Farmville: Kühe melken auf Facebook

Sandra Tieso

54 Millionen Internet-Nutzer auf der ganzen Welt haben seit diesem Jahr eine Gemeinsamkeit: Sie pflanzen Bäume, ernten Gemüse und geben hässlichen Entchen ein neues Zuhause. Farmville heißt das Computerspiel, das inzwischen jeder sechste Facebook-Nutzer spielt. Und mit dem er – unter Umständen mehrmals täglich – in die Rolle eines Bauern schlüpft.



Das Prinzip ist banal: Per Mausklick erstellt der Farmville-Spieler ein kleines Feld. Ein weiterer Mausklick, und Obst und Gemüse pflanzen sich wie von selbst. Und dann muss der Spieler warten. Je nach Samensorte zwischen zwei Stunden und vier Tagen, bis die virtuelle Ernte ansteht. Per Mausklick. Wie kann ein einfaches Spielprinzip wie dieses innerhalb von nur vier Monaten zum bisher beliebtesten Sozialen-Netzwerk-Spiel aller Zeiten heranwachsen?


„Genau, weil es so einfach ist, spiele ich jeden Tag,“ erklärt Kai Scholz seine Entscheidung, in die virtuelle Farmwelt einzusteigen. Mit ein paar Mausklicks, die Spaß bringen, beginnt der Freiburger VWL-Student seit August fast jeden Morgen seinen Tag. Vor dem Frühstück Kirschen pflücken, Kartoffeln ernten, Weinreben setzen – für Kai Scholz längst Teil seines Alltags. Bis zu einer halben Stunde widmet der 24-Jährige vor dem Gang zur Uni seiner Farm, mittags und abends noch mal mindestens genauso viel. Macht im Schnitt eineinhalb Stunden pro Tag für das virtuelle Rekordspiel. „Andere machen Kreuzworträtsel, ich spiele eben Farmville.“ Und nebenbei könne der Student noch soziale Kontakte pflegen.

Denn die sind in der Welt der virtuellen Landwirte integriert: Wenn sich im Netzwerk Facebook zusammengeschlossene Internetnutzer im Spiel anmelden, wird dies Farmerfreunden sofort angezeigt. Eine Nachbarschaft kann beantragt werden, die virtuellen Landwirte können sich vernetzen und anschließend sogar gegenseitig einen Besuch abstatten. Und das bringt wiederum Punkte und damit virtuelles Spielgeld.



Bis zu Level 31 hat sich Kai Scholz so schon hochspielen können innerhalb von rund 50 investierten Spielstunden. Sein nächstes Ziel: Die große Villa besitzen, die sich erfolgreiche Farmer kaufen können. Ein weiterer Grund für den großen Erfolg des Spiels: „Meine Ziele im Spiel ändern sich andauernd. Erst wollte ich mehr Bäume, dann einen Teich, jetzt das große Haus.“

Eine richtig hübsche Farm hat sich auch Gabi Beyer zum Ziel gesetzt. Die bekommt nur, wer viel Spielgeld besitzt. Das wiederum gibt es nur für erfolgreiche und vor allem häufige Ernte, also möglichst viel in Farmville verbrachte Zeit. Mindestens zwei Stunden pro Tag lässt sich die in Florida lebende Exil-Freiburgerin auf ihrem virtuellen Stück Land blicken. Als süchtige Computerspielerin würde sie sich aber nicht bezeichnen, mit Farmville ist sie erstmals in die Welt der Zocker eingetaucht. Und doch trifft sie damit nicht überall auf Verständnis. „Im Büro fiel schon mal das Wort verrückt,“ sagt Beyer und lacht. Dass die 27-Jährige mehrmals täglich von Ernten und Farmen spricht, sorgt im Arbeitsalltag nicht selten für Verwirrung. Probleme mit dem Chef bekommt die Universitätsmitarbeiterin zwar nicht, während die Kollegen sich aber zur Kaffeepause verabreden, verschwindet Gabi Beyer lieber auf ihre Farm, weil sonst alles verwelkt.

So ist es den Spieleentwicklern des US-amerikanischen Unternehmens Zynga gelungen, Menschen weltweit mehrmals täglich an eines ihrer Produkte zu binden. Und das ohne großen Aufwand: Nachdem das Spiel im Juni diesen Jahres veröffentlicht wurde, verbreitete es sich ohne jeglichen Werbemaßnahmen in der Facebook-Welt. Nach den ersten vier Wochen hatte Farmville schon elf Millionen Nutzer, inzwischen sind es 54 Millionen, Tendenz stark steigend.

Ein Erfolg, der Internetnutzer kaum wundert: Niemand, der im sozialen Netzwerk Facebook angemeldet ist, kommt um Farmville herum. Spieler streuen dort ihre Erfolgsmeldungen, die dann automatisch auf den Netzwerkseiten ihrer Freunde erscheinen. Ob diese wollen, oder nicht. So nutzt das Unternehmen kostenlos das Potenzial, das das Facebook-Netzwerk bietet.



Zynga-Chef Mark Pincus selbst spricht von einem kulturellen Phänomen und hofft auf neue Rekorde. So will das Unternehmen sein Farmville-Spiel zum größten Online-Spiel aller Zeiten heranwachsen lassen und damit weiter seine Kassen füllen. Denn obwohl das Farmerleben kein echtes Geld kostet, kann dort investiert werden.

Spezielle Häuser und andere Dekorationen können nur mit einer Sonderwährung namens Farmville-Dollar bezahlt werden. Die ist selten und käuflich. Ihre Bilanzen halten die Spieleentwickler dazu bisher noch geheim. Aber die Rechnung ist einfach: Würde jeder Farmville-Spieler nur ein einziges Mal im Farmerleben einen Euro investieren, wären das 54 Millionen Euro für Zynga.

Ein Ende des Booms
ist nicht in Sicht: Wöchentlich beglücken die Entwickler ihre Farmer mit neuen Überraschungen. Über die neueste Attraktion, einen erdnussspendenden Zirkuselefanten, diskutiert die Welt der Farmer noch heute.



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