen, und im Augenblick läuft alles reibungslos. Aber in solchen kritischen Momenten schaltet sich Holger Beha ein. Der 37-Jährige ist Mitarbeiter der Caritas und für die Betreuung der WG zuständig. Einmal in der Woche schaut er vorbei und bespricht sich mit der WG über Alltagsorganisation und Verwaltungskram. Aber die meiste Zeit sind die WG-Mitbewohnerinnen auf sich gestellt.



Sarah und Christine, die vierte Mitbewohnerin, haben einen Dienstvertrag mit der Caritas – die Kirchenorganisation übernimmt die Kaltmiete für die beiden, im Gegenzug verpflichten sie sich, mindestens acht Stunden die Woche zur Verfügung zu stehen, um verschiedene Aufgaben zu übernehmen. „Das kann vom gemeinsamen Einkaufen über Behördengänge oder einfach nur mal Kaffeetrinken alles sein“, erzählt Sarah.

Das Gefühl, eine Art Ersatzmama zu sein, hat sie bisher nicht: „Man merkt, dass jeder etwas anderes besser kann, und dass es mehr darauf ankommt, offen miteinander umzugehen." Nach einem festen Konzept geht sie deshalb nicht vor.

Der Unterschied von betreutem Wohnen zu einer WG ist nicht groß – aber es ist das entscheidende Quäntchen Freiheit, was die beiden hier haben. „Seitdem ich hier wohne, lege ich mich nach der Arbeit häufig einfach für eine Stunde hin – und keiner redet mir rein“, erzählt Christine glücklich. Das Konzept hat die Caritas gemeinsam mit Veronika Steidl ausgearbeitet.



Die 24-jährige Studentin kannte integrative WGs schon aus ihrer Heimat in Reutlingen. „Ich fand die Idee immer sehr gut und als ich nach Freiburg zum Studium kam, dachte ich, warum gibt es so etwas eigentlich nicht hier?“ Sie setzte sich mit Martin Danwarth in Verbindung, der sehr schnell Senta und Christine als Kandidatinnen im Auge hatte.



„Die beiden und ihre Familien fanden die Idee gleich gut, und so begaben wir uns auf Wohnungssuche.“ Als diese gefunden war, ging es auf die Suche nach den beiden Mitbewohnerinnen. In der Internetanzeige bei wg-gesucht fanden sich wenige Kriterien – Erfahrung mit geistig Behinderten war gut, aber nicht Pflicht. Einzige Bedingung: Zeit und Flexibilität mitbringen. Und zwei Frauen sollten es sein, das hatten sich Senta und Christine gewünscht. „Uns war wichtig, dass es keine Berührungsängste gibt“, so Veronika Steidl.

Deshalb waren Senta und Christine bei den Gesprächen mit den zehn Bewerberinnen auch dabei, und letztlich diejenigen, die die Entscheidung trafen - wie in einem ganz normalen WG-Casting eben.



Irgendwann zupft Christine mich am Arm. Sie will mir ihr Zimmer zeigen. Das gemütliche Zimmer mit dem großen Bett hat sie selbst eingerichtet. Viel Blau, viel Gelb, kleine Vorhänge. Von hier aus startet sie jeden Morgen zu ihrer Arbeit in einer Behindertenwerkstatt. Auch Senta zeigt mir ihr Zimmer – rechts lächelt der Schauspieler Orlando Bloom auf das helle Mädchenzimmer mit dem Bauernschrank, links hat Miroslav Klose einen Platz gefunden.



Der zweite Besuch

Beim zweiten WG-Besuch ein paar Wochen später sind die Mädchen vollzählig, die 24-jährige PH-Studentin Christine Aleker ist eingezogen. Die Einzugsparty hat ihre Spuren hinterlassen und auch sonst wirkt alles etwas bewohnter als beim ersten Mal. Der für eine Mädchen-WG typische Schuhberg im Flur, die an die Badwand gepappten Flaschenaufkleber, die Poster an den Wänden und der Putzplan in der Küche zeigen: langsam bildet sich eine Struktur.



Senta hat Arbeit gefunden in einem Altersheim in der Nähe und überhaupt lässt sich alles gut an gerade. Von Unsicherheiten im Umgang oder einem erzieherischen Ton gibt es keine Spur, im Gegenteil: „Es ist alles total ausgeglichen hier und ich muss sagen, ich bin überrascht, wie gut alles klappt“, sagt Christine.

Es ist einfach nur eine ganz normale WG, die mit ihren Höhen und Tiefen zusammenlebt. Martin Danwerth sagt: „Es ist immer noch ein Entstehungsprozess. Und eine Gratwanderung zwischen Begleitung und Freiheit."

(Fotos: Felix Herkenrath)

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