Fanfiction: Wenn Fans sexy Geschichten über Harry Potter und Draco Malfoy schreiben

Carolin Buchheim

In dieser Woche startet "50 Shades of Grey" weltweit in den Kinos. Die wenigsten Kinobesucher dürften wissen, dass Ana Steele und Christian Grey einmal Bella Swan und Edward Cullen hießen – und Letzterer ein Vampir war. Denn E.L. James schrieb die BDSM-Romanze als Fanfiction zu "Twilight" und veröffentlichte sie zuerst unter einem Pseudonym im Internet. Dort boomt die Literatur von Fans seit Jahren.

Die Website Archiveofourown.org beeindruckt mit Masse. 1.5 Millionen Texte zu 17.525 unterschiedlichen Fanwelten und rund 480.000 Nutzer machen das Portal aktuell zum Hotspot #1 in der Welt der Fanfiction. Fans schreiben hier Geschichten mit Charakteren aus Büchern, Filmen, Serien, Comics oder Computerspielen. Die Zielgruppe: andere Fans.


„Fanfiction ist Extra-Content zu etwas, was man ohnehin schon toll findet“, erklärt die 18-jährige Maria aus Freiburg das Phänomen. Ein paar tausend Texte von Archiveofourown sind auf ihrem Kindle gespeichert, der in einer pinkfarbenen Lederhülle steckt. Die Texte sind sorgfältig nach Genres, Autorinnen und Fanwelten geordnet. Auch in den Portalen geht’s ordentlich zu: dort werden die Texte mit Abkürzungen indexiert, damit der suchende Fan schnell genau das findet, was gefällt.

Maria hat mit 13 angefangen, Fanfiction zu lesen. Über ein Forum zu einem Manga, das sie mochte, besuchte sie das erste Mal eine Fanfiction-Seite und war sofort fasziniert. „Damals habe ich mich systematisch  durch  die Übersicht aller 9000 Texte zu dem Manga geklickt“, sagt sie. Der Anfang einer Leidenschaft der Vielleserin.

Fanfiction ist ein Netzphänomen, aber schon vor dem Internet haben Fans Geschichten weitergeschrieben und zum Beispiel in Fanzines verbreitet. „Dank des Internets funktioniert das jetzt schneller und reibungsloser“, sagt die Marburger Medienwissenschaftlerin Vera Cuntz-Leng (Bild rechts), die zum Thema forscht und über Harry-Potter-Fanfiction promoviert hat.

„Heute steht im Netz ein großer  und extrem diversifizierter Markt an Fantexten jederzeit und kostenlos zur Verfügung.“ Besonders beliebt bei den Fans sind fantastische Sujets und Franchises mit vielen Figuren wie „Harry Potter“ oder „Star Trek“. „Sie bieten Fans die meisten Spielräume, selbst Geschichten zu entwickeln“, sagt Cuntz-Leng. Ausnahmen von der Regel gibt es natürlich auch: Aktuell boomt Fanliteratur zur TV-Serie „Sherlock“. Maria mag, dass Fanfiction zugleich unbegrenzt und extrem selektiv ist.  „Wenn man bestimmte Teile eines Universums nicht oder einen Nebencharakter ganz besonders mag, kann man sich auf Geschichten konzentrieren, in denen einem alles passt.“ Über solche Vorlieben entstehen auch  Kontakte; Maria ist seit Jahren mit einem Fan eines Nebencharakters einer Manga-Serie in Malaysia befreundet. „Manchmal glaube ich, wir sind die einzigen, denen dieser Charakter so gut gefällt“, sagt sie. Heute schenken sich die beiden jungen Frauen zu Weihnachten und zu Geburtstagen gegenseitig Geschichten.

Lieber Aragorn und Boromir als Aragorn und Arwen

Fanfiction ist Frauensache. Nach einer Untersuchung von fanfiction.net werden 93 Prozent der Texte von Frauen geschrieben; oft sind sie im Teenageralter. „Der große Reiz von Fanfiction liegt darin, selbst Literatur zu kreieren und in einem geschützten Rahmen seine eigenen Fantasien zu erschaffen“, sagt Vera Cuntz-Leng. Das erkläre auch, warum Sex ein so wichtiges Thema in vielen Fan-Geschichten sei. „Die Autorinnen sind noch in  einem Prozess der Identitätsbildung, der mit der sexuellen Entwicklung einhergeht.“

Auffällig ist, wie oft Fans Storylines über schwule Liebesbeziehungen schreiben und Captain Kirk und Mr. Spock  oder Harry Potter und Draco Malfoy hocherotische Szenen erleben lassen. „Der Reiz dieser sogenannten Slash-Fanfiction liegt darin, dass man sich als Leserin in jeden Beteiligten hineinversetzten kann und trotzdem noch einen erotischen Gegenpart hat“, sagt Cuntz-Leng. Zudem schwinge in Fantasy-Texten wie der „Herr der Ringe“-Trilogie eine latente Homoerotik  mit, da funktionale Beziehungen dort bevorzugt zwischen Männern stattfinden würden. „Warum soll ich als Fan die blutleere Liebesgeschichte zwischen Aragorn und Arwen ausschmücken, wenn die Spannung zwischen Aragorn und Boromir viel präsenter ist?“

Dass  „50 Shades of Grey“ einmal Fanfiction war, findet Maria ziemlich peinlich. „50 Shades ist einfach zu schlecht“, sagt sie. Natürlich gibt es mittlerweile auch Fanfiction über Ana Steele und Christian Grey. „Fanfictionception“, sagt Maria in Anspielung auf den Film „Inception“ – und lacht.

Glossar

 
Pairing:
Ein Pärchen aus (meist) fiktiven Charakteren – wie Harry und Draco

Shipping: Das leidenschaftliche Unterstützen eines Pairings – und auch der Wunsch, zwei Charaktere nach tausend Folgen, Filmen oder Seiten endlich Küssen zu sehen

OTP: „One True Pairing“, das Paar, das man als Fan mehr als alle anderen shippt

Oneshot: Ein kurzes Kapitel, meist zwischen zwei- und zehntausend Wörter

Fluff: Fröhliche, locker-leichte Geschichten mit Happy-End

Smut: Story mit viel Sex – aber auch mit Handlung

PWP: „Porn without plot“ – Story mit viel Sex und nur  wenig Handlung

Angst: Traurige Geschichten mit ernsten, emotional aufwühlenden Themen und meist tragischen Enden

AU: „Alternatives Universum“, zum Beispiel Harry Potter ohne Magie

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[Bilder: Concorde/Universal/Warner/Privat]