Faschismus als Partyspiel: Wenn die beste Freundin heimlich Hitler ist

Manuel Fritsch (@manuspielt)

Das Spiel heißt "Secret Hitler" und versetzt seine Spieler ins Deutschland der 30er Jahre, den Abend, bevor Adolf Hitler Kanzler wurde. Warum das Kartenspiel erschreckend nah an der Realität ist? fudder-Autor Manuel Fritsch hat es getestet.

Nora ist meine beste Freundin, wir kennen uns seit über 20 Jahren und ich vertraue ihr blind. Normalerweise. Jetzt sitze ich ihr gegenüber und kann nichts aus ihren Augen ablesen. Ich weiß nicht, ob sie mich eiskalt anlügt oder wirklich kein Nazi ist. Ich entscheide mich dazu, ihr zu glauben, doch das führt nun dazu, dass meine Frau mich beschuldigt, ebenfalls ein Faschist zu sein. Während wir uns streiten stellt sich heraus: Mein Sohn ist Hitler, und wir haben uns ohne Grund gegenseitig misstraut und die wahre Gefahr dabei aus den Augen verloren. Die Faschisten haben gewonnen!


Zum Glück nur am Küchentisch unserer wöchentlichen Spielrunde. Das Partykartenspiel "Secret Hitler" liegt ausgebreitet vor uns und versetzt uns ins Deutschland der 30er Jahre, am Vorabend der Wahl von Adolf Hitler zum Kanzler. Die 5 bis 10 Mitspieler schlüpfen in geheime und zufällig gezogene Rollen: Zum einen gibt es die Faschisten, darunter einen "geheimen" Hitler, zum andern eine größere aber unkoordinierte Gruppe an Demokraten. Der Clou: Nur die Faschisten wissen voneinander, während die Demokraten herausfinden müssen, wer sich für eine freiheitliche Regierung einsetzt und wer nur den Anschein erweckt. Das Ziel der Faschisten: Die Demokratie mit immer radikaleren Gesetzen langsam aber sicher aufzuweichen, bis Hitler völlig demokratisch zum Kanzler ernannt wird, um die Demokratie endgültig abzuschaffen. Die Demokraten dagegen gewinnen, wenn sie die Machtergreifung Hitlers verhindern können.

Wie funktioniert das Spiel?

In jeder Runde gibt es einen Präsidenten, der einen Mitspieler zum Kanzlerkandidaten ernennt. Alle Abgeordneten können daraufhin mit JA! oder NEIN! stimmen. Zu Beginn sind alle Spieler unverdächtig, aber das ändert sich schnell nach der Etablierung der ersten Gesetze. Wurde ein Kanzler gewählt, zieht der aktuelle Präsident drei Gesetzesentwürfe aus einem Stapel, die sehr vereinfacht mit blau für "liberal/demokratisch" und rot für "faschistisch" gekennzeichnet sind.

Der Präsident darf eine Karte davon geheim auf den Ablagestapel legen und gibt dem Kanzler die übrigen beiden weiter. Dessen Aufgabe ist es nun, seinem Kabinett eine davon zur Abstimmung vorzuschlagen. Genau hier wird es brenzlig: Ist der aktuelle Kanzler ein Faschist, weil er ein rotes Gesetz zur Abstimmung präsentiert oder blieb dem Regierungschef schlicht keine andere Wahl, weil der Präsident ihm nur zwei faschistische Gesetze vorgelegt hat? Natürlich versuchen sich daraufhin beide Machtinhaber zu erklären – aber wem kann man glauben und wer lügt? Wer steckt mit wem unter einer Decke? Oder sind gar beide unschuldig, weil das Kartendeck auch dem Präsidenten ausschließlich rote Karten anbot?

Wichtig ist es auch zu ergründen, welche Motivation hinter einem Ja oder einem Nein für einen bestimmten Kandidaten oder ein Gesetz steckt. Gute Menschenkenntnis sowie das Erkennen und Exekutieren von Bluffs sind elementar. Gute Lügner sind spielerisch im Vorteil, aber auch doppelt verdächtig in den Folgerunden!

Der Siegeszug des Faschismus ist ein schleichender Prozess

Eine erschreckende Nähe zur Realität erhält das Spiel, weil es auch für Demokraten mitunter sehr hilfreich sein kann, freiheitseinschränkende Gesetze zu verabschieden, denn es erleichtert ihnen die Arbeit (Stichwort: Vorratsdatenspeicherung). Um dies zu simulieren erhält der Präsident mit jeder weiteren faschistischen Gesetzeskarte mehr Macht und kann sich beispielsweise die Rollenkarte eines Mitspielers ansehen oder im späteren Spielverlauf einen Mitspieler exekutieren lassen.

Auch aufrechte Demokraten können also ein Interesse daran haben, zumindest zu Beginn mit den Faschisten zu kooperieren. Doch wer mit dem Feuer spielt, riskiert mit jedem weiteren Machtgewinn dem im geheimen agierenden Hitler den Weg zur Kanzlerschaft zu bereiten. Außerdem riskiert er auch selbst in Verdacht zu geraten, die Demokratie zu unterwandern. Jede der nur rund 15 bis 20 Minuten dauernden Partie verläuft anders, bietet neue überraschende Wendungen und Spielweisen und anregende Diskussionen im Anschluss.

Wie kann ich das spielen?

Das Spiel kommt ohne verfassungsfeindliche Symbole aus, die Faschisten und Hitler werden absolut familientauglich vom Illustrator Mackenzie Schubert als Echsenmenschen in Uniform, die Demokraten als Frösche illustriert. Die physikalische Version des Spiels, die über die Crowdfundingplattform Kickstarter mit rund 1,5 Millionen ein riesiger Erfolg wurde, ist aktuell vergriffen, aber eine PDF-Variante zum selber ausdrucken ist auf der Webseite als Print & Play kostenlos verfügbar. Die Macher erlauben außerdem ausdrücklich unter der Creative Common License eine Adaption und Veränderung des Materials. Eurer eigenen "Secret Gauland"-Edition steht also nichts mehr im Weg, solange ihr diese nicht kommerziell vertreibt.

Fazit

Ich hätte nie gedacht, dass mich ausgerechnet ein Spiel mit dem wenig subtilen Namen "Secret Hitler" zum Nachdenken über die schleichende Unterwanderung der Demokratie mit demokratischen Mitteln bewegt. Secret Hitler wird sicherlich keinen AfD- oder Trump-Wähler zum Umdenken bewegen, aber das wäre vielleicht auch etwas hoch gegriffen.

Das Partykartenspiel handelt nicht von Inhalten, sondern zeigt mit seiner simplen, strategischen und vor allem zwischenmenschlich hoch spannenden Mechanik, wie schnell und einfach eine demokratische Mehrheit von ein paar Lügen verbreitenden Faschisten verunsichert und unterwandert werden kann. Und das Wichtigste: Es macht dabei noch verdammt viel Spaß.

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